Shane MacGowan
Lost in Dublin
oder: Eine Begegnung mit Shane MacGowan
Verabredungen mit Shane MacGowan sind so eine Sache. Oder wie eine gute Bekannte, die Shane seit ca. 20 Jahren persönlich kennt, mal gesagt hat: "Glaube erst, dass er auch tatsächlich da ist, wenn du ihn siehst."
Dabei darf man das gar nicht mal als böse Absicht verstehen. Es ist einfach nur so, dass die Uhren für einen Shane MacGowan anders ticken, als für den Grossteil der übrigen Menschheit. Aber jetzt bin ich ja fast schon mittendrin in der Geschichte.
Es fing alles damit an, dass ich eines Tages im Frühling 2003, gestresst von der Arbeit, von einem auf den anderen Tag beschloss, eine Pause einzulegen, mal wieder was anderes zu sehen und somit meiner Schwester in Dublin einen Besuch abzustatten. Also die Tickets gebucht, eine kleine Reisetasche gepackt, meine damalige Lebensgefährtin und heutige Frau geschnappt und los ging's.
Über die Website Shane MacGowan hatten wir bereits einige Bekanntschaften geschlossen und diese auch bei MacGowan-Konzerten in Dublin persönlich kennen und mögen gelernt. Klar, dass wir uns auch während dieses Kurzurlaubes mit zwei unserer Freunde, nennen wir sie mal Ron und Pat (Namen geändert), getroffen haben.
Und so nahm die Tragödie an einem frühen Nachmittag mit dem ersten Guinness an der Bar des sehr gemütlichen 'Blooms' Hotels ihren Lauf. Vorausschicken sollte ich noch, dass unsere beiden irischen Freunde Shane persönlich kannten bzw. kennen und, was ich und mein bestes Stück nicht wussten, sogar seine Handy-Nr. hatten. Nach den ersten paar Runden 'schwarzen Goldes' hatte Ron den Einfall, Shane anzurufen, damit wir ihn später auf ein paar Drinks treffen könnten.
Mir wurde ganz komisch, denn schließlich war ich bereits seit vielen Jahren Pogues/Shane MacGowan-Fan und es erschien mir fast surreal, dass Ron da einfach so anrufen und ein Treffen mit dem Mann arrangieren kann, um den sich so viele Geschichten und Mythen ranken. Ich war auf einmal ziemlich nervös.
Pat war von der Idee nicht so angetan, da er ein paar Tage zuvor verbal mit Shane aneinandergeraten und immer noch sauer auf ihn war. Wie dem auch sei, der Anruf von Ron erfolgte und ein Zeit- sowie Treffpunkt wurde für den späten Abend ausgemacht. Die Zeit bis zum Aufbruch verkürzten wir uns mit weiteren Pints und ich versuchte zu relaxen. Schließlich war es soweit. Raus aus der Bar, rein ins Taxi und abgebraust.
Irgendwann hatte ich so bei mir gedacht: "Das ist aber 'ne ganz schön lange Fahrt" und als wir in einem weit abgelegenen Vorort von Dublin ankamen, waren dort die Bürgersteige im Prinzip schon hochgeklappt. Dann eine Überraschung: Der Treffpunkt entpuppte sich als eher noble Weinbar inklusive arbeitendem Pianisten. Ich hatte eher etwas anderes erwartet, aber egal. Als wir ins Lokal wollten, teilte uns der freundliche Türsteher jedoch mit, dass bereits geschlossen sei. Ron erklärte, dass Shane MacGowan auf uns wartet. Den kannte der Bouncer angeblich nicht, war aber so nett Ron kurz reinzulassen um zu sehen, ob Shane bereits dort war. War er nicht.
Hmm, unser Taxi war weg, die Bar war geschlossen und so standen wir etwas 'bedeppert' im nächtlichen Dublin-Regen. Wir beschlossen, wenigstens ein bisschen zu warten, denn der gute Shane ist ja schließlich dafür bekannt, es mit der Pünktlichkeit nicht so ganz genau zu nehmen. Da mir nach ca. 30 Minuten meine Blase etwas zu schaffen machte und wir mitten an einer Hauptstrasse standen, meldete ich mich bei den anderen kurz ab, um ein nettes, dunkles Plätzchen zu finden, an dem ich mich erleichtern konnte.
Das stellte sich jedoch als gar nicht so einfach heraus und ich war schon einige hundert Meter gegangen, als ich an einer Kreuzung ankam. Ein Taxi kam herangerauscht und musste wegen der roten Ampel anhalten. Und, Allmächtiger, da saß Shane MacGowan auf dem Rücksitz des Taxis. Ich fing an wild mit den Armen und Beinen zu fuchteln, nach Shane zu rufen und ihm erklärlich zu machen, dass wir die Strasse runter alle schon auf ihn warten.
Der Taxifahrer, offensichtlich nicht gerade begeistert von seinem Fahrgast, rollte sein Fenster runter und fragte mich: "Kennst du diesen Typen??". Etwas entgeistert und immer noch mit der rechten Hand fuchtelnd, erwiderte ich: "Booaah klar, das ist Shane MacGowan, Mann!!"
Weiterhin unbeeindruckt und etwas genervt wollte der Fahrer dann wissen, was überhaupt los sei und wie es weitergehen soll. Ich erklärte also noch einmal die Situation, während Shane mit einem überdimensionalen Bier im Rücksitz versunken seinen Spaß an der allgemeinen Konfusion hatte und in sich hineinkicherte.
Der Mann am Steuer sagte, ich solle einsteigen und ihn dorthin führen, wo die anderen seien, da in diesem Taxi anscheinend sonst niemand weiß, wo er hin will. Ich stieg also ein und befand mich, mein Herz schlug ca. 13 mal so schnell wie gewohnt, in ein und demselben Taxi mit einem meiner musikalischen Helden.
"Woho issss Ron?" fragte mich Shane, der sich etwas...aehm... 'angeschlagen' anhörte und ich gab Auskunft. Vorne im Beifahrersitz saß noch eine weitere Person, was sehr ungewöhnlich für Taxis in Dublin ist. Muss wohl ein Kumpel von Shane sein, dachte ich mir. "Woohoo isssss Ron?" kam noch mal die Frage.
Aehaeh....Shane? Na ja, egal, ich erzählte es ihm noch mal während er zunächst weiter im Rücksitz versinkt und schließlich seinen Hinterkopf auf meiner Schulter zur Ruhe legt.
Dann die nächste Frage: "Isss Sinnead (O'Connor) auch noch da?"
Wow, dachte ich mir, die ist auch da? Ist ja ein richtiges Nest hier. "Isss Sinenad auch noch da?"
Warum antwortet ihm sein Kumpel denn nicht?? Ich mache mich bereit ihm auf die Schulter zu tippen, um seine Aufmerksamkeit auf Shanes Frage zu lenken. Denn woher um alles in der Welt sollte ICH denn wissen, wo sich Sinnead O'Connor rumtreibt??
Aber dann erhob Shane seinen Kopf, sah mich direkt an und wiederholte seine Frage zum zweiten Mal, während er sich offensichtlich fragte, ob ich was an den Ohren habe. "Ooh, äh, keine Ahnung" stammelte ich etwas verlegen.
Mittlerweile hatten wir die anderen erreicht und es erfolgte das fast schon erwartete: "Woho issss Ron?"
Das Problem war aber, dass Ron, von dem gleichen Problem wie ich geplagt, sich auch gerade irgendwohin verzogen hatte, um sich zu erleichtern. Und Pat stand schmollend ganz hinten in der Ecke, immer noch beleidigt und nicht willens auch nur ein Wort mit Shane zu wechseln. Über den Lebensstil von Shane MacGowan zu schreiben, hieße Eulen nach Athen tragen, aber eine seiner Stärken ist es, dass er niemals ein Gesicht vergisst. Nun hatte meine Gattin, die jetzt ans Taxi kam um 'Hallo' zu sagen, Shane bereits in den USA, Kanada, England und Deutschland kurz getroffen und als Shane sie sah, wurde er etwas verwirrt. "Gibt's dich eigentlich auf jedem Land dieser Welt?", fragte er ganz konfus.
Ron war immer noch nicht zurück und die Weinbar immer noch geschlossen. Also machten wir den Plan, dass ich mit Shane zu einer Bar ganz in der Nähe fahre, die anderen auf Ron warten und dann nachkommen. Gesagt, getan. Jedoch hatte diese Bar auch schon geschlossen und Shane wollte zurück in die City. Ich hingegen wollte meine bessere Hälfte nicht zurücklassen und beschloss auszusteigen und zurück zu meinen Freunden zu gehen. Shane meinte, Ron solle ihn später noch mal auf dem Handy anrufen, gab mir noch ein nettes "You're alright, yeah?" mit auf dem Weg und entschwand samt dem Taxi in die Nacht.
Ich ging also zurück und.... alle waren weg. Na, herzlichen Glückwunsch, hab ich mir gedacht. Gestrandet mitten im Niemandsland weit außerhalb Dublins in einem schlafenden Dorf. Nicht mal vereinzelte Autos, geschweige denn Taxis tauchten auf. Der Himmel weinte, als gäbe es kein morgen und nachdem ich zunächst suchend ein bisschen rumgelaufen war, beschloss ich mein Lager am ursprünglich ausgemachten Treffpunkt aufzuschlagen, in der Hoffnung, auch die anderen würden dorthin zurückkommen. Wo zur Hölle waren die bloß??
Nach ca. 40 Minuten, es geschahen Zeichen und Wunder, sah ich plötzlich ein Taxi die Strasse entlang kommen und konnte mein Glück nicht fassen, als es auch noch anhielt und mich aufnahm. Noch nicht mal eine Minute unterwegs, sah ich die anderen drei plötzlich, die wiederum nach mir in der entgegengesetzten Richtung gesucht hatten. Zurück in der City rief Ron Shane wieder an, der ihm mitteilte, in welchem Club er sich befand. Während des etwa halbstündigen Fußmarsches (Taxis in Dublin sind verdammt teuer), bei dem Ron des öfteren ein eher nachdenkliches Gesicht aufgesetzt hatte, dachte ich so bei mir: Okay, wir ziehen das heute Nacht durch, aber wie bescheuert bin ich eigentlich, hier stundenlang frierend durch den Regen zu rennen??? Heute Nacht und danach nie mehr!!!
Wir kamen am Club an und es stellte sich heraus, dass Shane in einem für VIP's abgeschirmten Teil der Bar saß. Zusätzlich gab's die Auflösung für die von mir vorher bemerkte sorgenvolle Miene Rons. Der hatte nämlich bis vor kurzem noch in genau diesem Club gearbeitet und war nach einem fürchterlichen Streit mit dem Inhaber gefeuert worden. Und eben dieser Inhaber hatte in jener Nacht die Genugtuung seines Lebens uns nicht in den VIP Bereich zu lassen, egal wer dort auf uns warte. Shane, der mittlerweile wohl sein Handy abgestellt hatte, war auch nicht mehr zu erreichen.
Mann, was für ein Trip!!! Zum Trost und zur Aufwärmung gab's dann noch ein paar Pints, bevor wir den Heimweg antraten. Obwohl ich Shane MacGowan ca. ein halbes Jahr später noch einmal ausführlich kennen gelernt und einen ganzen Abend mit ihm verbracht habe, werden mir wohl am ehesten diese fünf Minuten in einem Dubliner Taxi für immer unvergesslich bleiben.
Und die Moral von der Geschicht'? Renne niemandem blind hinterher, denn das bringt nur Ärger, oder: Hab' immer einen Plan B in der Tasche, wie du nach Hause kommst, denn auf sein Glück kann man sich nicht immer verlassen.
The Pogues in (fast) Originalbesetzung touren ab dem 10.März an der Ostküste der USA. Berichterstattung dazu erfolgt natürlich in der RockTimes!


Shane MacGowan: Lost In Dublin, oder: Eine Begegnung mit Shane MacGowan
Markus Kerren, 25.03.2006
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