Tyketto / Dig In Deep
Dig In Deep Spielzeit: 45:00
Medium: CD
Label: Frontiers Records, 2012
Stil: Melodic Rock


Review vom 04.05.2012


Boris Theobald
»Rising, falling / My last breath is calling me
Back from the edge / I am faithless
Falling, rising / Now realizing
I'll not pass this way again«
("Faithless")
Ihre Musik ist ohnehin unsterblich, seit der phänomenalen Scheibe "Don't Come Easy" von 1991. Und die Band, die ist offenbar auch nicht tot zu kriegen. Nach einer Reunion im Jahr 2004 hieß es dann drei Jahre später: 'Okay, das wars - nie mehr Tyketto!'
Mit der Veröffentlichung The Last Sunset: Farewell 2007 machten sie sogar noch einen Deckel drauf, um 2008 dann doch wieder live aufzutreten. Und 2009. Und immer wieder. Und 2012 nun das erste Studioalbum seit "Shine" vor 17 Jahren und seit dem letzten mit Danny Vaughn, "Strength In Numbers", seit 18. Aber erst das zweite überhaupt seit dem großartigen "Don't Come Easy" in Originalbesetzung.
Und es ist beinahe, als ob es all die Jahre zwischen damals und jetzt nicht gegeben hätte. "Dig In Deep" bringt alles, was Tyketto so besonders machte und macht, eine dreiviertel Stunde lang auf den Punkt. Das ist Heavy Rock der guten 'alten' Schule. Und zwar ohne (!) Kitsch. Hart und dynamisch rockend und zugleich mit herrlich einfühlsamer Feinjustierung. Denn die Tyketto-Drives funktionieren mit markant ackernden Heavy-Riffs oder atmosphärischen Power Chords von Brooke St. James auf der einen Seite und der Akustischen in der Hand von Sänger Danny Vaughn auf der anderen - fast immer gemeinsam!
Offenbar ganz intuitiv schrauben sie ständig am Verhältnis zwischen elektrisch und akustisch hin und her, von Strophen über Bridges zu Refrains. Bei "Faithless" wird im Chorus mit viel Power gepusht; bei "Love To Love" ist es eher umgekehrt. Da geht es mit einem packenden Hard Rock-Drive los und im Refrain wird es ganz atmosphärisch. Bei "Evaporate" hilft da noch ein Hauch von Orgel - wie auch bei einigen anderen Stücken die Keyboards von Bobby Lynch ganz, ganz unauffällig für den letzten Feinschliff im Sound sorgen. Lynch ist eine Art fünftes Bandmitglied; der Mann ist schon länger dabei.
Aber was wären Tyketto ohne die Stimme Danny Vaughns... Dass er weder Charisma noch Stimmkraft eingebüßt hat, wissen wir durch seine Soloalben. Hinzu kommt das Songwriting: Diese Melodien sind außergewöhnlich schön; manch andere Band würde ihre Seele dafür verkaufen, nur einen Chorus von dieser Qualität zu kreieren. "Here's Hoping It Hurts" und "Let This One Slide" sind Songwriting-Wunder vor dem Herrn. Dazu kommt diese unwiderstehliche Kraft in Vaughns Stimme, übrigens keinen Deut 'gesetzter' als früher. Hammer, mit welchen Tonhöhen er in "Let This One Slide" einsteigt!
Die Songs pulsieren und atmen und vermitteln enorm viel positive Energie, teilweise fast Enthusiasmus. Die Texte drehen sich um Sehnsüchte, Lebensentscheidungen, den Ballast der Vergangenheit und dem Blick in Richtung Zukunft. Zusammen mit diesen Melodien wirken die Songs wie reinigende Seelenstreichler. Wenn es dir schlecht geht, höre dir "The Fight Left In Me" an. Das spendet Kraft, das packt einen im Gefühlszentrum, das ist Therapie in Takten.
»But if I'm gonna fall / I'll fall on higher ground
And if I'm gonna lose / I'll go down swinging
In the closing moments / The defining round
You are all gonna see / The fight left in me«
Dabei ist dieses Album nicht nur heilsam für den Zuhörer, sondern auch ein Stück weit Balsam für die Band selbst. Siehe das Beispiel ihres Frontmanns Danny Vaughn, der einst alles dem Wunsch unterordnete, ein Rockstar zu werden. Er wurde brutal desillusioniert und sagte dem Musikgeschäft erschrocken und angewidert Lebewohl. Die Liebe zur Musik und die Treue der Fans ließen den Musiker - nicht den Rockstar - zurückkehren. Erst solo, dann mit Tyketto. Mit offenen Rechnungen...
»Music touches hearts / Music changes lives
Music gives us strength / The power to survive
Money gets involved / Where it does not belong
Money makes it all go wrong«
("Sound Off")
... und mit neuen Zielen, neuer Zuversicht.
»Dig in deep you can get up that mountain
Digging out to leave the past behind
Breaking ground you got to dig your heels in
Dig in deep you don't know what you'll find«
("Dig In Deep")
"Dig In Deep" ist die Selbsttherapie einer Band zum Zuhören und Kraft schöpfen. Ein Album mit Tiefgang und viel, viel Temperament. Eines mit Melodien zum Schwachwerden, das gleichzeitig gehörig rockt: beim dramatischen Intro-Riff von "Faithless" gleich zu Beginn. Oder im heavy Call-And-Response-Refrain von "Sound Off". Oder mit dem einminütigen, rock'n'rollig-wilden Outro-Solo bei "Love To Love". Oder im gesamten Titelsong "Dig In Deep". Das ist lupenreiner Hard Rock... 'aufgefangen' von einem zauberhaften Akustikabschied namens "This Is How We Say Goodbye". Ein fantastisches Album; und es wächst - womöglich sogar einen Hauch über das bärenstarke Danny Vaughn-Soloalbum "Traveller" von 2007 hinaus...
Line-up:
Danny Vaughn (lead and backing vocals, acoustic guitars, acoustic bass)
Brooke St. James (guitar, keyboards, backing vocals)
Michael Arbeeny (drums, backing vocals)
Jimi Kennedy (bass)

Guest musicians:
Bobby Lynch (keyboards, backing vocals)
Norman DelTufo (percussion)
Jonathan Gilcrest (cello, violin)
Holly Nelson (solo violin)
Tracklist
01:Faithless (4:45)
02:Love To Love (4:24)
03:Here's Hoping It Hurts (3:43)
04:Battle Lines (3:30)
05:The Fight Left In Me (4:56)
06:Evaporate (3:42)
07:Monday (3:52)
08:Dig In Deep (4:00)
09:Sound Off (3:06)
10:Let This One Slide (4:29)
11:This Is How We Say Goodbye (4:30)
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