Gov't Mule / 21.06.2010, Huxleys, Berlin
Huxleys
Gov't Mule
Huxleys, Berlin
21. Juni 2010
Konzertbericht
Stil: Jam Rock

Artikel vom 27.06.2010


Volker Fröhmer
Innerhalb von 24 Stunden zweimal die für mich seit langem beste, verschiedenste Rockarten zusammenbauende und spielende Band zu erleben, die dazu ihren sowieso schon gewaltigen Artenspielreichtum noch mit Blues-, Soul-, Reggae- und Jazzklängen psychedelisch garniert, das sollte doch wohl klappen.
Die Planung zu und die Vorfreude auf diese(n) beiden Konzerten der Konzerte in diesem Jahr begann im Mai. Erstmal einige Freudentränen kullern lassen ob der Tatsache, dass die Jungs Europa 2010 nicht links ablegen oder rechts überholen, drei Tage Urlaub und Hotelzimmer gebucht, Fahrkarten und Konzertkarten gekauft und die Show konnte beginnen.
Zuerst am Montag den 21.06.in Huxleys Neuer Welt im Berliner Bezirk Neukölln, einer Veranstaltungsstätte mit langer Tradition als Sportpalast, Varieté- und Livemusikbühne, in alten Mauern und neuem Innenleben, hier spielte u.a. Jimi Hendrix. Mit dessen Komposition "Red House" verneigten sich Gov't Mule an diesem Ort vor Jimi.
Eine Warnung an dieser Stelle vor dem Lesen der nächsten Zeilen. Die Konzertberichtobjektivität schalte ich jetzt ab, es geht um eine meiner Leib- und Magenbands, da geht das mit mir durch und durch.
Um 20 Uhr 15 betraten Warren Haynes, Matt Abts, Danny Louis und Jorgen Carlsson die Bühne und wurden von ca. 1500 Fans lautstark und begeistertfeierbegrüßt, mit dem Gitarrensaitenschrubbersong aus der High & Mighty-CD "Brand New Angel" nordete uns der Vierer erstmal ein. Ein glasklarer Sound schmeichelte sich von der Bühne in unsere Gehörteile, dezent dezibelisiert, direkt und geradlinig. Was für ein Auftakt, das Stimmungsbarometer in der mit überwiegend Jeansjackenträger/innen/n aber auch anderen Klamottenträger/innen/n bevölkerten Halle schnellte sofort hoch in den gerade noch messbaren Bereich. Im Text lautet eine Zeile: »This must be your lucky day, I hope you like surprises«, wie wahr, wie wahr!
"Blind Man In the Dark" von ihrer 1998 erschienen "Dose"- CD hardrockte uns weiter in den Abend, die Band spielte uns schon jetzt an die Wände. Bei mir und rundum im geneigten Publikum gab's bis zum Konzertende nur beseelte und freudetrunkene Gesichtsausdrücke und aller Körpersprache stand auf Emotion pur.
Mit "About To Rage" kam keine Wut auf, im Gegenteil und bei dem anschließenden "Perfect Shelter" wurde es nicht ruhiger, beide Kompositionen stammen von ihrer Deja Voodoo-CD. Warren zeigte uns seine zurückhaltende, packende und grandiose Gitarrenspiellart und wir verstanden wieder, warum er auch von vielen Saitenkollegen so geschätzt wird und Session- und CD-Aufnahmen verfeinert. Und seine Stimmbänder sind mit dem gewissen Blues- und Rockschmutz behaftet.
Er peacezeichnet, thankyout und how-ya'-doin't ab und zu zu uns herunter, er weiß genau, da vor ihm stehen 1500 Muleheads, die diese Band vergöttern, zu Recht, er hat riesigen Spaß, genau wie seine Mitspieler:
Matt Abts spielt von Anfang an, seit 1995, in der Band, sein Schlagzeugspiel sorgt für die Fettaugen auf der Gov't Mule-Soundsuppe, er scheppert und drischt und groovt und streichelt und hält die Temperatur auf Kochniveau.
Multiinstrumentalist Danny Louis ist seit 2003 fester Bestandteil der Band, der Sound und die Variationsmöglichkeiten der Mule-Musik wurden und werden durch ihn in hohem Maße vergrößert, seine Hauptarbeit (kann ich hier von Arbeit schreiben?) tastet er ab, mit einem Hohner Clavinet und einer Hammond B 3, er spielt auch Gitarre und Trompete.
Jorgen Carlsson ist seit 2008 in der Band und plektroniert die Basssaiten, er hat das voll im Griff und sorgt mit Matt dafür, dass sich die Soundtemperatur permanent im roten Bereich abspielt.
Mit "Red House" haben die Vier heftig den Blues, ein göttliches, ungefrickeltes Solo Warrens lässt die Gesichtszüge von Jimi oben sicher nicht entgleisen, sie reichen sich hier die Hände und die Rhythmusabteilung rangiert mit traumwandlerischen Tönen den Song in die immer richtigen Gleise, die Hammond rotiert und rollt uns nieder.
"Rocking Horse" von ihrer ersten CD rockt den Saal, es ist so spannend und überzeugend und Weltklasse, dass selbst alle Raucher, die ihrem Laster draußen auf einem großen Balkon frönen können (oder müssen), bis zum little break nach 75 Minuten Freudenfeuer von der Bühne den Tabak oder was auch immer sowie ihre Feuerzeuge nicht entflammen. Bis dahin entzückt uns noch die Ballade über Gordon James mit einem Slidin' Tackling von Warren auf der Gibson. Bis zum Pausenbier und merchandisingstandheimsuchen shuffelt uns "Thorazine" und makes everything OK!
Alle Stücke von Gov't Mule besitzen ein Grundgerüst und das wird teilweise improvisatorisch weiterentwickelt. Riff zwo drei vier und die Jamsession ist in ihrem Element. Und, kein Mule-Konzert gleicht einem anderen Mule-Konzert: Die Playliste ist bei ihnen wohl nicht endlich, sie finden es langweilig bei jedem Auftritt das Gleiche zu spielen, das ist der besondere Kick für uns und für die Jungs.
Das little break breakt "John The Revelator", ein früher traditioneller Gospel- und Bluessong. Prewar von Blind Willie Johnson und Postwar von Son House zu Berühmtheit gebracht, ein so genannter Call And Response-Song. Wechselgesang, Warren singt, 1500 antworten - den Ernteertrag für dieses Stück steigert Danny mit Trompeten- im Wechsel mit Warrens Gitarrenklängen, das zieht mir endgültig die Schuhe von den Füßen. Die Halle brodelt wie kochendes Wasser, es steht kein Bein ruhig neben dem anderen, es wogt, meine Barthaare sind elektrisch aufgeladen.
"Slackjaw Jezebel" von ihrer 2004er CD "Deja Voodoo" gibt uns den Boogie, die Halswirbelsäulen der seligen Meute vor der Band werden bis zum Anschlag verwirbelt.
In die psychedelisierten 60er Jahre zurück führt uns das Maultier mit "So Weak, So Strong", eine Haut-in-grobes-Schleifpapier-verwandelnde-Ballade, bei mir und sicherlich auch bei vielen hier versammelten - viel Wah wah und Slide und diesmal völlig vom Schmutz befreiter Stimme von Warren. "Raven Black Night" ist der nächste Freudentränenverursacher Warren slidet und slidet, die Saiten glühend und gegen Ende der Nummer gibt es urplötzlich wohl sowas wie Fusionsklänge, die den Übergang zum Schlagzeugsolo von Matt bewerkstelligen. Das haut rein für die nächsten 12 Minuten.
Und now, Ladies and Gentlemen: Der Song der Songs für mich von den Jungs, wohl mit einem nicht sehr leichten und aus dem Leben gegriffenen Text versehen, ein alter Folksong, "Railroad Boy", das Gehörte löst mich noch mehr auf, es ist nicht zu fassen was sich da abspielt, so eine Begeisterung links und rechts und vor und hinter und über mir und in mir
Zur anschließenden Beruhigung: It's Bluestime mit dem "Inside Outside Woman Blues", mit bratendem Twanggitarrenintro und weiterführendem Wah Wah-Einsatz. Warren soliert auch noch im Wechsel mit der Schweineorgel von Danny den Blues ins Huxleys, Matt schleppt fein leicht hinterher. So muss dat, und Jorgen basst den Blues in die Nischen.
Zum Abschluss der Groover schlechthin, der Texasrocker, der Riffer: "Broke Down On The Brazos". Wir verzweifelten Hörer, verzweifelt weil diese Show langsam das Ende sieht, werden noch mal richtig aufgemischt und geschüttelt und sind gerührt. Der wirklich tosende Applaus anschließend ist auch Rock'n'Roll pur und unverfälscht, es gibt natürlich als Zugabe noch zwei hinten drauf.
Die erste hinten drauf heißt "Forevermore", wie liest es sich unter anderem im Text: »You brought me joy and laughter«, genau, das brachte die Band uns hier und heute und über den Abschlusssong "Soulshine", den Warren Haynes für das Allman Brothes-Album "Where It All Begins" schrieb. Bei den 'Allmännern' macht er auch mit. Schreib' ich nix mehr als das: Schön, ergreifend schön!
Das Berliner Konzert war rund und nach dem Konzert ist vor dem Konzert, die Begeisterung noch mit etlichen Leuten vor der Halle geteilt, und schon rief das Hotelzimmerbett zur völlig unmöglichen sofortigen Ruhe.
Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück mit U- und S Bahn vom Hermannplatz zum Ostbahnhof. Der IC 2860 und eine S-Bahn der Linie 1 brachten mich nach Hause. Dort schlug ich auf gegen 14 Uhr, ein bisschen Zeit blieb noch das Navi gefüttert, den Twingo angetrieben und um 17 Uhr 30 fuhr er uns von Hilden nach Limbourg in Belgien. Dort im Le Kursaal fand ab 20 Uhr 30 das nächste 'EuropaMuleschmankerl' statt. Diesmal vor ungefähr 750 Leut/innen/en und einer bis auf drei Ausnahmen völlig anderen Playliste als in Berlin, das ist wohl ziemlich allein auf weiter Flur im Rock'n'Roll.
Aber das Konzert ist an anderer Stelle hier bei RockTimes beschrieben.
Setlist:
Set 1:
01:Brand New Angel
02:Blind Man In The Dark
03:About To Rage
04:Perfect Shelter
05:Red House
06:Rocking Horse
07:Gordon James
08:Thorazine Shuffle
Set 2:
09:John The Revelator
10:Slackjaw Jezebel
11:So Weak, So Strong
12:Raven Black Night > Drums
13:Railroad Boy
14:Inside Outside Woman Blues
15:Broke Down On The Brazos
Encores:
16:Forevermore
17:Soulshine
Externe Links: