Kula Shaker
24.10.2007, Lido, Berlin Kreuzberg
Rocktimes Konzertbericht
Kula Shaker
Lido, Berlin Kreuzberg
24. Oktober 2007
Stil: Neo Psychedelic


Artikel vom 31.10.2007


Grit-Marina Müller
Sie müssen auf einer Eliteschule gewesen sein. Ihre Lehrer werden George Harrison,
Jerry Garcia, McGuinn/Crosby/Clark geheißen haben. Ihre Fächer waren hochintelligentes Komponieren, fundiertes Songwriting, traditionelle und innovative Bezugsfähigkeit. Fakultativ entschieden sie sich für grenzenlose Kreativität und Inspiration. Und ihre Hausaufgaben haben sie teuflisch gut gemacht!
»Nach den Sitarklängen der späten Beatles-Epoche sei man mit "Strangefolk" inzwischen den legendären Byrds näher gekommen«, sinnierte dann auch die Süddeutsche Zeitung über den dritten Streich der neopsychedelischen Brit-Rockband Kula Shaker. Allerlei solcher 'Fachbegriffe' mag man offenbar gerade dem Stil dieser Band verpassen zu wollen.
Fakt ist, dass Kula Shaker auf verblüffende Weise einen höchst eigenständigen, homogenen Sound kreieren, der die Brücke von klassischem Sixties-Rock bis hin zu einem intergalaktisch anmutenden Klangteppich schlägt und somit stellen die Briten Schubladendenker stilistisch wie chronologisch vor Probleme.
Dass sie aber wie die Byrds tatsächlich ein Faible für Spacerock und 'Space-Männchen' haben, hört und sieht man bereits auf "Peasants, Pigs & Astronauts". Kula Shaker üben hier, wie es so schön heißt, Zivilisationskritik und träumen den ewigen Traum von einer besseren Welt in einem der nächsten Leben.
StrangefolkDies tun sie gern in hymnenhaften, opulenten Werken, die bedeutungsschwer Spannung aufbauen und sie dann wieder in leichten und verspielten Harmonien auflösen. Die Engländer bedienen sich dabei erstklassiger Retro-Anleihen aus genannten 60ern oder exotischer Kompositionen und ebensolcher Instrumentierung, vorzugsweise aus der traditionellen indischen Musik. Beim neuen Album "Strangefolk" geht es nun insgesamt etwas sparsamer und melancholischer, jedoch nicht weniger ambitioniert zu. So präsentieren sie live auf ihrer aktuellen Tour altes und neues Material mit sprühender Energie und eindringlicher Intensität, der man sich nicht entziehen kann.
Perfekt britisch-elegant im Anzug mit Krawatte, erscheint Crispian Mills mit seinen Mannen am 24.10. um kurz nach Zehn auf der Bühne des Lido, einem Club mit eher sprödem Charme (aber ein Paradies für Rauchverbotsflüchtlinge) in Berlin-Kreuzberg. Der Saal ist übervoll, die Luft zum schneiden und die Say Hi(gh)s just said goodbye.
(Die Say Highs waren die Vorband des Abends. [Die Red.]).

Nach kurzer höflich zurückhaltender Begrüßung geht es aber auch schon los.
Gewohnt bombastisch mit dem Opener "Hey Dude" vom Debüt "K" stimmen sich Kula Shaker ein und reißen von Beginn an das überwiegend studentische Publikum mit. Sie packen ihre Songs aus, wie große, bunte Geschenke, auf die man sich seit Ewigkeiten freut. Detailverliebt sind die, voller Effekte, überraschender Sprünge, eingehend melodiös und mit einem todsicheren Gespür für astreine rhythmische Breaks versehen. Aus dem neuen Album folgt Schlag auf Schlag: "Out On The Highway", "Second Sight", das elegische "Die For Love" und - ganz sicher ein Höhepunkt - "Song Of Love/Narayana".
Es macht einen Heidenspaß, Crispian Mills - wohlgemerkt in besagtem Anzug - explodieren zu sehen! Bandneuzugang Harry B. Broadbent tobt sich in saftigen Orgelläufen auf dem Kula Shaker-Basisinstrument Hammond B-3 aus. Besonders schön zu hören und erleben bei "Hurricane Season". Die Weite und die sphärischen Momente in den Stücken werden leider auf die Größe und Möglichkeiten des Lido zusammengefaltet. Dennoch stand der Sound nach kurzen Anfangsschwierigkeiten erstaunlich solide auf dem bebenden Boden der tanzenden Tempeljünger.
Die zelebrierten mit ihren Gurus natürlich "Great Hosannah", "Tattva" und "Into The Deep".
Eine sprichwörtliche Magie lag in der Luft »when Jerry was there you could feel his presence everywhere «
Nach gut eineinhalb Stunden und drei, vier oder fünf (?) Zugaben - ich habe den Überblick verloren - endet alles mit dem spektakulären, ausschweifenden "Govinda". Eine wirklich großartige Show. Nach diesem Abend kann man also ruhigen Gewissens in den Siebzigern geboren sein? Ja! Diese, meine Generation, ist im Jahre 2007 dann eben doch imstande, fantastische Musik hervorzubringen. Die Zukunft scheint gerettet.
Anzumerken wäre noch, dass entgegen der berechtigten Diskussion über fragwürdig hohe Ticketpreise für Rockkonzerte die 18 Euro für KS nun wirklich ein Spaßpreis sind, der Rang und Können der Band völlig unterbewertet. Kula Shaker sind eine dieser frischen, sagenhaft talentierten UK-Bands, die aber leider bisher nicht über die Erfolgswelle des Britpop-Hype in den 90ern hinauskamen. Das mag gewiss an ihrer darauffolgenden mehrjährigen Auszeit gelegen haben. Tatsache ist aber auch, dass sie mit "Strangefolk" inzwischen qualitativ weiter gewachsen sind und dennoch vergleichsweise wenig Beachtung finden. Der omnipräsente Einheitsbrei scheint als Diener des Kommerzes alles Andere und vor allem Hochwertige unter sich zu begraben.
»We beg to remain your servants« bitten Kula Shaker vielleicht deshalb?
Nun, das wollen wir ihnen nur erwidern!
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