Daniel Gäsche
Born To Be Wild - Die 68er und die Musik
Born To Be Wild Daniel Gäsche
Medium: Buch
351 Seiten, Hardcover
Militzke Verlag, Leipzig, 2008
ISBN: 978-3-86189-806-1,
EUR 24,90

Buch-Review vom 11.09.2008


Jürgen Bauerochse
Jedes Jahr aufs Neue erscheint eine Flut von Büchern, die sich mit der Aufarbeitung von Ereignissen aus der jüngeren Geschichte unseres Planeten beschäftigt. Aus allen Bereichen des Weltgeschehens gibt es Recherchen aus dem In- und Ausland, die anhand von reinen Fakten aber auch von Aussagen der jeweiligen Zeitzeugen verwurstet und aufgedröselt werden. Dabei entstehen vielleicht nicht immer ganz objektive Berichte über die betreffenden Epochen, denn schließlich schwingt die subjektive Meinung eines jeden Autoren bei allen Themen im Hintergrund mit. Und trotzdem vermittelt jedes Buch einen ganz eigenen Gesamteindruck über die zu besprechende Zeit.
Mit "Born To Be Wild" liegt jetzt ein Band vor, der sich, wie der Untertitel "Die 68er und die Musik" ganz treffend aussagt, mit dem Jahr 1968 auseinandersetzt. Mit jenem Jahr also, in dem sich in der freien westlichen Welt ein grundlegender Umbruch in Sachen Lebenseinstellung vollzog. Fast alle alteingesessenen Ideale der älteren Generation wurden über Bord gekippt oder zumindest in Frage gestellt.
Soziale Missstände wurden öffentlich angeprangert. Kriegsgegner gingen aus Protest gegen den amerikanischen Einsatz in Vietnam auf die Straße, die 'freie Liebe' wurde von den Hippies ausgerufen und auch praktiziert, bewusstseinserweiternde Drogen vergrößerten den geistigen Horizont der Jugend, die Black Power-Bewegung nahm ihren Anfang. All das entfachte eine Umbruchstimmung unter der Bevölkerung, in der gewalttätige Auseinandersetzungen quasi vorprogrammiert waren.
In Frankreich kam es zu schwersten Studentenunruhen, die auch sehr schnell auf Deutschland übergriffen. Die APO entstand, ebenfalls die Kommune 1 in München. Schnell waren Leute wie Rudi Dutschke und Rainer Langhans in aller Munde. In fast jeder größeren Stadt kam es zu Ausschreitungen zwischen der Polizei und der aufgebrachten Studentenschaft. Der Tod von Benno Ohnesorge, der von der Staatsmacht während einer Demonstration erschossen wurde, ließ die Gesamtsituation noch weiter eskalieren.
In der CSSR wurde der so genannte 'Prager Frühling' durch den Einmarsch von sowjetischen Panzern blutig beendet.
Noch nie in der Geschichte wurde das politische Bewusstsein und das angestrebte Lebensgefühl so stark von der Musik mitgeprägt, wie im Jahr 1968. Die Protestsongs standen ganz hoch im Kurs. Man hing förmlich an den Lippen von Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan, die somit ganz schnell zu den Sprachrohren der Studenten wurden. In Deutschland wurden die kritischen Liedermacher Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader, sowie der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch zu den Volksvertretern, deren Texte das einzig Wahre zu sein schienen.
Doch auch in der Rockmusik stiegen einige Musiker zu Ikonen dieser Generation auf. Vollkommen abgedrehte Bands wie Grateful Dead und Jefferson Airplane gaben ihre aggressiven Texte auf Free-Konzerten ans Volk weiter. Janis Joplin und Jim Morrison verarbeiteten das Lebensgefühl in ihren Songs weiter, und Jimi Hendrix 'zerfetzte' auf dem Woodstock-Festival in "Star Spangled Banner" die amerikanische Nationalhymne in alle Einzelteile.
Über all diese Bewegungen und Begegnungen in der Alten und Neuen Welt berichtet Daniel Gäsche sehr anschaulich und leicht verständlich. Außerdem beleuchtet er auch die Anfänge dieses Umbruchs einige Jahre früher. Dabei geht er von San Francisco als Hauptstadt der Hippie-Bewegung, bis zum Hamburger Star Club, in dem die Beatles ihre große Karriere starteten. Er verweilt beim Burg Waldeck Festival, bei dem die ersten deutschen Politsongs gespielt wurden und erinnert an die 'Essener Songtage', bei denen u. a. auch The Fugs, Alexis Korner, Julie Driscoll und Frank Zappa mit seinen Mothers Of Invention auftraten. 40.000 » Hippies, Gammler und Revoluzzer« waren bei diesem ersten deutschen Festival dabei und sorgten damit damit für eine Premiere dieser 'neuen Generation'.
Verfeinert hat Gäsche dieses Buch noch durch einige Interviews und einer Rubrik '5 Fragen anů', wobei ich mir nicht sicher bin, ob Leute wie Rezzo Schlauch, Hannelore Hoger, Ulrich Wickert und Ilja Richter unbedingt die richtigen Gesprächspartner für dieses Thema waren.
Interessant sind auch die Ausführungen über das Geschehen in der DDR zur gleichen Zeit, einen Punkt, den man ja Gott sei Dank inzwischen ebenfalls komplett aufarbeiten kann.
Die Lektüre dieses Buches ist durchaus empfehlenswert, denn es wird von fast allen Brennpunkten dieses so schicksalhaften Jahres 1968 erzählt, ohne das heutzutage wohl noch so Einiges anders laufen würde.
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