Kaipa / Mindrevolutions
Mindrevolutions
Wir erleben wohl die Epoche der Bandjubiläen. Manche werden spektakulär und medienwirksam in Szene gesetzt. Andere gehen fast in den News unter, wenn sie denn überhaupt mal Erwähnung finden.
Einige sind hingegen sogar mehr als erwähnenswert. So das Jubiläum von Kaipa. 1975 wurde ihr selbstbetiteltes Debüt veröffentlicht. 30 Jahre später legen sie ihr gerade mal achtes Album nach. Es trägt den Titel "Mindrevolutions" und ist gleichzeitig das dritte Werk in der Kaipa-Neuzeit, welche bekanntlich im Jahr 2002 furios mit "Notes From The Past" begann. Eine kreative Pause von schlappen 20 Jahren ging dieser CD voraus. Manchmal ist weniger eben mehr, werden sich die Hauptkaiparisten Roine Stolt und Hans Lundin vielleicht gedacht haben.
In Punkto Spielzeit lassen sich die Jubilare schon mal nicht lumpen. 79:18 Minuten feinsten Progressive Rock frickeln die Kaipas auf digitalen Tonträger. Viel mehr geht nun wirklich nicht! Ist die CD nun ein Segen, oder was? Dass es trotzdem noch Kapellen gibt, die den Hörer mit wenn überhaupt mal 35 Minuten Neustoff abspeisen wollen, wird bei den kaipa'schen Dimensionen noch unverständlicher und unverschämter.
Die Jungs und Mädels um Lundin und Stolt haben ihren eigenen Stil entwickelt. Ihr Progressive Rock geht in die Breite, was die Einflüsse anbelangt. Jazz-Harmonien durchdringen die Arrangements. Immer wieder stößt der Hörer auf Keyboard- und Gitarrenmelodien, die aus der Jazz-Rock Szene vertraut sind. Morgan Ägren mischt die Songs mittels genretypischen Trommelspiels auf. Aber zusammen mit seinem Gittaristen Roine Stolt ist er ein Garant für die rockigen Steine in der Musik.
Kaipa nehmen sich in ihren Songs Zeit. Sie lassen den Stücken genug Raum, um sich voll zu entwickeln, wobei nicht immer klar ist, ob das Ergebnis von vornherein feststand, oder sich aus der Struktur eigendynamisch herauskristallisierte. Jedes Instrument übernimmt mal die Führung durch die Phasen des Klangmosaiks. Insbesondere die Fretless Bass Kabinettstückchen von Jonas Reingold strahlen heraus, vielleicht, weil man doch nicht so oft über diese markige Klangfarbe stolpert - auch nicht im Progressive Rock.
Das Album lebt von seinem Variationsreichtum. Die Geschwindigkeit der Songs oszilliert von sanften Lowspeed Passagen über tragende und verbindende Midtempoabschnitte bis zu selteneren rasanten Sounderuptionen. Diese einzelnen Sequenzen streben quasi jedes Mal ihrem eigenen, immanenten Höhepunkt zu, bis sie von der nächsten Phase abgelöst werden. Entdecker werden ihre Freude haben.
Den Kulminationspunkt stellt der Titeltrack dar. "Mindrevolutions" entführt den Hörer durch ein knapp 26 minütiges musikalisches Improvisationsmeeting. Stimmungsvoll intoniert Sängerin Aleena mit ausdrucksstarke Stimme die ersten Strophen. Die anschließenden Instrumentalteile vermitteln einen ersten Eindruck davon, was der Song noch alles zu bieten hat. Und das ist eine ganze Menge. Keyboard, Gitarre und Bass wechseln sich mit vertrackten Melodien ab. Sie kreisen um verschiedene Themen und iterieren variantenreich. Aber Vorsicht: Wer bei diesem Stück die Fahnen streicht, der sollte die Öhrchen besser von dieser CD lassen. Für Liebhaber solcher Klänge aber versteckt sich hinter "Mindrevolutions" ein Meisterstück seines Faches.
Insgesamt hat InsideOut in letzter Zeit kräftig bei uns abgesahnt. Auch Kaipa unterbrechen mit ihrem neuen Album "Mindrevolution" diese Siegesserie nicht. Uhren, Uhren, Uhren!. Diesmal sind es 8 von 10 für die ambitionierten und kreativen Schweden.


Spielzeit: 79:18 , Medium: CD, InsideOut Music, 2005
1. The Dodger, 2. Electric Leaves 3.Shadows Of Time 4. A Pair Of Sunbeams 5. Mindrevolutions 6. Flowing Free 7. Last Free Indian 8. Our Deepest Inner Shore 9. Timebomb 10.Remains Of The Day
Ella Wirtz, 27.05.2005