Uli Jon Roth / Scorpions Revisited
Scorpions Revisited Spielzeiten: 53:53 (CD 1), 52:40 (CD 2)
Medium: Do-CD
Label: UDR, 2015
Stil: Rock

Review vom 27.01.2015


Jochen v. Arnim
Gerade mal sechs Jahre war Uli Jon Roth Mitglied bei den Hannoveranern Scorpions, verglichen mit deren 'Gesamt-Laufzeit' von mittlerweile fünfzig Jahren nur ein kurzer Augenblick. Dennoch hat er in der Zeit von 1973 - 1978 maßgeblich daran teilgehabt, deren Wandel von einer sog. Krautrock-Band hin zum Hard Rock mit zu vollziehen. In jener Zeit, das Debüt "Lonesome Crow" war noch ohne Roth entstanden, brachte die Band vier richtungsweisende Alben heraus.
Im Jahre 1974 entstand "Fly To The Rainbow", 1975 folgte "In Trance" und 1976 das 'skandalöse' Album "Virgin Killer", dessen Cover ein nacktes junges Mädchen zierte und das prompt in den USA verboten wurde. Bereits ein weiteres Jahr danach kam "Taken By Force" auf den Markt, das letzte Album der Band, das Roth im Index stehen hat und das als das beste unter seiner Mitwirkung gilt. Alle Scheiben sind klare Million-Seller, die beiden Letztgenannten wurden schnell nach Erscheinen vergoldet.
Das alles ist lange schon Geschichte, der Stellungswert Roths für diese Alben und für die Scorpions in ihrer Entwicklung unbestritten. Aber besonders in der jüngeren Vergangenheit hat sich unser Protagonist wieder sehr gern dieser Zeiten erinnert und dann den Entschluss gefasst, seine Lieblingssongs neu zu interpretieren und dieses auch der Öffentlichkeit kundzutun.
Mit "Scorpions Revisited" halten die Fans in Kürze das Ergebnis seiner sentimentalen Reise in den Händen: ein fettes Doppelalbum mit zwanzig starken Nummern. Eingespielt wurde das Ganze mit den Kollegen Nathan James am Mikro, Niklas Turmann an der Gitarre und Corvin Bahn an den Keyboards. Beide sind nicht nur für zusätzlichen Gesang verantwortlich, die Musikwelt kennt sie u. a. wegen ihrer Beteiligung an Peter Panka's Jane und Crystal Breed. Weiterhin kommen David Klosinski (Gitarre), Roths alter Gefährte Ule W. Ritgen (u. a. Fair Warning, Zeno) am Bass sowie Jamie Little an den Drums hinzu. Letzterer ist nicht nur ein verdienter Produzent, er hat auch schon bei unzähligen anderen Aufnahmen (u. a. Oli Brown, Dani Wilde oder der Bruder Will Wilde etc.) als Schlagzeuger mitgewirkt.
Roth wäre nicht der Kreativkopf, als der er weltweit anerkannt ist, wenn er jetzt einfach einen Haufen Scorpions-Songs neu und unverändert eingespielt hätte. Jeder einzelne - soweit mir die Referenzen vorliegen - ist komplett neu interpretiert worden. Klar, man kennt die Dinger, aber man erkennt auch sofort, dass frisches Herzblut eine große Rolle spielt. Neben der meisterhaften Art Roths, seine Gitarren unverwechselbar zu bedienen, merkt man den Instrumentierungen und Arrangements an, dass hier fleißig und sehr engagiert gebastelt wurde. Und wer, wenn nicht Roth, hätte das Recht, den Auszügen aus seiner Zeit bei den Scorpions neues Leben einzuhauchen?!
Man braucht nur den bombastischen Opener, "The Sails Of Charon", anzuhören und schon wird man unvermittelt auf eine Reise entführt, die es wahrlich in sich hat. Natürlich sind es Scorpions-Songs, die hier neu intoniert wurden, und so manch eine richtig bekannte Nummer ist darunter - dem wahren Fan ist da eh nichts neu. Aber wer meint, dass Roth ausschließlich Stücke verwendet, an denen er seinerzeit auch maßgeblich als Songschreiber mitgewirkt hat, der irrt gewaltig. Er ist sich nicht zu schade, auch den ehemaligen Kollegen zu huldigen und hat Tracks wie das hammerhafte "In Trance" aus der Feder von Schenker/Meine beackert. Speziell hierbei macht Sänger Nathan James eine richtig tolle Figur und schwingt sich im Finale in höchste Höhen.
Roth hat sich eine feine Mischung tempomäßig variationsreicher Tracks zusammengestellt und lässt dabei - natürlich - viel Platz für teilweise richtig elegische Ausflüge auf seiner Gitarre; hört Euch dazu nur mal "Polar Nights" oder "Dark Lady" an. Manch ein Stück mutet (subjektiv empfunden) weniger an wie ein Song der Hannoveraner, denn wie eine bislang unentdeckte Kreation von Jimi Hendrix, so das bluesgetränkte "Sun In My Hand".
Mit der Gitarrenimprovisation "Rainbow Prelude" wird - oh Wunder - ein grandioses "Fly To The Rainbow" eingeläutet, das uns mit einer phantastischen Länge von zwölf Minuten aus dieser Veröffentlichung entlässt (nun ja, einen Bonus-Track gibt es ganz am Ende der Vollversion auch noch). Ach, was soll ich sagenů Da hat der Gitarrenheld Roth einen richtig hörens- und empfehlenswerten Doppeldecker erschaffen, der übrigens in demselben Theater ausgenommen wurde, das die Scorpions zu seiner Zeit als Proberaum genutzt hatten.
Vor exakt einem Jahr hatte ich das außerordentliche Vergnügen, einige dieser Tracks live von Roth und u. a. Corvin Bahn und Niklas Turmann performt zu sehen und hoffe sehr, die Scorpions Revisited-Tour noch einmal irgendwo in der Nähe erwischen zu können. In der Zwischenzeit jedoch kann ich nur empfehlen, dieses Päckchen zu kaufen - sollte man haben!
Line-up:
Nathan James (vocals)
Uli Jon Roth (guitar)
Niklas Turmann (guitar, vocals)
David Klosinski (guitar)
Ule W. Ritgen (bass)
Corvin Bahn (keyboards, vocals)
Jamie Little (drums)
Tracklist
CD 1:
01:The Sails Of Charon
02:Longing For Fire
03:Crying Days
04:Virgin Killer
05:In Trance
06:Sun In My Hand
07:Yellow Raven
08:Polar Nights
09:Dark Lady
CD 2:
01:Catch Your Train
02:Evening Wind
03:All Night Long
04:We'll Burn In The Sky
05:Pictured Life
06:Hell Cat
07:Life's Like A River
08:Drifting Sun
09:Rainbow Dream Prelude
10:Fly To The Rainbow
11:I've Got To Be Free (bonus)
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