Bernard Allison Group / Live At The Jazzhaus
Live At The Jazzhaus Spielzeit: 51:14 (CD 1), 49:35 (CD 2)
Medium: Do-CD
Label: Jazzhaus Records, 2011
Stil: Blues

Review vom 16.02.2011


Wolfgang Giese
Kann man anhand von Studioproduktionen irgendwie relativ leicht erkennen, ob und welche Entwicklung vonstatten gegangen ist und ob sich Sound oder Stil geändert haben, verhält es sich mit Liveaufnahmen in der Regel ganz anders. Vielleicht nicht unbedingt immer im Rock- oder Popmusikbereich, doch im Blues habe ich bereits öfter diese Feststellung machen können. Live lassen die Künstler oft spontan das heraus, was ihr eigentliches Anliegen, ihr Metier ist.
So hat auch Bernard Allison im Laufe zahlreicher Plattenveröffentlichungen im Studio mal mehr den einen, mal mehr den anderen Weg eingeschlagen, doch 'live is live'! Es bleibt insofern als Unterscheidungskriterium letztlich, in welcher Tagesform der Musiker und seine Band sind, welche Spielfreude sie zeigen, wie die Kommunikation mit dem Publikum übergreifend und bestimmend sein kann. Mittlerweile ist dieses das vierte Livealbum nach "No Mercy", "Kentucky Fried Blues" und Energized. Da kann man also gut Vergleiche ziehen.
Hier nun live im Freiburger Jazzhaus, aufgenommen im November 2010. Nach einer kurzen Begrüßung shuffelt es los mit satten Hammond-Klängen und das Saxofon begleitet, bis die Instrumentalnummer solistisch von Bernard übernommen wird. Mit der Hammond gibt er sich allerdings 'die Klinke in die Hand', bis auch Jose James solieren darf, gruppendienlich, kurz, ohne großen Ausdruck - leider. Und so verstehe ich den ersten Titel auch wohl eher als 'Begrüßungsstück'.
Die schwellende Orgel bestimmt auch den nächsten Track - das ist mir eher nicht so geläufig. Allison wird nun offiziell vorgestellt und ein eher souliger Song übernimmt das Geschehen. Mit sehr viel Gefühl trägt der Blueser den Text vor; schlimm hat die Dame im Text ihn offensichtlich behandelt, nicht einmal seinen Hund würde er so behandeln. Mir fällt auf, dass die Stimmung im Gegensatz zu früheren Livescheiben bisher recht gemäßigt ist, dabei sehr professionell und musikalisch einwandfrei. Ist Bernard sanfter geworden? Hier wird das Saxofonsolo nun sehr passend und im Sinne des Liedes mit Leidenschaft und Soul vorgetragen. Doch, wo bleibt die Gitarre? Der Titel schleppt sich dann auch mehr dem Ende entgegen.
Doch dann der, wie es heisst, allererste Rock'n'Roll-Song überhaupt: "Rocket 88" von Jackie Brenston, das kann einfach nur gut werden. Aber nicht so dreckig, wie man ihn eigentlich spielen könnte, sondern auch sanfter, dafür aber locker swingend, mehr R&B-orientiert. Demzufolge auch wieder mit Saxofon, legt die Band diesen so oft gespielten Titel in einer anderen Fassung vor, mir gefällt es. Auch das Gitarrensolo kommt so gar nicht auf Effekt und Vordergründigkeit zielend, sondern mehr locker. Das ist wirklich cool, das Wah Wah-Pedal wird ebenfalls zu Hilfe genommen. Mein erster Anspieltipp!
Nun funkt es weiter, so gar kein rechter Blues mehr auf "Tired Of Tryin'", man merkt, dass Allison noch immer zwischen den Stilen pendelt, das heisst, zwischen Blues, Soul, Rhythm & Blues und Rock.
Der schon auf der letzten Platte vorgestellte Saxer, von dem ich bemängelte, dass er zu kurz käme, wird live nun intensiver vorgestellt. Nun gut, zum erlauchten Kreise meiner Lieblingsbläser wird er sich nicht gesellen können, aber er bringt angenehme Farbspritzer in die Musik, insofern eine Bereicherung zu früheren Konzerten ohne jegliche Bläser. Lediglich anfänglich, als Bernard die Band seines Vaters übernahm, gab es noch eine Bläsersektion. Mit souligem Anstrich, erneut stark in die Richtung von Robert Cray schielend ("So Devine"), geht es weitestgehend weiter; dieses scheint offensichtlich der Stil zu sein, der sich nunmehr eingestellt hat. Oder?
Auf CD 2, beim dritten Track, wird es zunächst noch einmal etwas anders: der erste lange Titel über zehn Minuten, 'Slideshow' ist nun wieder angesagt, aber nicht in dem furiosen Maße, wie Allison es früher über Themen von Johnny Winter ("Meantown Blues") oder Bo Diddley anlegte, sondern fein und relativ ruhig.
"Tobys B3", das ist ein Feature für den Keyboarder, wie es der Trackname bereits eindeutig aussagt, ein kurzes Zwischenspiel, bevor es nahtlos mit Pianoklängen zu einem absoluten 'Klassiker' übergeht: Vati Luthers "Serious", das Piano dabei von smoothen Saxofonklängen begleitet, nun ja, es ist genug Zeit für die Entwicklung des Songs, über 16 Minuten lang. Bernard stellt diesen vor als einen, den er für seinen Vater spielt, wie er es immer macht, und das mit recht bewegtem Ausdruck, die beiden scheinen sich gut verstanden zu haben. »This is for you, Dad«. Mit diesen Worten setzt die Gitarre ein und bringt (mir) dieses spezielle 'Gänsehautgefühl'.
Im Laufe der Nummer noch etwas Saxofon und das bis zum Schluss gespielte Gitarrensolo lässt wehmütige Erinnerungen an Luther Allison wach werden. Ach, ich vermisse ihn und seine Show noch heute, da immer durchgehend 'Gänsehaut'… Wie auch immer, sein Sohn lässt ihn hier auferstehen, danke dafür.
Mit dem Titeltrack des Albums Chills & Thrills verabschiedet sich die Band wiederum sehr funky, der Saxofonist wird hier zum Schluss noch einmal kurz von der Leine gelassen, dann ein »Danke schön«, und das war's.
Zusammenfassend stelle ich fest, dass die rockenden und rollenden Anteile stark zurückgeschraubt wurden, ein so richtig 'dreckiger' Blues findet sich nicht wirklich.
Dieses verstehe ich lediglich als Feststellung hinsichtlich meines persönlichen subjektiven Wunsches, mehr vom shuffelnd-bluesigen Allison genießen zu können. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter gehen wird.
Das Konzert ist übrigens auch als DVD-Ausgabe erhältlich.
Line-up:
Bernard Allison (vocals, guitar)
George Moye (bass)
Toby Lee Marshall (keyboards)
Jose James (sax, percussion, vocals)
Erick Ballard (drums)
Mike Goldsmith (guitar)
Tracklist
CD 1:
01:Send It In (Allison) [3:02]
02:I Wouldn't Treat A Dog (Walsh/Omartian/Price/Barri) [6:08]
03:Rocket 88 (Brenston) [7:30]
04:Tired Of Tryin' (Allison/Goldsmith) [5:55)
05:So Devine (Allison) [5:48]
06:Black And White (Allison] [6:18)
07:Life Goes On (Allison) [8:18]
08:Allison Way (Allison ) [8:16]
CD 2:
01:Groove With Me (Allison) [4:54]
02:The Otherside (Allison) [5:49]
03:Just My Guitar And Me (Allison/Allison) [12:30]
04:Tobys B3 (Marshall) [3:05]
05:Serious (Luther Allison) [16:26]
06:Chills & Thrills (Allison) [6:35]
Externe Links: