Judas Priest / 09.08.2011, O2 World , Berlin
Support: Sabaton
Live Judas Priest
Support: Sabaton
O2 World , Berlin
09. August 2011
Stil: Heavy Metal


Artikel vom 13.08.2011


Holger Ott
Der Abgesang der Superstars zieht leider weiter seine Kreise, und nachdem im vergangenen Jahr die Scorpions Lebewohl gesagt haben, fühlen sich nun Judas Priest dazu berufen, die Rente einzureichen. So mache ich mich mit etwas Wehmut auf in die Berliner O2 World um einem meiner liebsten musikalischen Wegbegleitern Tschüss zu sagen.
Eine Stunde vor Konzertbeginn tummele ich mich vor der gigantischen Halle, treffe natürlich viele Bekannte und jedes Mal gibt es nur ein Thema: Wie oft hat jeder Priest live gesehen, welches war das beste Konzert und natürlich, schade dass sie gehen. Mein Alter gibt mir darin einen großen Vorsprung, denn ich war damals beim ersten Gig in Berlin dabei, und wie oft ich sie dazwischen gesehen habe, kann ich anhand meiner Ticket-Sammlung belegen.
Also rein in die Halle, bewusst mit einer Stehplatzkarte für den Innenraum, um so dicht wie möglich dabei zu sein, und ich kann mich locker bis in die vierte Reihe vorkämpfen. Ich wundere mich, denn ca. 15 Minuten vor Beginn sieht es in der Halle noch recht aufgeräumt aus. Kein Gedränge vor der Bühne, leere und zum größten Teil abgehangene Ränge und der obere Bereich ist völlig im Dunkeln. Na, vielleicht wird es ja noch - in Berlin müssen alle lange arbeiten und die Wege sind weit.
SabatonPünktlich um 20 Uhr wird als Einleitung, in dem sich langsam verdunkelnden Saal, "The Final Countdown" vonEurope eingespielt. Wie treffend und doch sehr schmerzhaft. Ein schlimmer Gedanke, dabei Freude aufkommen zu lassen. Aber alle feuchten Augen werden sofort getrocknet, als das Vorprogramm mit Sabaton aus Schweden beginnt. Klar habe ich mir gewünscht, wie bei den anderen Shows von Judas Priest, Whitesnake als Opener zu sehen, aber was Sabaton auf der Bühne geboten haben, hätte David Coverdale mit seinen weichgespülten Rocksongs nicht hinbekommen. Das Sextett aus Schweden war die deutlich bessere Wahl und was die Jungs in den 45 Minuten Spielzeit ablieferten, kann man nur als grandios bezeichnen und seinen Hut davor ziehen. Die Band war schon das komplette Eintrittsgeld wert.
Sabaton          Sabaton
Sänger Joakim Broden ist dabei auf der Bühne nicht zu stoppen, treibt seine Musiker und natürlich das Publikum mächtig an und durch die Auswahl der Songs kann sich auch der Ungeübte einen sehr guten Querschnitt durch die bisherigen sechs veröffentlichten CDs verschaffen. Natürlich steht aber das aktuelle Album "Coat Of Arms", aus dem die meisten Songs stammen, deutlich im Vordergrund. Leider kann man ja in der kurzen Zeit nicht viel spielen. Deshalb wird mich mein nächster Gang in meinen Lieblingsplattenladen an das Sabaton-Regal führen und ich werde mir die ein oder andere Scheibe zulegen.
Judas PriestIn der Umbaupause kreist mein Blick durch den Saal. Inzwischen sind die Blöcke gut gefüllt und der Innenraum ist bis zum Horizont voll. Publikum in allen Altersschichten und mit zum Teil ultraheavy Outfit. Jetzt kann es endlich los gehen.
Zeremonienmeister und Hohepriester Rob Halford steht vor mir im langen schwarzen Ledermantel und mit düsterem Blick in Richtung Menge. Gänsehaut pur und als die Doublebass von Drummer Scott Travis einsetzt, habe ich das Gefühl, dass sich mir die Schädeldecke abhebt.
Judas PriestIch fühle den gewaltigen Schalldruck durch meine Nasenlöcher bis in mein Gehirn kriechen und öffne zur Sicherheit den Mund. Zwecklos, denn der Druck wird dadurch nur noch stärker. Diese Power habe ich nicht erwartet und bin sofort von der Wucht getroffen. Der Klang ist absolut sauber, nichts übersteuert und man hört jedes Instrument und selbstverständlich die Stimme von Rob perfekt.
Das Bühnenbild ist der Hammer und sieht aus, wie in einem gigantischen Stahlwerk. Armdicke Ketten hängen herum oder es hängt irgendetwas daran. Die Backline ist mit Tüchern verhangen, die ebenfalls nach Werkhalle aussehen und im Hintergrund, auf einer großen Leinwand, werden vor jedem Song die Plattencover gezeigt, aus denen die folgenden Stücke stammen.
Judas Priest       Judas Priest       Judas Priest
Judas PriestUnd derer sind es reichlich, denn von jeder Scheibe werden die besten und bekanntesten Songs gespielt. Von "Sinner" über "Painkiller" zu "Breaking The Law" und "Living After Midnight" ist alles dabei, was mich von Anfang an begleitet hat. Ein Festschmaus für meine Ohren und ein Hochgenuss für die Augen. Rob Halford wechselt zu jedem Song in Rekordzeit die Kleidung, präsentiert sich mal im langen Mantel, dann mit der 70er-Jahre-Fransenlederjacke oder schlicht im schwarzen Hemd, aber immer passend zur jeweiligen Epoche und den dazugehörigen Liedern. Optisch ist alles untermalt von einer fantastischen Lasershow und Flammenwerfern, die bis unter die Hallendecke reichen. Es ist einfach nur eine Megashow und für mich das beste Heavy Metal-Konzert, das ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe.
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Judas PriestEntertainer Halford lässt auch nicht locker - jedes folgende Stück ist eine Steigerung des vorangegangenen. Meine Schädeldecke hat inzwischen völlig abgehoben, soll heißen, ich habe mich an den Druck der beiden Bassdrums gewöhnt und genieße nur noch den gigantischen Anblick der Akteure kaum zehn Meter von mir entfernt. Bassist Ian Hill beackert unermüdlich im Hintergrund seinen Viersaiter und hält sich dabei aus allem heraus. Drummer Scott Travis glänzt nicht nur mit perfektem Spiel, sondern jongliert ständig mit seinen Sticks herum, fängt sie aber jedes Mal im richtigen Moment auf, um nicht einen Schlag auszusetzen.
Judas PriestEs macht einfach nur Laune, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Die Gitarrenfront mit Urgestein Glenn Tipton (er trägt immer noch die gleiche rote Lederhose wie schon vor Jahrzehnten) und der Nachfolger von K.K. Downing, Ritchie Faulkner, harmonieren in Perfektion miteinander - sollte man doch meinen, der Neue hätte nur ein Nischendasein. Weit gefehlt: Ich habe den Eindruck, als sei er schon immer dabeigewesen.
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Judas PriestGegen Ende der Show wird es etwas undurchsichtig, wann denn nun der Zugabenblock beginnt. Immer wieder verlässt die Band die Bühne, um schließlich für weitere zwei oder drei Stücke zu erscheinen. Als dann aber Rob mit der Harley auf die Stage fährt, weiß endgültig jeder, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Noch einmal wird erst die Harley und dann Gitarrist Ritchie mit der Reitgerte von Oberpriester Halford gepeitscht und nach zweieinhalb Stunden Musik aus über vierzig Jahren Bandgeschichte geht auch schweren Herzens diese Ära zu Ende. Leider können solche Lücken in der Musikwelt von keiner anderen Band geschlossen werden, denn wie viele persönliche Erinnerungen hängen daran, die niemand ersetzen kann?
Vielen Dank Judas Priest.
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Line-up Sabaton:
Joakim Brodén (vocals)
Judas Priest Oskar Montelius (guitar)
Rikard Sundén (guitar)
Pär Sundström (bass)
Daniel Myhr (keyboards)
Daniel Mullback (drums)

Line-up Judas Priest:
Rob Halford (vocals)
Glenn Tipton (guitar)
Richie Faulkner (guitar)
Ian Hill (bass)
Scott Travis (drums)
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