Joe Bonamassa / Muddy Wolf At Red Rocks
Muddy Wolf At Red Rocks Spielzeit: 130:00 (nur Konzert), 224:00 (inkl. Bonusmaterial)
Medium: Blu-ray
Sound: DTS 5.1
Region: Region B/2
FSK: ohne Altersbeschränkung
Label: Provogue / Mascot, 2015
Stil: Blues, Blues Rock

Review vom 11.05.2015


Jürgen Hauß
Schon wieder eine Veröffentlichung von Joe Bonamassa? Braucht man die wirklich? Die gefühlt achtundachtzigste Veröffentlichung des - aus meiner Sicht - genialen Blues-/Bluesrock-Gitarristen in gerade einmal 15 Jahren! Nun, ganz so inflationär ist sein musikalischer Output doch nicht, aber insgesamt elf Studio- sowie die gleiche Zahl an Live-Alben in diesem Zeitraum lassen einen schon leicht schwindelig werden.
Zudem erreicht die Zahl der auf DVD bzw. Blu-ray veröffentlichten Auftritte mit dem vorliegenden Werk ebenfalls die Zweistelligkeit. Und dabei zählt diese Aufstellung ausschließlich sein Output als Solo-Musiker auf; seine Side-Projekte mit Beth Hart, Black Country Communion sowie Rock Candy Funk Party sind da noch gar nicht mitgezählt, geschweige denn seine Gastauftritte, bspw. auf dem jüngst erschienenen Album "Ooh Yea" von Mahalia Barnes.
Möglicherweise ist es dem Protagonisten selbst ähnlich ergangen, dass das rasante Tempo doch allmählich auch für ihn zu schnell wurde, wenn man das Cover seiner letzten Studio-Einspielung Different Shades Of Blue damit nicht überinterpretiert.
Zumal er über den genannten Zeitraum hinweg eine Entwicklung vom ungeschliffenen Blues-Rocker zum glattgebügelten Saitengniedler genommen hat (zusammengefasst sehr gut erkennbar in seinem Opus Tour De Force - Live In London 1 - 4), die nicht jeder seiner Anhänger aus Anfangszeiten bereit war, mitzugehen. Da macht es vielleicht einmal Sinn, 'back to the roots' zu gehen.
Dies tut Joe Bonamassa mit seinem jüngsten Werk. Er hält musikalisch wie stilistisch inne und besinnt sich auf seine Anfänge bzw. seine musikalischen Vorbilder (obwohl er im Booklet diesbezüglich ausführt: »my expertise and connoisseurism falls more into the blues made by those with Crowns on their heads, if you get my drift«). Tun wir!
Wie der Titel des Albums vermuten lässt, widmet sich Joe Bonamassa vorliegend in erster Linie der Musik der großen Blues-Legenden Muddy Waters sowie Howlin' Wolf. Eigentlich hätte das Album treffender vielleicht "Muddy Dixon Wolf At Red Rocks" heißen müssen, denn von den 15 Songs, die Joe Bonamassa in diesem Teil des Konzerts spielt, stammen immerhin sechs Titel - und damit die meisten Kompositionen - aus der Feder von Willie Dixon, wurden allerdings (auch) von den beiden Namenspaten interpretiert.
Für den dokumentierten Auftritt hat sich Bonamassa (bzw. sein Produzent Kevin Shirley) das legendäre Red-Rocks-Amphitheater oberhalb von Denver im US-Bundesstaat Colorado ausgesucht, eine zwischen zwei rund 100 Meter hohen Sandsteinfelsen eingebettete Freilichtbühne, die gut 9.000 Menschen Platz bietet und für ihre herausragende Akustik bekannt ist. Insbesondere in den Abendstunden mit rot glühenden Felsen im Hintergrund bzw. dem Blick über das erleuchtete Denver ist das eine absolut stimmungsvolle Location.
Passend zum festlichen Anlass hat sich die geniale Begleitband absolut stilvoll gewandet, mit schwarzer Hose, weißem Hemd, weißem Sakko, schwarzer Krawatte bzw. Fliege sowie passenden Kopfbedeckungen. Dass Bonamassa im Anzug erscheint, ist ja nichts neues, seine Position als 'primus inter pares' unterstreicht er durch einen durchgängig schwarzen Anzug und fehlende Krawatte. Überhaupt die Band: Sie ist nicht nur optisch ein Leckerbissen. Für die Rhythmus-Abteilung hat er auf seine altbewährten Begleiter Anton Fig und Michael Rhodes zurückgegriffen. Die Bläser-Sektion wird wie gewohnt von Lee Thornburg geführt und durch Ron Dziubla sowie Nick Lane komplettiert. Mit Kirk Fletcher (u.a. Mannish Boys) hat sich Bonamassa einen zweiten Gitarristen auf die Bühne geholt, der ihm oftmals den Rücken frei hält (aber auch - vereinzelt - solistisch glänzen darf). Hinzu kommt Mike Henderson, der eine tolle Bluesharp spielt. Am meisten beeindruckt hat mich allerdings bei diesem Auftritt der Piano- und Hammondorgel-Spieler Reese Wynans (u.a. Mitglied bei Double Trouble). Der mir bis dato völlig unbekannte Tastenmann, der jedenfalls schon über 60 Jahre alt sein dürfte (genauere Bio-Angaben habe ich nicht gefunden) strahlt eine Freude und Gelassenheit beim Spielen aus, dass man ihm immer nur zuschauen möchte (Bei der jüngsten Tournee von Bonamassa durch Deutschland Anfang des Jahres war er ebenfalls mit von der Partie!).
Die Dokumentation des Konzerts beginnt allerdings mit einem Prolog: Filmaufnahmen zeigen Joe Bonamassa unterwegs mit einem Oldtimer quer durch die Baumwollfelder von Mississippi, um die Ursprünge zu entdecken, wo der Blues herkommt. Hier bekommt man praktisch das übliche Bonusmaterial einer DVD schon am Anfang präsentiert (zumindest teilweise, denn eine ausführlichere Version gibt es tatsächlich im zusätzlichen Bonuspaket. Bonamassa übernimmt hier die Rolle des 'Storytellers', bis ein Interview mit Muddy Waters eingespielt wird. Dieses wird leider von ersten Bildern des Konzertgeländes unterbrochen und das die Band begrüßende Publikum übertönt bedauerlicherweise den Interviewten.
Das Konzert beginnt mit einer historischen Ansage: »The program begins with Muddy Waters «. Und tatsächlich zeigt eine Videoeinspielung Muddy Waters bei seiner Interpretation von "Tiger In Your Tank", bevor Joe Bonamassa und seine Jungs übergangslos in den Song einsteigen (ein Gimmick, das zu Beginn des Howlin' Wolf-Teils entsprechend wiederholt wird). Soweit man in der alten Filmaufnahme die Band von Muddy Waters sieht, entspricht die oben beschriebene Garderobe der aktuellen Band exakt den Vorbildern und Joe Bonamassa spielt, wie einst Muddy Waters, eine weiße Fender Telecaster, was den vorliegenden 'Tribute'-Charakter noch verstärkt.
Die Bilder von der noch komplett im Tageslicht liegenden Location sind schon imposant! Und die Musik ist es auch! Alte, teilweise auch weniger bekannte Songs kommen in einem absolut frischen Gewand daher. Viel 'Gebläse', drückende Rhythmus-Abteilung, beeindruckende Soli aller Musiker. Natürlich werden alle Nummern - nicht zuletzt aufgrund seiner typischen Stimme - zu typischen Bonamassa-Songs, aber das finde ich alles andere als schlecht.
Nach vielen, recht flott dahergebrachten Stücken kommt mit "Double Trouble" eine wunderschöne, sehr gefühlvoll interpretierte Ballade. Bemerkenswert daran ist, dass es sich hierbei nicht um eine Interpretation der bekannten, weil oftmals gecoverten Komposition von Otis Rush (aus dem Jahr 1958) handelt. Als Komponistin wird vorliegend Harriett Melka angegeben, die bei Wikipedia diesbezüglich als Co-Autorin zusammen mit Big Bill Broonzy genannt ist, wobei deren Version bereits im Jahr 1941 aufgenommen worden sein soll. Egal (und auch, dass gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Songs nicht wegzuleugnen sind): Dieser ist einfach zum Wegträumen!
Mittlerweile geht es in den Abend hinein: Die Kulisse versinkt so langsam im Dämmerlicht und auch die Musik wird etwas ruhiger, bevor mit "All Aboard" noch einmal die Bühne 'abgeräumt' und anschließend wirklich für eine erste Pause geräumt wird.
Im nachfolgenden Einspieler erklärt Howlin' Wolf auf eine sehr launige Art, was der Blues überhaupt ist (unbedingt zuhören!), bevor er mit seiner Band "How Many More Years" anspielt. Bonamassa und Band (mittlerweile etwas lockerer gekleidet, weil überwiegend ohne Sakko gewandet!) übernehmen gekonnt. Und immer wieder dieses tolle Piano-Spiel von Reese Wynans. Der 'alte Sack' (sorry!) beeindruckt mich abermals mit seiner ungebrochenen Spielfreude, warum habe ich den nicht schon früher für mich 'entdeckt'?
Wo ich schon wieder bei einer Einzelkritik bin (eigentlich müsste ich jeden einzelnen Musiker hervorheben, denn jeder spielt seinen Part grandios): noch ein Wort zu Michael Rhodes: Diese 'coole Sau' steht mit stoischer, um nicht zu sagen: finsterer Miene leider zumeist im Hintergrund, aber passt mit seinem Vintage-Bass damit auch irgendwie optisch deutlich besser ins Set als es der aktuelle Bonamassa-Bassist Carmine Rojas (den ich ansonsten ebenfalls sehr schätze) tun würde. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Besetzung der Drums mit Anton Fig. Die Band, die Bonamassa nach "Hidden Charms" (und damit nach gut einer Stunde des Konzerts) im Einzelnen vorstellt, ist somit ideal zusammengestellt.
Gleiches gilt für die Song-Auswahl: Flotte Stücke wechseln sich mit ruhigeren ab. Highlight in diesem Set sind für mich ohne Zweifel "Spoonful" sowie "Evil (Is Going On" (beides Kompositionen von - wie zuvor bereits ausgeführt - mehreren Willie Dixon-Klassikern). Vor dieser, mittlerweile düsteren Kulisse erzeugen die vorliegenden Interpretationen ein ausgesprochenes 'Gänsehaut'-Feeling! Den Schlusspunkt dieses Sets bildet "All Night Boogie (All Night Long)", das vom Titel her das Motto des Abends darstellen könnte: Man wünschte sich, die Nacht würde nicht zu Ende gehen! Und doch verlassen sämtliche Musiker anschließend die Bühne, kehren jedoch für einen durchaus umfangreichen Zugaben-Block nochmals zurück, den Joe Bonamassa mit den Worten ankündigt: »We figure to rip up the night by playing a few of our tunes«, was vom Publikum, das auch das bisherige Programm geradezu enthusiastisch begleitet hat, begeistert aufgenommen wird.
Tatsächlich eröffnet Bonamassa diesen Block nicht mit einer Eigenkomposition, sondern mit dem Hendrix-Song "Hey Baby (New Rising Sun)", das quasi übergangslos in das von ihm komponierte "Oh Beautiful!" übergeht; genauso hat er diese Songs auf seinem letzten Studioalbum "Different Shades Of Blue" eingespielt, von dem auch das nachfolgende "Love Ain't A Love Song" stammt. Hier wird Bonamassa wieder zu dem Bonamassa, wie man ihn in letzter Zeit halt erlebt. Und dennoch: vorliegend begeistert er nicht nur das Publikum vor Ort, sondern auch mich (wieder einmal).
Das Ganze kulminiert in einer genialen Interpretation eines meiner persönlichen Bonamassa -Favoriten "Sloe Gin". Textlich passt der Song eigentlich nicht, denn wenn er die Zeile singt »I'm so damn lonely«, und ihm jubeln anschließend über 9.000 begeisterte Zuschauer zu, dann wird der Widerspruch offensichtlich. Fast schon ein 'Duell' zwischen Gitarre und Bass sowie ein Drum-Gewitter zum Abschluss machen den "Sloe Gin" zum Erlebnis! Und für den tatsächlichen Schluss-Song The Ballad Of John Henry braucht mich Bonamassa ohnehin nicht mehr zu begeistern. Das gilt vorliegend für das Publikum spätestens, als er die Zeile singt »I'm a long way from Colorado«; da wird das Ganze zum Heimspiel!
Es folgen noch einmal eindrucksvolle Bilder von der Location, begleitet von einem musikalisch unterlegten Abspann, die die Red Rocks wiederum ins rechte Licht rücken. Ein besinnlicher Ausklang, quasi als wenn man sich auf die Heimreise begeben würde nach einem wirklich genialen Konzert, das nach gut zwei Stunden (einschließlich Vor- und Nachspann) zu Ende geht!
Das Bonus-Material enthält eine einstündige Dokumentation der Reise von Joe Bonamassa und seinem Produzenten Kevin Shirley quer durch die USA auf den Spuren von Muddy Waters und Howlin' Wolf (u.a. Besuch des Blues-Museums in Clarksdale), aber auch auf den Spuren von Robert Johnson. Weiterhin gibt es gut zwanzig Minuten "Behind The Scenes", u.a. mit Bildern von den Proben, mit Gesprächen mit den beteiligten Musikern, aber auch Hintergründe zu der von Joe Bonamassa gegründeten Stiftung Keeping The Blues Alive, die den Musikunterricht von Jugendlichen unterstützt und der die Einnahmen aus dem Konzert sowie dem Verkauf der Tonträger zu Gute kommt. Und schließlich gibt es noch sieben Minuten historische Bilddokumente von und mit Muddy Waters und Howlin' Wolf. Alles absolut sehenswert!
'Natürlich' - weil für Bonamassa-Projekte mittlerweile selbstverständlich - gibt es "Muddy Wolf At Red Rocks" auch als reine Tonkonserve. Ob es dabei Sinn macht, den Prolog wie auch den Abspann mit auf die beiden CDs zu pressen, mag jeder für sich selbst beurteilen. Ansonsten: für unterwegs ist die reine Tonkonserve ein genialer Begleiter, stationär würde ich die Bilddokumentation angesichts der tollen Location - und nicht zuletzt auch wegen des Bonus-Materials - eindeutig bevorzugen! Und um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja!
Line-up (The Borderline):
Joe Bonamassa (vocals, guitars)
Anton Fig (drums)
Michael Rhodes (bass)
Kirk Fletcher (guitar)
Mike Henderson (harmonica)
Reese Wynans (piano, hammond organ)
Lee Thornburg (trumpet, hornarrangements)
Ron Dziubla (saxophone)
Nick Lane (trombone)
Tracklist
01:Mississippi Heartbeat
02:Muddy Waters
03:Tiger In Your Tankg
04:I Can't Be Satisfied
05:You Shook Me
06:Stuff You Gotta Watch
07:Double Trouble
08:Real Love
09:My Home Is On The Delta
10:All Aboard
11:Howlin' Wolf Talking
12:How Many More Years
13:Shake For Me
14:Hidden Charms
15:Band Introductions
16:Spoonful
17:Killing Floor
18:Evil (Is Going On)
19:All Night Boogie (All Night Long)
20:Hey Baby (New Rising Sun)
21:Oh Beautiful!
22:Love Ain't A Love Song
23:Sloe Gin
24:The Ballad Of John Henry

Bonus Features:
Joe And Kevin's Excellent Adventure … To The Crossroads
Behind The Rocks - An Exclusive View Behind The Scenes
The Originals - Historic Footage From Muddy Waters And Howlin' Wolf Rockagram Gallery
Externe Links: