Pete Townshend / Psychoderelict Live In New York
Psychoderelict Live In New York
Für das Establishment seiner Zeit war er der Ursprung allen Übels und für deren Kinder hingegen ein Sprachrohr ihrer Epoche.
Was Mitte der Sechziger mit "My Generation" und dem daraus so oft zitierten "I Hope I Die Before I Get Old" seinen Anfang nahm und mit wilden exzessiven Zerstörungsgebaren auf der Bühne entsprechenden Ausdruck fand, sollte später zusammen mit ihren Rock-Oratorien endgültig in die Musikgeschichte eingehen.
Die seiner Zeit in einer Londoner Garage geborene Rock 'n' Roll Combo The Who vollführten ihren harten, vulgären, schonungslosen Musizierstil der englischen Arbeiterjugend und brachten eben diesen mit Humor artifiziell zur Vollendung.
Bis Ende der Sechziger waren die vier jungen Wilden mit dem Arbeiterklasse-Styling wütende, destruktive Teenager mit großen Nasen, unangepassten Frisuren und Mod-Klamotten.
Mit dem Song-Zyklus "Tommy" brachten sie als erste Band Rockmusik in die Opernhäuser mehrerer Kontinente.
Initiator und Erfindergeist solcher kühnen Projekte war bzw. ist kein Geringerer als Komponist und Librettist Pete Townshend höchstpersönlich.
Der Who-Gitarrist war geradezu vernarrt in die Idee, dass populäre Musik Ansprüche auf Ernsthaftigkeit und das Ansehen von klassischer Musik haben könnte.
Der irgendwie nicht alternde Rock-Matador, der übrigens gerade am 19. Mai seinen 61ten Geburtstag feiern durfte, zeigte als ehemaliger Absolvent der 'Ealing Art School' schon immer ein Gespür für optische und theatralische Wirkungen.
Townshend schrieb bis gegen Ende des Jahrtausends brillante dreckige Popsongs, über sexuelle Frustration und die Hoffnung vor dem Altwerden zu sterben.
Trotz ausgefallenem Haar, schwindendem Gehör und dem nicht verklingendem Gespött der Punks, seiner Festnahme 2003 in England, weil er angeblich eine Website für Kinderpornografie besucht hatte, zollen heute moderne, sich im Zeitgeist etablierte Rockbands diesem Mod-Urgestein ihren Tribut.
Pete und seine Mannen vertraten bisher die authentischste Bühnen-Show der Welt, die geradezu mit schamanischem Ritual den Rock 'n' Roll gnadenlos zelebrierten.
Auch wenn eben dieses zeitweise in bergeweise Lautsprechertürme und Verstärker zu versinken drohte, in dessen Professionalität und Kaltschnäuzigkeit musikalisch bis zur Unendlichkeit abschleifte, pflegten Townshend &Co. immer den innigen Kontakt zum Publikum.
Selbst wenn diese auf einstudierte Zeremonienmuster und einer audiovisuellen Choreographie beschränkt ist, hat es von derer Faszination bis heute nichts verloren. Pete übernahm dabei immer die Rolle des Vollstreckers bei deren nicht selten Orphische Instrumente zu Bruch gingen. Er stellte sich den körperlichen Höchstleistungen mit seinen Grätschen und Sprüngen, dass in Angesicht seines mittlerweile biblischen Alters sicherlich nicht mehr so leicht nachvollziehbar sein dürfte.
Das er nach wie vor der kalten Perfektion und seinem standesgemäß reagierendem Publikum frönt, beweist das neue Ton und Bilddokument eines Konzertes aus der New Yorker 'Brooklyn Academy' vom 07.08.1993, deren Kernstück die Bühnenumsetzung seines damaligen gerade veröffentlichten musikalischen Dramas "Psychoderelict" beinhaltet.
Natürlich wird das exquisite Teil mit einer fast schon akademischen Hingabe von Who-Klassikern sowie auch selten gespielten Solosongs garniert.
Das enfant terrible "Psychoderelict" ist eine sarkastisch, autobiographische Farce über den gealterten, abgehalfterten Rockstar Ray Highsmith, also quasi aus damaliger Sicht, eine Zukunftsfiktion über Townshends Persönlichkeit.
"Es reifte über einen längeren Zeitraum kursierenden Plan aus spirituellen Ideen" so Townshend "Psychoderelict ist die Geschichte dessen, was ich durchmachte, als ich daran arbeitete, aber auch über die Folgen. Aber wie Lifehouse blickt es auch in die Zukunft."
Pete fand in seinen kongenialen Bühnenpartnern die ideale Besetzung, seine Story über Identitätskrise und würdevolles Altern musikalisch in Szene zu setzen.
Das neunköpfige hochkarätige Ensemble mit Simon Philips, Andy Fairweater Low, Pino Palladino um nur Einige zu nennen, versteht es gar durchweg, die Kompositionen kraftvoll bzw. mit Feeling rüberzubringen, selbst dann wenn Townshend himself mit seiner unausgegorenen Gesangstimme einige Liederpassagen zersägt.
Die besten Sänger, wie wir wissen, sind oft nicht die versiertesten Sänger im technischen Sinn. Es sind Leute, deren Stimme etwas Interessantes transportiert und Aufmerksamkeit erzeugt.
Das bewundernswerte und überzeugende an dieser Bühnenaufführung ist, dass Townshend und seine Mannschaft sich nicht für eines der gängigen Interpretationsmodelle entschieden haben, sondern mit Kühnheit an eine formale Kammerspielinszenierung herangewagt haben, die im Ausdruck zwar etwas hölzern wirkt, aber auch zu einer erfahrbaren Zeitreise für den Betrachter mutiert.
Die Grundstory um eine kühle Journalistin, die den abgewrackten Rockstar für Ihre Zwecke missbraucht, ist meines Erachtens letztendlich doch zu durchsichtig.
In der recht spartanisch strukturierten Instrumentierung hat jeder darstellerische Auftritt seinen angemessenen Platz, finden aber im Dialog mit den übrigen Geschehen nicht wirklich zueinander, was dem Faszinosum des Rockdramas bei seiner Eigendynamik nicht unbedingt stört.
Ansonsten gewinnt dieses sehr unterschätzte Teil Musikgeschichte durch die fantastische Band noch mehr an Farbe.
Die Theorien von Songsstruktur und Akkordfolgerichtigkeit ist die Suppe, der Schuss Magie, Charme und Persönlichkeit das Salz.
In Townshends Habitus spiegelt sich nicht nur der Ausdruck von Exzentrik sondern eben auch eine bedingungslose Musikalität.
Seine aus simplen Phrasen bestehenden und dennoch klischeearmen Gitarrenchorusse, die als Quintessenz der Rockmusik gelten, setzt er mit ununterbrochener Energie und Gymnastik clever in Szene, wie mit diesem Mitschnitt wieder bewiesen wird. Er versieht mit Vorliebe alles mit einem Konzept, bleibt aber stets im inneren Kern seiner Musik, ohne dabei zum Zirkusaffen einer vermarkteten Virtuosität zu verkommen. Pete ist sicherlich aus seinem, aus der britischen Fahne geschneiderten Jackett herausgewachsen, hat aber bis heute nichts von seinem musikalischen Biss und humorigen Kalkül eingebüßt.
Die150 Minuten Konzert sind ein Fest und vergehen, ohne in Grössenwahnglorie zu ersticken, wie im Flug. Die DVD ist ohne Frage gut gemacht, doch man verspürt per se die Enge des Formats, vermisst die ansteckende Freude, den Schweiß und das Summen der Amps.
Oft habe ich bei solchen Konzert-Dokumenten den Eindruck, dass diese bereits Gesagtes erzählen und das Live-Erlebnis niemals ersetzen können.
Trotz besagter Einschränkungen bekommt der Konsument einen unterhaltsamen Befreiungsschlag von Adrenalin auf die Ohren, mal trocken bzw. angenehm reduziert, mal ungestüm und überdreht.
Der 5.1 Surround Mix kommt transparent aus den Boxen, auch wenn man den letzten Druck schmerzlich vermisst. Trotzdem rocken die "Psychoderelict"-Songs live sogar etwas mehr als auf dem gleichnamigen Studioalbum. Wer aber ein neues Machwerk à la "Tommy" erwartet, wird mit Sicherheit enttäuscht sein.
Die unaufgeregte Kameraführung brilliert auf hohem Niveau und gerät zu keinem Zeitpunkt aus dem Gleichgewicht.
Die 23-minütigen Interviews mit dem Meister höchstpersönlich vom September vergangenen Jahres runden das Erlebnis noch mal gehaltvoll ab.
Fazit: Der Geldbeutel leerende Leidensweg des musikinfiziösen Rock 'n' Roll-Liebhabers hält unvermindert an, und wird wohl auch dieses grandiose Zeitdokument in die wohlbehüteten Schatzkammern so mancher Tonträgerjunkies verschwinden lassen.
Vielleicht kann der Käufer die letzte Botschaft aus "Psychoderelict" für sich selbst entschlüsseln.
"Was ist mit der Wahrheit passiert? Was ist mit dem Traum geschehen? Was wurde aus dem ganzen schönen Hippie-Shit?"
Technik:
DSS 5.1;Dolby Digital 2.0;DTS Digital Sound
Bild 4:3;Sprache E;Sub. E,F,D,Sp,P


Spielzeit: 168 Min, Medium: DVD, Universal Music, 2006, Mod Rock
1:Pinball Wizard 2:See Me Feel Me/Listening To You 3:Let my Love Open The Door 4:Rough Boys 5:Behind Blue Eyes 6:The Kids Are Alright 7:Keep Me Turning 8:Eminence Front (Psychoderelict Show Begins) 9:Introduction To Psychoderelict 10:English Boy 11:Meher Baba M3 12:Let's Get Pretentious 13:Meher Baba M4 14:Early Morning Dreams 15:I Want That Thing 16:Introduction: Outlive The Dinosaur 17:Gridlife 1 18.Flame 19:Now And Then 20:I Am Afraid 21:Gridlife 2 22:Don't Try To Make Me Real 23:Introduction: Predictable 24.Predictable 25:Flame 26:Meher Baba M5 (Vivaldi) 27:Fake It 28:Introduction: Now And Then (Reprise) 29:Now And Then (Reprise) 30:Baba O'Riley (Demo) 31:English Boy (Reprise)(Psychoderelict Show Ends) 32:A Little Is Enough 33:You Better You Bet 34:Face The Face 35:Won't Get Fooled Again/Lets See Action 36:Magic Bus
Ingolf Schmock, 16.06.2006