Christine Dähn / Über sieben Brücken musst Du gehen
Über sieben Brücken musst Du gehen Über sieben Brücken musst Du gehen
von Christine Dähn
Medium: Buch
386 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
und zahlreichen farbigen Abbildungen
Erschienen im Verlag Neues Leben/ Eulenspiegel Verlagsgruppe
ISBN 978-3355-01768-8, 19,95 Euro


Review vom 27.03.2010


Ingolf Schmock
In mir erweckt es geradewegs den Eindruck, dass einige der kommerziell erfolgreichsten Ex-DDR-Rockmatadoren derweil die gebündelte Invasion auf den Geldbeutel ihrer treuesten Liebhaber starten. Ihnen damit geschäftliches Kalkül anzukreiden, wäre angesichts des bevorstehenden 35-jährigen Jubiläums sicherlich unfair, zumal eine kreative Auszeit von nahezu fast acht Jahren, mit Ausnahme weniger Single-Veröffentlichungen, von wirklich neuen fassbaren Produkten wohl Bände spricht.
Pünktlich zu den Feierlichkeiten präsentieren uns Karat einen Silberling mit durchweg neuen Kompositionen und Dreilichs Sohnemann als ebenbürtigen Frontmann, eine gesammelte Wiederauflage ihrer tönenden Historie sowie eben eine längst fällige literarische Überarbeitung selbiger.
Mit deren bezeichneten Aufmacher "Über sieben Brücken musst Du gehen" hat nun die renommierte TV- und Hörfunk-Moderatorin und Kennerin der Muikszene des einstigen Arbeiter- und Bauern-Staates, Christine Dähn, die von Höhen und Tiefen geprägte Bandgeschichte niedergeschrieben und aufgelegt.
Als interne Busenfreundin und Begleiterin der literarischen Helden schildert diese in ihrer herzigen Anekdotensammlung sehr intime Betrachtungsweisen bzw. Erlebnisse aus der Perspektive einzelner Karat-Mitglieder und einiger Vertrauter, wobei die Gefahr, sich wie im Kapitel über ihre mütterliche Retterin und langjährige Managerin Adele, darin besteht, sich in schulterklopfenden Lobhudeleien zu verstricken.
Sehr tiefemotionale Augenblicke werden mit Fingerspitzengefühl und menschlicher Intuition erzählt, so auch das Kapitel über Herbert Dreilichs Ableben aus der Sicht seinen Sohnes Claudius: »Drei Wochen bevor er starb, trank ich mit ihm das letzte Glas. Er konnte nicht mehr gut laufen und lag auf dem Sofa. Er öffnete eine Flasche Wein und füllte die Gläser, in die eine halbe Flasche passte. Das war Teil seines Humors. Der Arzt erlaubte ihm, nur noch ein Glas am Abend zu trinken. Herbert kaufte diese Mammutgläser und teilte den Saft, den er so mochte, schaute sehr traurig, zeigte auf seine Beine und meinte: Ist das nicht eine Scheiße?
Herbert sollte auf der Bühne das singen, was sein Körper ihm gestattete, den Rest würde ich übernehmen. So war die Konzeption von Karat.
'Du musst mir helfen, dass ich es richtig mache. Keiner kann die Lieder so singen wie Du. Ich muss das lernen', bat ich ihn. 'Das machen wir auch', erwiderte er und fügte hinzu: 'Eines sage ich dir, mache es ordentlich, Sohn!' Das war sein Satz, und das war der Frieden für mich.«
Geradezu philosophisch seine Gedanken beim allerersten Auftritt als Frontmann. »'Wir vermissen unseren Freund Herbert sehr. Aber Karat lebt weiter, denn wir haben einen Sohn bekommen', sagte Bernd Römer 2005 vor unserem ersten gemeinsamen Konzert. Er drehte sich zur Bühnengasse und ich sah, dass Bernd ein glückliches Lächeln im Gesicht hatte. Das Publikum hielt den Atem an, und ich hielt den Atem an. Für mich war es ein schwieriger Moment. Ich ahnte nicht, wohin er mich tragen würde. Nie weiß man das, wenn das Herz im Hals klopft und die Stimme unter einem Kloß versinkt. Ich stürmte nicht auf die Bühne, riss nicht das Mikrofon an mich. Ich dachte an Herbert.«
Urmitglied und Komponist Ed Swillms gewährt uns poetologische Einblicke in die tiefste Karat-Vorzeit, als Ed Ende der Sechziger mit Sänger Herbert Dreilich (die zwei »Priester des Soul«) und der Schlagerkapelle Alexanders fünf Stunden zum Tanz aufspielten, um etwas später als innovativ geltende Bigband, mit Veronika Fischer in ihren Reihen, den Jazz von Übersee in die verklausulierte Musikwelt einer Diktatur und deren Volk zu mischen.
Er lässt nachdenken über seinen allmählichen Bruch mit der Band 1986 und das Versinken in ein emotionales und kreatives Erdloch: »Ich hatte keine besonderen Einfälle. Ich weiß, aber ich habe in dieser Zeit nichts anderes gekonnt. Ein Jahr später war wieder Musik in mir. Aber diese Titel hat Karat nicht mehr gewollt. Sie liegen bis heute verschlossen in der Schublade. Wohl verwahrt. Karat entfernte sich von mir und ich mich von Karat. Ich habe nicht mehr die Hände gierig nach der Bühne ausgestreckt und mein Herz auf den Boden gelegt.«
Der spät rekrutierte Bassist und ehemalige Blueser Christian Liebig sinniert über damalige Kollegengerüchte, die der in den Hitsendungen konsequent die vorderen Ränge okkupierenden Band eine besondere Staatsnähe andichteten, und die Distanz zwischen den DDR-Bluesjüngern und den konformen Favoriten der Freien Deutschen Jugend: »Die meisten Bluesbands spielten genau wie die, die sie die Lieblinge der FDJ nannten, bei großen Veranstaltungen mit, die in gigantischen Ausmaßen nur von der FDJ organisiert wurden. Es gab keinen anderen Platz, um von Hunderttausenden gehört und gesehen zu werden. Aber die Bluesfreunde, Fans und Musiker ließen sich ein Hintertürchen offen, damit ja nicht der Hauch einer politischen Einbindung an ihrem Auftritt kleben blieb. Was nicht sein sollte, war es trotzdem.«
Die aus der Sicht der Protagonisten geschilderten autobiographischen Erkenntnisse sind keine intimen Kollateralschäden aus dem ostdeutschen Milieu, sondern erwecken den Eindruck gesellig plaudernder Prosa über Sehnsüchte und deren musikalischen Erfüllung. So amüsiert man sich mit Gitarrist und gebürtigem Erfurter Bernd Römer über den ersten selbstgebastelten Verstärker und das Seifenkisten-Schlagzeug seiner ersten Schülercombo und seine erwachende Ehrfurcht vor Hendrix' Roter Stratocaster: »Allerdings bebte mein DDR-Herz, als er eine seiner so außergewöhnlichen, für mich unerreichbaren Gitarren verbrannte. Jimi, das war ein Ausrutscher. Die HO hätte sie gern in Zahlung genommen. Als ich das erste Mal den Song "Hey Joe" hörte, war mir klar: Hey Bernd, wenn es dir mal besser geht, dannů«
Sehr tief greifende Einblicke bekommt man in den Reifeprozess des wohl prägendsten und pathetischsten Ost Rock-Schlagers "Über sieben Brücken musst Du gehen", der 1977 von Professor Helmut Richter, ehemaliger Direktor des Literaturinstituts Johannes R. Becher, vertextet wurde und dessen mittlerweile gesamtdeutsche Hymnenfunktion bzw. Verkörperung bedingungsloser Ost-West-Befindlichkeiten erstaunlicherweise bis heute seine Dauerwirkung zu erzielen vermag: »Das ist nun zwanzig Jahre her und doch ist es immer noch einer der Songs, auf den die Karatfans in einem Konzert stets warten. Vielleicht zuerst deshalb, weil der Text eine menschliche Grundsituation erfasst, die in jeder Generation vorkommt: Etwas Archetypisches also. Etwas, das durch die Musik von Ed Swillms auf suggestive Weise vertieft und verstärkt wird.«
Die einstige DT 64-Moderatorin des wohl einflussreichsten Jugendhörfunks vor dem Mauerfall nimmt den Leser mit auf einen kurzweiligen und bewegenden Diskurs durch pechschwarze Bandabschnitte, wie Herberts letzte Lebensmeter, selbst ernannte 'Vorbeipunkte' und minder blühende Nachwende-Landschaften, bereichert das Gemüt andererseits aber auch mit lichtdurchfluteten Augenblicken, wie der Liaison zum musizierenden Migranten Peter Maffay und Karats Wiedererlangen ihres aufrechten Ganges nach so manchem scharfkantigen Tal.
Christine Dähns leichtfüßige sprachliche Kompetenz wirft einen hellen Strahl auf einige zählebige Legenden dieser unbezwingbaren Ost Rock-Missionäre und offeriert zugleich auch eine Liebeserklärung an die granitenen Stützen künstlerischer Individualisten, nämlich deren Familien.
Das Buch zur Band ist eine herrliche Lektüre für alle ostalgieblinden Musikfreunde zwischen Norddeutscher Tiefebene und Bodensee, wie auch dienliche Prävention gegen das Vergessen einer eingegrenzten Rock'n'Roll Kultur. Langjährigen Fans muss man es nicht empfehlen, diese werden das bedruckte Papier zwischen zwei harten Einbanddeckeln ins Pflichtprogramm integrieren.
Und so werden Letzteren zum Schluss folgende wärmende Worte mitgegeben. »Leben ist festhalten, erinnern, alte Sünden verwerfen, alten Haudegen verzeihen, Hass in den Müll werfen, in Abenteuern schwelgen, auch wenn man sie nicht alle erlebt. Manches kommt abhanden, und manches möchte man auf irgendeiner Straße verlieren und nie wieder finden. Wenn das eine oder andere Euch nicht betrifft, tragt es in Eurer Erinnerung weiter.«
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