The Pretty Things / S.F. Sorrow + Live At Abbey Road
S.F. Sorrow + Live at Abbey Road Spielzeit: 64:48 (CD), 125:00 (DVD)
Medium: CD & DVD
Label: Snapper Music, 2010 (1968)
Stil: Psychedelic / Rockoper


Review vom 30.05.2010


Michael Gindra
Zum Anfang erst einmal zwei Fakten: The Pretty Things sind nicht die 'Rolling Stones für Arme', wie sie in der Vergangenheit oft gerne von Musikkritikern bezeichnet worden sind. Und: Tommy von Who ist nicht die erste Rockoper, obwohl es immer wieder gerne so dargestellt wird. Nein, die allererste Rockoper stammt von The Pretty Things, nennt sich "S.F. Sorrow" und wurde in den psychedelischen Sixties, 1968, um genau zu sein, veröffentlicht.
Nach Bruch mit ihrem damaligen Plattenlabel Fontana Records entschloss sich die Band, etwas völlig Innovatives, etwas bisher nie Dagewesenes zu entwickeln. Die erste Single aus dieser Session in den Abbey Road Studios hieß "Defecting Grey", war mit 4:32 Minuten 1967 bereits deutlich über das damalige Singleformat hinausgeschossen und deutete bereits das an, was noch kommen sollte: Rückkopplungen, Verfremdungen, beatlesker Gesang, Schunkelrhythmus, Wah Wah-Gitarrensound, Chorgesänge, rückwärts laufende Soundeinspielungen, ständig wechselnde Melodie. Dieser Song ist bereits acid-geschwängerter Psychedelic pur und als Bonustrack gleich zweimal vorhanden, die Original Acetate-Aufnahme ist gar 5:10 Minuten lang. Die zukünftige Ausrichtung für die kommende Platte "S.F. Sorrow" ist damit festgelegt.
Die Story handelt vom Leben des Außenseiters Sebastian F. Sorrow, in dem laut Phil May, dem Sänger und Hauptsongschreiber der Band, auch viel Autobiographisches verarbeitet wurde. Musikalisch wird allerfeinster Psychedelic Rock geboten: singende Sitar, schräge Flöten, militärische Drums, Stimmeneinspielungen (heute würde man Samples dazu sagen ...), progressive Rhythmus- und Tempiwechsel und immer wieder ein Gesang, der an die späten Beatles oder an die frühen Pink Floyd erinnert.
Selbstverständlich sollte man dieses Meisterwerk in einem Stück genießen. Es erfordert dem unbedarften Musikfreund beim ersten Durchhören zwar schon einiges ab, aber man sollte sich die Mühe machen und sich auf diesen musikalischen Trip begeben. Es lohnt sich.
Wer sich also bei Bands wie The Who, Pink Floyd oder den Beatles nicht gleich angewidert abwendet und sich auch von dem Begriff Rockoper nicht abschrecken lässt, der sollte sich dieses im Übrigen sehr gut aufgemachte Re-Release zulegen und sich ganz entspannt neuen Sounds und schrägen Melodien hingeben.
Im Digipak enthalten ist ein 24-seitiges Booklet mit den Texten zu allen Songs, netten Bildern und eine Info zur Entstehung des Albums. Ein weiteres Highlight ist die 125-minütige DVD. Denn die Rockoper "S.F. Sorrow" galt live immer als unspielbar, es wurden nur vereinzelte Songs bei Pretty Things-Konzerten dargeboten. 1998 allerdings, zum 30. Jubiläum der Scheibe, trafen sich die Originalmitglieder der Band, sichtlich gealtert, aber mit jugendlichem Feuer in ihren Augen, um diese Rockoper erstmalig in den original Abbey Road Studios vor einem ausgewählten Kreis von 350 Zuschauern live aufzuführen. Und die Band hatte sichtbaren Spaß auf der Bühne.
Unterstützt wurden sie dabei von David Gilmour (Pink Floyd) an der Gitarre und Arthur Brown
(The Crazy World of Arthur Brown, 'The God of Hellfire'), der als Erzähler zwischen den einzelnen Songs agierte. Diese gesprochenen Texte sind übrigens ebenfalls im Booklet abgedruckt.
Und auch mit diesem Live-Event hatten die Pretty Things wieder einmal ein Debüt: Diese Aufführung war 1998 das allererste, im Internet live übertragene Konzert überhaupt. Allerdings war die Technik damals noch nicht auf dem Stand von heute (wer kannte schon 1998 DSL oder Breitband-Glasfaserkabel) und so brach der Server in den ersten drei Minuten des Events zusammen.
Deshalb gilt noch mehr: DVD einlegen und die Live-Performance sowie noch einige Interviews mit der Band anschauen. Ihr werdet es nicht bereuen. Vielleicht kommt dem genialen Konzeptalbum "S.F. Sorrow" ja mehr als vierzig Jahre nach Erscheinen die nötige Beachtung zuteil, die es schon immer verdient hatte.

Ach, und übrigens: 1969 sollte von The Who mit "Tommy" die erste Rockoper erscheinen. Das dies nicht stimmt, habt ihr ja nun gelernt. Denn The Who sollen sich tatsächlich von "S.F. Sorrow" inspiriert haben lassen
Line-up:
Phil May (vocals)
Wally Wallen (bass, vocals, wind instruments, piano)
Dick Taylor (lead guitar, vocals)
John Povey (organ, sitar, percussion, vocals)
Skip Alan (drums)
Twink (drums, vocals)
Tracklist
CD:
01:S.F. Sorrow Is Born
02:Braclets Of Fingers
03:She Says Good Morning
04:Private Sorrow
05:Balloon Burning
06:Death
07:Baron Saturday
08:The Journey
09:I See You
10:Well Of Destiny
11:Trust
12:Old Man Going
13:Loneliest Person
14:Defecting Grey
15:Mr. Evasion
16:Talkin' About The Good Times
17:Walking Through My Dreams
18:Private Sorrow (single version)
19:Balloon Burning (single version)
20:Defecting Grey (original acetate recording)
DVD:
01:S.F. Sorrow Is Born
02:Braclets Of Fingers
03:She Says Good Morning
04:Private Sorrow
05:Balloon Burning
06:Death
07:Baron Saturday
08:The Journey
09:I See You
10:Well Of Destiny
11:Trust
12:Old Man Going
13:Loneliest Person
14:Road Runner
15:Route 66
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