Hypnosphere / Timedrift
Timedrift Spielzeit: 75:74
Medium: CD
Label: Spheric Music, 2014
Stil: Elektronik

Review vom 24.10.2014


Ulli Heiser
»Wie die Alten sungen...«
In den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts begann in West Berlin eine Ära der elektronischen Musik, die der Herkunft wegen unter dem Begriff Berliner Schule Einzug in die musikalischen Schubladen hielt. Pioniere wie Klaus Schulze, Tangerine Dream und vielleicht auch Ash Ra Tempel begannen mit den verstärkt aufkommenden Synthesizern und Heimcomputern zu experimentieren und neue Klangwelten zu kreieren. Musik, die durch hypnotische, sich wiederholende Sequenzen und ohne Gesang faszinierte und so manchen Trip traumhaft begleitete. Die Musik war anders als die hippe Rockmusik, aber alles was lange Haare hatte (und das waren eigentlich alle) goutierte auch diese, neue, Spielart der modernen Zeit.
»...so zwitschern auch die Jungen«
Nicht, weil zu Beginn von "Trancenter" ein Vogel zwitschert, sondern weil diese Musik noch immer Bestandteil der immer größer werdenden Stilvielfalt ist. Ohne die damaligen Pioniere und ihre faszinierenden Musik, hätte es die Trance-Katakomben in den Metropolen dieser Welt wohl so nicht gegeben.
Die beiden Protagonisten Lambert Ringlage und Wolfgang Barkowski aka Alien Nature als Junge des Metiers zu bezeichnen, trifft aber eher den Daumen, als den Nagel. Beide interessierten sich bereits in jungen Jahren für elektronische Musik und Lambert gründete gar ein Label mit dem trefflichen Namen Spheric Music. 1999 lernten sich die beiden Musiker kennen. Wolfgang war da in Sachen Techno, Gothic, Industrial und Dark Wave unterwegs und fand zusammen mit Lambert zurück zu den Wurzeln und seiner alten Liebe, der Berliner Schule. Und, so steht es in seiner Vita, Begeisterung für Astrophysik und Science Fiction.
Und ja, genau diese Gebiete sind kongeniale Themen zu dieser Art von Musik. Wer sich dafür interessiert, was hinter dem Horizont unseres Daseins, was außerhalb der uns bekannten Naturgesetze, was unvorstellbar und unerreichbar weit von unserer kleinen, blauen Kugel passiert, der hat auch die Phantasie, um gemeinsam mit den Klängen von "Hypnosphere" auf virtuelle Reise zu gehen. Man muss aber nicht unbedingt Fan von Sendungen wie "Space Night", "Alpha Centauri", "doku.cc", usw. sein. Man muss sich nicht unbedingt für Dunkle Materie, schwarze Löcher, Paralleluniversen, Quantenmechanik, Strange Quarks, Strings und all die faszinierenden Dinge interessieren, um vorliegende Platte zu genießen. Wenn man aber ein gehöriges Stück davon entfernt ist, zu denken, dass wir samt unserem Planeten Krönung und Mittelpunkt des Gesamten sind, ja dann nimmt einen diese Musik mit auf eine phantastische Reise durch Zeit und Raum.
Gekonnt platzieren Ringlage und Barkowski ihre Klangskulpturen in Bezug auf Tonlage, Tempo und Färbung. Repetitiv ohne negativ monoton zu sein, hypnotisch ohne den Bezug zum Gehörten zu verlieren, tranceartig ohne in selbige zu verfallen... so kann man mit geschlossenen Augen mit auf die Reise durch Raum und Zeit gehen, kann warten, welche Sequenz als nächstes kommt, staunt, dass gar mal eine Gitarre zu hören ist und freut sich (ausnahmsweise), dass das Album nicht als Langspielplatte aufgelegt wurde. Man würde wohl aus einer Dimension x fallen, müsste man plötzlich unterbrechen, um die Seite zu wechseln. Die Tracks haben zwar passende Lägen, aber ich denke, die Aufteilung von Timedrift in sechs Stücke dient einzig und allein dazu, ihnen verschiedene Namen zu geben. Wäre das eine einzige Nummer, oder auch fünfzig, es würde keine Rolle spielen, denn die Scheibe nicht am Stück anzuhören, würde die Erde wieder zur Scheibe machen.

Gut gewählt sind Albumname und Coverbild - sie unterstreichen und betonen die Kompositionen und wenn man sich das Coverbild beim Hören anschaut, dann transportiert die Musik die Gedanken genau in dieses Bild hinein. Immer weiter. Fakt ist ja, dass je schneller/weiter/tiefer wir ins Universum blicken, desto näher wir der Vergangenheit kommen, was wiederum hilft, der Zukunft gelassener entgegen zu sehen. Genau das transportiert dieses (ihr drittes) Album von Lambert Ringlage und Alien Nature.
Line-up:
Alien Nature (digital and analog synthesizer, soundsculptures, noise edits)
Lambert Ringlage (sequencer, analog and digital synthesizer, drumcomputer, electric guitar, effects)
Tracklist
01:Trancenter (18:38)
02:Sperical Movement (6:41)
03:Escape from Dissonance (12:40)
04:Ardent Drive (13:22)
05:Emphasis (11:03)
06:Timedrift (13:26)
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