Pallas / The Dreams Of Men
The Dreams Of Men
Die Träume der Menschen sind vielleicht nicht ganz so profan wie die eines Kerls mit schlichtem Gemüt. Mir jedenfalls fallen spontan der brüllende Cosworth-V10 Motor, Pilsner Urquell in Dosen, großkalibrige Silikonfüllungen und eine Rostbratwurst mit Senf ein.
Die Männer von Pallas vertonen die Träume der Menschen kunstvoll auf ihrem 7. Langsilber und stellen die Suche nach wahrer Liebe sowie das Streben nach Macht, Reichtum oder Heldenmut in den Mittelpunkt der kollektiven REM-Phase.
Pallas' "The Dream Of Men" besteht aus Progressive Rock. Die von ihnen besetzte Sparte dieses Genres fokussiert die Songs, die Geschichten und die Klangkomposition. Einzelleistungen an den Instrumenten sind zweitrangig. Jeder der Musiker ist ohne Zweifel ein Meister seines Faches, aber eine Notwendigkeit zur übertriebenen Selbstdarstellung sehen die Schotten nicht. Das mag manchen Puristen unter den Musikfans zwar enttäuschen, aber dadurch klingt die Platte bei allen Wechseln, Variationen und Stimmungen doch erfrischend homogen. Natürlich ist bei Pallas Platz für Soli. Und zwar jede Menge. Aber sie wirken eben nicht wie reimportierte Fremdkörper, sondern sind unabdingbare Bestandteile der Songs. Wären sie nicht enthalten und zwar genauso, wie sie arrangiert sind, wären die Stücke spürbar unvollständig. Besonders angetan wird der Musikfan von den sich abwechselnden Keyboard- und Gitarreneinlagen sein. Sie erzeugen eine schier greifbare Spannung.
Dafür verantwortlich ist an den Keys Ronnie Brown. Seine Spezialität sind Sounds, die fast schon in die Elektronikecke passen könnten. Das Intro zum Opener "Bringer Of Dreams" beispielsweise könnte ebenso gut von Klaus Schulze eingetastet worden sein. Ronnie schafft ähnlich entrückte und künstliche Atmosphären wie der Meister des esoterikfreien New Age.
Niall Mathewson kreiert die feine Gitarrenarbeit. Immer wenn er die Töne klingen lässt, wenn er den Saiten Zeit zum schwingen gibt, entwickeln sich die Soli so, wie sie am besten in die Kompositionen passen. Sicherlich wird er auch mal rasant und frickelt umeinander. Aber am meisten glänzt er, sobald er sich auf die Wirkung langer, wirkungsvoller Noten konzentriert.
Für einen ordentlichen Druck sorgt Colin Fraser an der Trommelkiste. Für ihn gilt Ähnliches wie für Niall Mathewson. Pallas geizen nun mal mit Speed. Aber insbesondere durch Alans profunden Einsatz der Bass Drum donnern die Rhythmen an den richtigen Stellen. Sehr gefällt, wenn er ab Achtel aufwärts in das Pedal hämmert. Das ist zwar selten, dafür aber um so auffälliger.
Drivende Bass Lines produziert Graeme Murray am Tieffrequenzer. Solide, fundiert und zielgerichtet zupft er an seinen vier Kabeln herum. Höre man sich nur mal "Mr. Wolfe" an.
Ambivalent ist die Leistung von Sänger Alan Reed zu bewerten. Dass er die Stories durchaus emotional herüber bringen kann, beweißt er bei "The Last Angel". Die Klangfarbe seiner Stimme ist eher durchschnittlich. Aber ist die von Fish es nicht auch?
Zum Reinhören drei empfohlene Träume:
"Gostdancers" ist eine schleppende Nummer mit nativen Elementen. Pow - Wow Gesänge gegen Ende geben dem Stück die authentische Atmosphäre. Bis etwa zur Mitte stellen Streicher-Sounds das Rückgrat dar. Der Refrain nimmt den Zuhörer mit auf die Reise über den Großen Teich auf einem Schiff namens 'Destiny' - ergreifend intoniert mit zweistimmigem Gesang.
Das schon erwähnte "Mr. Wolfe" ist der Nackenbrecher auf "The Dream Of Men". Eingeleitet wird er durch brachiale Pianorhythmen, die donnernd durch die Bass Drum unterstützt werden. Bald darauf übernimmt der Bass dieses Thema und groovt damit unbeirrt durch den Song. Erste Sahne!!!
Der absolute Traum ist aber die 11:28 Minutennummer "The Last Angel" direkt zum Abschluss des Albums. Was für ein Werk! Zuerst erklingt der Gesang, nur begleitet von einem sanften Keyboardgewebe. Dann fallen nach und nach andere Instrumente ein - wohldosiert und sukzessive. Alans Vortrag wird leidenschaftlicher. Das Stück steigert sich bis zur Minute 7:30 kontinuierlich, wobei Erinnerungen ans "Awaken" von Yes wach werden. Jetzt wird es aber erst richtig klasse. Eine Sopranistin übernimmt die Vocals und betört die Musikfans geradezu. Dazu steigen die Instrumente ein... hört euch bloß diesen Schlagzeuger an...verzückt bei den Gesängen des letzten Engels...
Pallas nehmen für dieses Progressive Rock Werk locker 8 RockTimes Uhren mit in die Highlands. Wie so oft, lässt sich InsideOut nicht lumpen und bietet den Interessierten eine Special Edition mit erweitertem Booklet und einer Bonus CD an.


Spielzeit: 73:11, Medium: CD, InsideOut Music, 2005
1:Bringer Of Dreams 2:Warriors 3:Ghostdancers 4:Too Close To The Sun 5:Messiah 6:Northern Star 7:Mr. Wolfe 8:Invincible 9:The Last Angel
Olli "Wahn" Wirtz, 22.08.2005