Shamall / Turn Off
Turn Off Spielzeit: 79:35 (CD 1), 69:35 (CD 2)
Medium: Doppel-CD
Label: Laut & Leise Productions, 2013
Stil: Prog Rock

Review vom 24.01.2014


Steve Braun
Das Bild ist verstörend und steht damit im krassen Gegensatz zur betörenden Schönheit der Musik. Die Welt wird abgeschaltet (engl. turn off) nachdem sie von einer unbelehrbaren Menschheit ausgebeutet, zerstört und weggeworfen wurde. »Ignorance kills« steht in warnenden Lettern über der Szenerie - traurig, aber wahr.
Die bizarr-beklemmenden Zukunftsvisionen des Herrn Waters scheinen bittere, geradezu ätzende Realität geworden zu sein. Träume verrotten in einem lebensfeindlichen Chaos. Es ist bereits zu spät zum Beten, denn die Hoffnungen verfaulen ebenfalls schon lange. In diese unwirkliche Szenerie bläst der 'Shamal' - ein sehr heißer Wüstensturm des Orients - brennende Erinnerungen an längst vergangene, für immer verlorene paradiesische Schönheiten.
Sehr ambivalent, sehr verstörend sind die ersten Eindrücke von Shamalls aufwändig gestaltetem Doppelalbum "Turn Off" und es scheint so, als ob die Protagonisten genau dies beabsichtigt hätten.
Shamall ist eindeutig das 'Baby' von Norbert Krüler, der in den achtziger Jahren als experimenteller DJ seine Eigenkompositionen mit avantgardistischen Licht- und Lasershows illuminierte. Das damals noch namenlose Projekt sorgte in der Bremer Clubszene für gewaltiges Aufsehen und es dauerte folglich nicht lange, bis die Musikindustrie auf dieses Phänomen aufmerksam wurde... Dass nun - ziemlich genau dreißig Jahre später - mit "Turn Off" das zwölfte Studioalbum (neben ebenso vielen anderen Veröffentlichungen) ins Rampenlicht tritt, daran hätte Krüler in seinen Anfängen sicherlich nicht einmal im Traum gedacht.
Der 57-jährige Multiinstrumentalist und Soundtüftler ist in deutlich wahrnehmbarer Weise musikalisch von den Progressive-Bands der Siebziger, politisch (wohl) von der Umweltbewegung der Achtziger beeinflusst worden. »Shamall ist eben ein Kind der Flower-Power-Hippie-Ära.« Pink Floyd, das Alan Parsons Project, die Manfred Mann's Earth Band und natürlich Camel begegnen dem aufmerksamen Hörer an allen Ecken und Enden. Besonders tiefe Spuren scheint der begnadete 'Tastengott' Rick Wright bei Krüler hinterlassen zu haben. Immer wieder tauchen hier die korrespondierenden Reminiszenzen auf...
Besonderes Augenmerk muss man auf das clevere Programming lenken. Täuschend echte Saxofon-Klänge sprechen für ein entsprechendes 'Händchen'. Auch das elektronische Drumming kann man als gelungen bezeichnen, obwohl ich bekanntlich kein großer Freund von synthetischem Schlagwerk bin. Nein, die Drum-Sounds strahlen zumeist eine gewisse Wärme aus, die auch für einen 'Stoffel' wie mich annehmbar ist. Gelegentlich meint man beinahe, 'echte Felle' präsentiert zu bekommen.
Bereits seit Jahren arbeitet Krüler mit dem Gitarristen Matthias Mehrtens zusammen, der glücklicherweise keineswegs den eigentlich zu Waters/Wright gehörigen David Gilmour macht, sondern wirklich sehr eigenständig agiert! Erst seit kurzem bildet dagegen die Sängerin Anke Ullrich ein Drittel von Shamall und ist - das muss man nachdrücklich betonen - mit ihrer angenehmen, klaren Stimme eine echte Bereicherung.
Weit über zwei Stunden anspruchsvollster Musik warten bei "Turn Off" auf offene Ohren. Shamall entwerfen weite, melodische Klanglandschaften in denen sich Stimmungen und Atmosphären frei und völlig 'entschleunigt' entfalten dürfen. Man spürt förmlich die liebevollen Tüfteleien, mit denen die Soli ausgearbeitet und die Tonspuren kunstvoll geschichtet wurden.
Basal kann man generell 'Rock' verorten, der mit verschiedensten stilistischen - mal 'klassisch' progressiven, mal 'neoproggigen' - Kunstfertigkeiten angereichert wurde. Elektronisch-spacige, an Tangerine Dream erinnernde Elemente lassen sich ebenso wie avantgardistisches 'Kraut' der Marke Can ausmachen. "Turn Off" kann uneingeschränkter Abwechslungsreichtum bescheinigt werden.
Um allerdings einen kleinen Spritzer Wasser in den Wein zu gießen (was, wenn man das Bild mal wörtlich nimmt, so mancher auch als angenehm-anregend empfinden mag), muss schon angemerkt werden, dass "Turn Off" gelegentliche 'Längen' zeitigt. Die Konzentration will abschweifen, man muss sich wieder neu fokussieren. Ich hätte mir gerne öfter, wie bspw. in "Shout It Out", 'griffigere' Strukturen gewünscht. Echte Songs halt eben, die sich ohrwurmartig einfräsen - Melodien, die man nie wieder vergisst. Aber es ist schließlich das Wesen von Kunst, zwingend zu fordern - in diesem Fall den Hörer! Genau das bewirkt Shamall: den Blick auf das große Ganze zu richten, auf die Kunst statt den Kommerz. Krüler spricht damit - für meinen Geschmack - Bauch, Herz und Hirn gleichermaßen an und setzt nicht auf kurzfristige, wenig nachhaltige Showeffekte oder gar die Hitparadentauglichkeit eines Stückes. Genau das macht "Turn Off" zu einem in sich geschlossenen kleinen Kosmos.
Vier Jahre nach "Is This Human Behaviour" haben Norbert Krüler und sein Shamall-Projekt mit dem zwölften Studioalbum "Turn Off" ein kluges Konzept akustisch und optisch gelungen umgesetzt. Handwerkliches Können und eimerweise 'Herzblut' kann man ebenfalls bescheinigen. Manche Parts hätte man vielleicht etwas stärker verdichten können, das ist allerdings eine sehr subjektive Betrachtung. Insgesamt gefällt (mir) die Doppelscheibe wirklich gut.
Line-up:
Norbert Krüler (vocals, guitars, piano, organ, keyboards, bass, programming)
Matthias Mehrtens (lead guitars)
Anke Ullrich (lead and background vocals)
Tracklist
CD 1:
01:Shine A Light (5:02)
02:It's Been A Long Time (2:51)
03:Shout It Out (5:44)
04:The Devil Never Sleeps (3:30)
05:Never Before (16:56)
06:Playing For The Ashes (8:44)
07:Voices [Pt. I] (9:50)
08:Voices [Pt. II] (9:05)
09:Too Many People [Pt. I] (4:05)
10:Too Many People [Pt. II] (6:42)
11:So Much Is On The Line (7:06)
CD 2:
01:Diversion (2:17)
02:The Creeping Dead (9:25)
03:Reflective (4:31)
04:Clouds Obscure The Sun (4:42)
05:Horrible Nightmare (8:02)
06:At The End Of Time (8:00)
07:The Hidden Enemy (8:11)
08:Companion Of Fortune (8:44)
09:Wounded World (2:34)
10:Turn Off [Pt. I] (7:42)
11:Turn Off [Pt. II] (4:49)
12:In These Days (2:38)
Externe Links: