Savoy Truffle / Roadhouse Boogie
Roadhouse Boogie
Stimmt, ich sehe es ein. Die Review einer Südstaatenrock-Band aus Japan mit Anspielungen auf ihre "exotische" Herkunft zu beginnen ist banal, vorurteilsbehaftet, unprofessionell und albern. Also los:
1. Tokio in Alabama? Okinawa in Georgia? Kyoto in Tennessee? Alles falsch:
Japan ist Japan ist Japan. Wir haben es hier doch tatsächlich mit einer Southern-Rock Band aus dem Land der aufgehenden Sonne zu tun...
2. Japan hat mehr zu bieten als die Hard-Rock Truppe Loudness, als den Taifun-Driver Takuma Sato und Tako Katuka (einige von euch werden jetzt wissend grinsen). The Savoy Truffle ist die Vorzeige-Southern-Rock Band aus Nippon und begeistert auch mit ihrem 2004' er Output.
Aber im Ernst: Die aktuelle CD der Savoy Truffle trägt den Namen "Roadhouse Boogie" und ist ein echter, rauchiger Schluck Tennessee Whiskey unter den Südstaaten-Rock Veröffentlichung dieses Jahres. Sie bietet alles, was der zünftige Redneck so begehrt: Slide-Gitarren, Harmonica, ordentliche Solistenarbeit, staubige Kompositionen und einen gut aufgelegten Sänger. Der heißt hier allerdings nicht, wie sonst so üblich, "John Reddings" oder "James Barkley" sondern eben Monji Kadowaki. Aprops Monji , er erinnert mich von seiner Art zu singen an einen gewissen Doug Pinnik, seines Zeichens einer der Shouter und Viersaitenholzbediener der Multitalenttruppe Kings X. Die Ähnlichkeit in der Performance nimmt proportional zur Luftmenge zu, die durch den jeweiligen Kehlkopf gepresst wird; soll heißen, je lauter die werden, desto mehr ähneln sie sich. Insgesamt gesehen spielen sich die fünf Japaner langsam aber sicher in Richtung des oberen Tabellendrittels der "Southern Conference". Was macht weiter den Stil von The Savoy Truffel aus? Ganz sicher die Percussion, die jedem Lied einen eigenen Stempel aufdrückt. Aber auch die kleinen Ausflüge ins Jam-Gewerbe. Ein gutes Beispiel dafür ist Song Nr. 4 "Chevrolet".
Die Check Out-Liste:
Gleich der Opener "Out In The Rain" ist ein gutes Stück rauer Südstaatenrock. Ein prima Slide-Riff bildet für den Song einen superben Rahmen. Im Mittempo gehalten wird er wohl bald bei diversen Szenefeten zum Standardprogramm gehören.
Song Nr. 3 besticht mit seinen über 8 Minuten Spielzeit. Es ist ein langsames Stück, aber ich schwöre bei allem, was euch heilig ist: Es kommt mit auf meinen nächsten privaten:"Die besten Southern-Schnulzen"-Sampler. In Gegensatz zu so vielen balladesken "Ergüssen" so mancher Bands klingt "Until You Can Feel It" kein bisschen abgelutscht. Zur Mitte des Songs folgt das zwar obligatorische, aber nichts desto trotz schöne Gitarrensolo. Schon allein der intensive Sound der Axt ist es Wert das Solo zu genießen. Ganz bestimmt ist dieser Song nicht komponiert worden, weil unbedingt noch eine Ballade aufs Album musste.
"Don't Beat Around The Bush" könnte ebenso gut aus der Feder von Gregg Allman stammen. Die Arrangements erinnern stark an dessen Songs, aber sie sind nicht abgekupfert. The Savoy Truffel machen eben ihr eigenes Ding. Locker und flockig kommt das Stück daher, die Percussion sind das "i" und das Gitarrensolo das Tüpfelchen darauf.
Sumitomo-San braucht sich nicht hinter den ganz großen des Genres zu verstecken. Das zeigt er bei dem fünften Lied der CD ganz deutlich.
Ein klassischer Southern Boogie ist "Bring You Down", leider aber mit 3:30 Minuten Spielzeit auch klassisch zu kurz. Trotzdem kommt alles zusammen, was die Band ausmacht: gutes Songwriting, gute Interpretation und gutes Feeling.
Die Produktion ist druckvoll. Wie ich bereits oben erwähnt habe, ist für mich der Sound der Leadguitar ziemlich prickelnd. The Savoy Truffel und die Executiv Producers Kiyoto Tsuda und Takahiko Kagami haben einen exzellenten Job gemacht. Gerade bei Südstaatenrock kommt es ja doch auf den authentischen Klang an. Wie viel Mist ist gerade auf dem Soundgebiet in der Vergangenheit schon gebaut worden! Aber bei dieser Produktion stimmt alles. Besser geht es kaum.
Das Booklet bietet natürlich ein wenig Origami .Das Ding wieder zusammen zu klappen ist aber selbst für feinmotorisch Unterpriviligierte wie mich kein Problem.
Die Songtexte sind lesbar abgedruckt und auf der Rückseite sind die Songs mit Nummer angegeben. Das sollte endlich selbstverständlich werden. Goldig finde ich, dass die Band sich bei ihrem "Translation Support" bedankt.
Um noch mal auf die Herkunft der fünf Südstaatenrocker zurück zu kommen: Ist es wirklich erstaunlicher oder erwähnenswerter, dass The Savoy Truffle Japaner sind, als eine Southern-Rock Band, die in Hamburg ihren Sitz hat
eine Country Band aus Bremen
einer Polka Band aus Finnland
oder einem dunkelhäutigen Jodler aus den USA?
Eben, deswegen ein kräftiges "IJEI" gebrüllt und ab in den Warenkorb mit "Roadhouse Boogie" und/oder den anderen Outtakes von The Savoy Truffle..
Spielzeit: 53:46, Medium: CD, Halycon Music
1:Out In The Rain 2:Lowdown Blues 3:Until You Can Feel It 4:Chevrolet 5:Don't Beat Around The Bush 6:Too Real To Feel 7:I'll Never Know 8:Bring You Down 9:Give It One Good Try
Olli "Wahn" Wirtz, 07.11.2004