Crosby, Stills & Nash / 2012
CSN 2012 Spielzeit: 76:49 (CD 1), 75:02 (CD 2), ~180:00 (DVD)
Medium: Do-CD / DVD
Technische Details DVD:
Digital Surround Sound
Bildformat: k. A.
Region: 0
FSK: 0
Label: CSN Records, 2012
Stil: Rock / Blues / Folk

Review vom 21.10.2012


Jochen v. Arnim
Manchmal ist schon im Sommer Weihnachten, besonders wenn es so schöne Veröffentlichungen regnet wie dieses herrliche Set hier. Bestehend aus zwei CDs und einer DVD in ansprechend elegantem Digipack kommt gerade ein Leckerchen auf den Markt, wie wir es lange nicht hatten. Frisches Bild- und Tonmaterial dreier Herren, die uns (naja, mich zumindest nicht live) schon beim legendären Woodstock-Festival mit ihrer aufregend schönen Musik begeistert haben. Alles aufgenommen am 22. April 2012 im The Performing Arts Center in San Luis Obispo, Kalifornien. Für jemanden wie mich, der "4 Way Street" für eines der besten Live-Alben aller Zeiten hält (natürlich seinerzeit unter CSN&Y laufend), ist es nicht immer leicht, neue Konzertmitschnitte zu akzeptieren. Im vorliegenden Fall bedurfte es jedoch nur weniger Minuten, bis ich komplett in den Bann gezogen war.
Die Rock and Roll Hall of Fame hat alle drei Musiker doppelt in ihrer Liste, nicht nur als Trio sondern auch als Mitglieder der Byrds, von Buffalo Springfield oder den Hollies - zu Recht! Auch bei den Kollegen von den Songwritern sind sie ganz oben auf der Treppe und haben zudem noch zwei oder drei andere Meriten sammeln können. Trotzdem mag man versucht sein, den Protagonisten mehr als 40 Jahre nach dem Erscheinen vorgenannten Meilensteins, altersbedingt gewisse musikalische Fertigkeiten abzusprechen, die für ein großes Live-Album nun mal notwendig sind. Besonders vor dem Hintergrund, dass es ja mit der Stimmgewalt des Stephen Stills schon länger etwas hapert (hüstel). Da kann so eine Veröffentlichung leicht zur peinlichen Nummer werden. Der aufmerksame Leser wird jetzt aber den cleveren Rückschluss ziehen und erkennen, dass es im vorliegenden Fall wohl nicht so ist.
Zweiundzwanzig Songs eines Konzerts, das in zwei Teile plus Zugabe gesplittet war, finden wir auf den beiden CDs - leider ohne die Zugabe. Aber dafür haben wir in der Box ja noch die großartige DVD, die uns neben weiteren Boni natürlich eben diese Zugabe in voller Länge bietet. Allein schon wegen "Teach Your Children", vom ebenfalls großartigen Déjà Vu-Album (mit dem kanadischen Kollegen), wäre es eine Schande gewesen, hätte man das nicht auf einen Rundling, welcher Art auch immer, gebrannt. Aber wir sind ja schon bei der Zugabe und da gibt es vorher auch noch ein paar Songs, die dem begeisterten Publikum vor einem knappen halben Jahr geboten wurden. Das Trio spielt Stücke aus gemeinsamer Feder, altes wie neues Material, aber auch Songs aus der Solokarriere des einen oder anderen Mitglieds. Eröffnet wird der Abend passenderweise mit "Carry On" - ein bedeutungsvoller Auftakt, zählen die Herren doch schon gut siebzig Lenze. Crosby und Nash sind stimmlich richtig gut dabei und auch Stephen Stills fiel schon negativer auf. Der Song geht direkt in "Questions", ein weiterer Klassiker, über und wird danach noch fast von "Marrakesh Express" übertroffen. Anschließend ist David Crosby mit "Long Time Gone" an der Reihe, wird aber natürlich von den Kollegen unterstützt, besonders im Satzgesang mit Graham Nash, der durch die Scheibe weg immer wieder dominiert und ja auch das Typische an der Musik ist. Sehr schön (anzusehen) ist Stephen Stills, der zu kleinen Soloeinlagen auf seiner Stratocaster nach vorne tritt, während die Kollegen 'hinten' auf drei großen Perserteppichen verweilen.
Es ist müßig, über das auch hochpolitische oder sozialkritische Sendungsbewusstsein der drei Musiker zu reden, kaum ein Song beinhaltet nicht wenigstens Seitenhiebe auf momentane oder immer noch währende Missstände. Andere Stücke sind so direkt heraus anklagend, dass der songschreiberische Stellenwert dieses Trios seit Nixons Zeiten mehr als deutlich wird. Aber wie gesagt, darauf einzugehen, hieße Eulen nach Athen tragen und wer sich mit CSN beschäftigt (hat), weiß um deren Anliegen und Bedeutung. Sehr bewegend und eindeutig ist in diesem Zusammenhang die Ansage von Graham Nash, der den Hintergrund zu "Almost Gone" erläutert und auf den Soldaten Bradley Manning eingeht, der angeblich militärische Geheimnisse an Wikileaks verteilt haben soll. Das Trio wehrt sich dagegen, Menschen in der Öffentlichkeit zu verurteilen, ohne dass ihre tatsächliche Schuld überhaupt bewiesen ist.
Um den Rahmen dieser Rezension nicht zu sprengen, wird darauf verzichtet, hier jeden Song en detail vorzustellen. Es soll reichen, auf die Performance als solche einzugehen. Selbstverständlich ist es offensichtlich, dass alle Drei nicht nur stimmlich im letzten Lebensquartal angekommen sind und trotzdem wirkt dieser Auftritt nicht wie der von ein paar alten Säcken, die sich der Lächerlichkeit preisgeben - im Gegenteil. Sie wechseln ständig zwischen elektrischen, akustischen oder halbakustischen Gitarren hin und her, spielen einander die Gesangsparts zu und lassen nicht für eine Sekunde erkennen, dass sie keinen Spaß an ihrer eigenen Musik haben. Für den brandneuen Song "Radio" legen Crosby und Nash die Gitarren zur Seite und widmen sich ganz ihren Mikros, während Stills den sehr schönen Gitarrenpart erledigt. Die Begleitband, übrigens mit Crosbys Sohn James Raymond an den Keyboards, macht einen tollen Job und passt sich dem Songgefüge perfekt an.
Man darf nicht erwarten, hier jugendlich frische Revoluzzer mit glockenklaren Stimmen zu sehen und zu hören. Das Leben mit seinen Widrigkeiten (Drogen, Knastů) ist an keinem der Drei vorübergegangen und dennoch ist diese Box ein Zeugnis hochwertiger amerikanischer Musikgeschichte und ein Dokument darüber, wie man auch im Alter noch würdig auf der Bühne stehen kann. Auch das Publikum im Performing Arts Center weiß den Auftritt mehr als eindrücklich zu würdigen, singt stellenweise lautstark mit. Schließt man bei "Suite: Judy Blue Eyes", das sie übrigens viele, viele Jahre nicht live gespielt haben, die Augen, so kann man sich an einigen Stellen problemlos ins Jahr 1969 zurück katapultieren lassen, so klar klingt diese grandiose Intonierung von Stephen Stills mit Gedanken über seine frühere Freundin Judy Collins. Ob nun die neuen Stücke vom Songwriting her an das gute alte Material heranreichen können, mag jeder Hörer für sich selber entscheiden. "CSN 2012" ist nicht Woodstock oder "4 Way Street" und trotzdem darf diese Edition eigentlich in keiner Sammlung fehlen, in der eines CSN-Fans sowieso nicht. Und sei es nur, um den eigenen Kindern zu zeigen, was große Musik ist, ganz im Sinne von "Teach Your Children"!
Line-up:
David Crosby (vocals, guitar)
Stephen Stills (vocals, guitar)
Graham Nash (vocals, guitar)

Sowie als Band:
James Raymond (keyboards)
Steve Distanislao (drums)
Kevin McCormick (bass)
Shane Fontayne (guitars)
Todd Caldwell (organ)
Tracklist
CD 1:
01:Carry On/Questions
02:Marrakesh Express
03:Long Time Gone
04:Military Madness
05:Southern Cross
06:Lay Me Down
07:Almost Gone
08:Wasted On The Way
09:Radio
10:Bluebird
11:Déjà Vu




CD 2:
12:Wooden Ships
13:Helplessly Hoping
14:In Your Name
15:Girl From The North Country
16:As I Come Of Age
17:Guinevere
18:Johnny's Garden
19:So Begins The Task
20:Cathedral
21:Our House
22:Love The One You're With
DVD:
01:Carry On/Questions
02:Marrakesh Express
03:Long Time Gone
04:Military Madness
05:Southern Cross
06:Lay Me Down
07:Almost Gone
08:Wasted On The Way
09:Radio
10:Bluebird
11:Déjà Vu
12:Wooden Ships
13:Helplessly Hoping
14:In Your Name
15:Girl From The North Country
16:As I Come Of Age
17:Guinevere
18:Johnny's Garden
19:So Begins The Task
20:Cathedral
21:Our House
22:Love The One You're With
23:For What It's Worth (bonus)
24:Teach Your Children (bonus)
25:Suite: Judy Blue Eyes (bonus)
A conversation with CSN (bonus)
On the road interviews with band & crew (bonus)
Externe Links: