Das Scheit / Superbitch
Superbitch
Die Rhythmik ist stellenweise mit den Sounds zu vergleichen, die eine automatisierte Fertigungshalle während des Produktionsprozesses erfüllen. Wo präzise, metallisch klingende Stampf-, Klatsch- und Dengelsequenzen von der monotonen Arbeit unserer nimmermüden, modernen Robotersklaven zeugen. Spätestens am Scheitelpunkt dieser Eindrücke übernehmen die Sounds plötzlich wieder die ihnen von den Musikern zugedachte ursprüngliche Funktion. Sie fungieren als Percussion und geben den Takt vor. Wer denkt bei solchen Klängen und Beschreibungen nicht an Industrial?
Düstere Melodien werden eingebettet in dramatische Arrangements und vermitteln eine fast schon bedrohliche Atmosphäre. Das Scheit komplettieren die Songs durch den aggressiven Gesang Clints. Er brüllt stimmgewaltig in die gleiche Kerbe wie Nick Holmes (Paradise Lost) zu seinen besten Zeiten. Wer denkt bei einer solchen "Dark Atmosphere" nicht an Gothic-Music?
Das Scheit erzeugen mit dieser Art von Vocals den gleichen Effekt, wie er auch auf dem Gothic -Metal Standardwerk "Icon" von Paradise Lost erzielt wird. Die Musik wird hart; hart, kompromisslos und aggressiv. Die richtige Entscheitung möchte man sagen. Es ist ohne weiteres machbar, sich liebliche oder betörende Frauengesänge über die Songs gelegt vorzustellen. Damit wäre dieses Album aber eher ins Gespenstische, Geisterhafte, Metadimensionale abgedriftet.
Diesen Weg wollen Das Scheit nicht gehen. Vielleicht würden sie auch damit scheitern, denn eines ist wohl für jeden klar, der "Superbitch" hört: Das Scheit ist eine Metalband. Zu ihrem Sound gehören ausgeklügelte Keyboard- und sonst wie synthetisierte Klänge. Isoliert behört, könnten diese auch auf Eletronic-Produktionen eingesetzt werden. Die Das Scheit-Jungs gehen mit diesen Möglichkeiten spielerisch um. Die zur Kybernetik-Stimme verfremdete Gesangspassage bei "Earth Stands Still" ist nur ein Beispiel dafür. Das alles relativiert und begrenzt den Gothic-Anteil von "Superbitch" auf ein sehr vernünftiges Maß.
Ein Manko darf aber nicht unerwähnt bleiben. So gelungen die Arrangements klingen, so gnadenlos der Sound auch ist, so scherzhaft fehlen wirkliche Highlights an Songs - weil insbesondere oft das fehlt, was Spitzensongs erst ausmacht. Die Strophen müssen die Stimmung erzeugen und der Refrain muss das Lied krönen. Die Ansätze auf "Superbitch" sind allesamt ziemlich gelungen, aber Das Scheit scheitert dabei, den Sack wirklich zu zu machen.
"Coming Up Roses" ist eine der zu wenigen Ausnahmen. Würden alle Songs diesem Beispiel folgen, könnten wir von einem absoluten Meilenstein des Genres sprechen. Mit der Konsequenz, dass "Superbitch" auch in den streng rationierten Plattenregalen der "Wetten, dass..."-Rock Fraktion zu finden wäre. Neben "Icon", "Metallica" und "Back in Black", die dort ihr doch meist unbeachtetes Dasein fristen.
Festzuhalten bleibt: Das Scheit geben mit "Superbitch" gehörig Bescheit. Wünscht man sich vieles von dem, was einem so zugemutet wird, dem Scheiterhaufen übereignet, gehört diese CD sicherlich nicht dazu. Industrial- und Gothic Fans müssen wohl zugreifen. Alle anderen Musikfans, die auch nur die geringste Affinität zur härteren Gangart verspüren, sollten Das Scheit ruhig einmal unter ihren Scheiteln wüten lassen.
Eine 7 auf der Wahnwirtzskala ist allemal drin.
Spielzeit: 46:52, Medium: CD, Black Lotus Records, 2005
1:7 Seconds 2:Coming Up Roses 3:Much Deeper 4:Splinters 5:About U 6:Earth Stands Still 7:Shoot Song 8:Catpiss 9:Hardbody 10:Long Walk 11:Lonely Walk 12:Until I've Been Forgotten
Olli "Wahn" Wirtz, 07.02.2005