Jim Ford / Point Of No Return
(Previously Unreleased Masters, A Lost '45 & Rare Demos)
Point Of No Return Spielzeit: 48:27
Medium: CD
Label: Bear Family Records, 2008
Stil: Singer/Songwriter, Country

Review vom 17.02.2008


Markus Kerren
Mein lieber Herr Gesangsverein! Da geht einem beim Lesen des (übrigens sehr schön aufgemachtem) Booklets ja fast unaufhörlich die Kinnlade rauf und runter. Das geht so lange, bis man sich fragt, ob die Musik eines Jim Ford auch nur annähernd so fesselnd sein kann, wie die enthaltenen Linernotes. Diese bestehen aus Kommentaren von Leuten (u.a. Kim Fowley, P.J. Proby, Bobby Womack), die Ford persönlich kannten und mit ihren Anmerkungen ein Bild dieses Musikers zeichnen.
Jim Ford, so wird überliefert, war ein ausgezeichneter Singer/Songwriter und dazu überaus kreativ. Er schrieb Hits für Aretha Franklin ("Niky Hoeky") und Bobby Womack ("Harry Hippie"), dazu war er eng mit Sly Stone befreundet und ist auf dessen "There's A Riot Going On" zu hören. Aber menschlich… war er sehr, sehr kompliziert, um es mal so nett wie nur irgendmöglich auszudrücken. Der Texaner veröffentlichte gerade mal ein einziges Album im Jahr 1969 (das, wenn man den Linernotes glauben schenken darf, Meisterwerk "Harlan County") und etwa eine Handvoll Singles (1967 - 1973), war in den Siebzigern immer in irgendwelche Projekte involviert, die grundsätzlich im Sande verliefen und verschwand Anfang der Achtziger unauffindbar von der Bildfläche.
Bis ihn im Jahr 2006 der Schwede L-P Anderson in einem Trailer Park (Wohnwagensiedlung) in Kalifornien aufspürte. Und noch bevor Anderson in die Maschine zurück nach Europa eingestiegen war, hatte er schon beschlossen, einen Plattenvertrag für Ford an Land zu ziehen. Aufgrund der Persönlichkeit des Musikers und verhaltenem Interesse der Labels kein einfaches Unterfangen. Schließlich nahm sich Bear Family Records der Sache an und veröffentlichte 2007 die CD "Sounds Of Our Time", auf der die Neuauflage des "Harlan County"-Albums, rare Singles und bis dahin noch nicht erschienenes Material enthalten war. Mit großem Erfolg, die Verkaufszahlen sprachen für sich und Jim Ford war begeistert von den durchweg guten Kritiken. Er gab darauf weiteres Song-Material frei, welches nun unter dem Titel "Point Of No Return" erschienen ist.
Dabei handelt es sich um Archiv-Aufnahmen aus den Jahren 1970 - 73, mit Ausnahme von "Look Again", das bereits 1968 aufgenommen wurde. Nach der Studie des besagten Booklets, das einen doch eher kopfschüttelnd zurücklässt, überraschen die Songs des Texaners dann umso mehr. Erstklassiges Songwriting, eine eher im höheren Bereich angesiedelte Stimme, die bei dem ein oder anderen Track (z.B. "Point Of No Return") gar an Van Morrison erinnert, und ein ordentlicher Batzen Feeling, das so extrem entgegengesetzt zu seinem Verhalten im Privatleben zu stehen scheint.
"I'm Ahead If I Can Quit While I'm Behind" und "Point Of No Return" sind wahre Fundgruben, gefolgt von Fords eigener Version von "Harry Hippie". Auch "Go Through Sunday", "Sweet Baby Mine (You Just A…)" und "Look Again" lassen keinen Qualitätsverlust erkennen und der Soul in Jim Fords Musik wird immer offensichtlicher und eindringlicher. Ab Titel Nr. Sieben ("Mill Valley") beweist Jim mit den Songs für ein begonnenes und (ihr werdet es erraten) wieder abgebrochenes 1973er Album, dass er genauso gut Country-Tracks mit Ecken und Kanten, angereichert mit einem deftigen Schuss (witzigem, nicht blödem) Humor auf die Beine stellen konnte.
Ford kombinierte, wie auch immer er das auf die Reihe bekommen hat, den Singer/Songwriter-Stil mit Country, Soul und sogar Funk. Das Album "Point Of No Return" ist eine echte Entdeckung und verdient unbedingt Beachtung! Da es sich hier meist um Demos handelt, sollte man nicht von fertig- und perfekt produzierten Songs ausgehen. Aber dieses Manko machen die Tracks an sich mehr als wett.
Dieser Bursche war ein Mann mit Ecken und Kanten, sprühendem Charme sowie Fäusten und Ellbogen, 'gesegnet' mit einem unersättlichen Appetit auf alles, was ungesund ist. Im vergangenen Jahr schaffte er es sogar, dass er zum Verlassen seiner Wohnwagensiedlung gezwungen wurde. Und das will was heißen, denn ist man dort erst mal gelandet, ist man in der fast untersten Schicht des amerikanischen Gesellschaftssystems angekommen. 'White Trash', wie es so schön heißt.
Am 18.November 2007 wurde Jim Ford in seiner Wohnung im Alter von 66 Jahren von Nachbarn tot aufgefunden.
Rest in peace, alter Hellraiser!
Tracklist
01:I'm Ahead If I Can Quit While I'm Behind
02:Point Of No Return
03:Harry Hippie
04:Go Through Sunday
05:Sweet Baby Mine (You Just A…)
06:Look Again
07:Mill Valley
08:Just Cause I Can
09:Stoppin' To Start
10:Don't Hold Back What You Feel
11:It's My Life
12:I I Go Country
13:Bouquet Of Roses
14:He Turns My Radio On
15:Whicha Way (I Wonder What They'll Do With Today)
16:If You Can Get Away (She Don't Need Me Like I Need You)
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