Neil McCormick / Killing Bono
Mein Leben im Schatten des Superstars
Killing Bono Neil McCormick: Killing Bono - Mein Leben im Schatten des Superstars
400 Seiten, broschiert
Medium: Buch
Verlag Neues Leben, 2012
ISBN 978-3-355-01797-8
16,95 EUR (D)

Review vom 06.07.2012


Sabine Feickert
Auch wenn der Titel verdammt blutrünstig klingt, gebe ich gleich mal Entwarnung für alle U2-Fans hier werden keine Messer gewetzt oder blaue Bohnen verfüttert.
Und wer hofft, hier würden Berge schmutziger Wäsche gewaschen, wird mit dem knapp 400-seitigen Werk des irischen Musikjournalisten Neil McCormick in die Irre geführt. Denn Bono spielt hier eigentlich nur eine Nebenrolle. Bono, der ewige Erste muss ein paar Schritte zurücktreten und endlich-ENDLICH!!! mal Neil, dem ewigen Zweiten den Vortritt lassen.
Der Rockkritiker des Telegraph erzählt seine Geschichte, die untrennbar mit der des irischen Superstars verbunden ist.
Die Anfänge reichen bis weit in die gemeinsame Schulzeit der Beiden zurück. Hier tauchen wir ein in miefige Schulflure, stickige Klassensäle und Pausenhöfe der Mount Temple die erste nicht konfessionsgebundene, staatlich subventionierte Schule in Dublin - wo Paul Hewson, der später Bono werden sollte und Neil die ersten unterschiedlichen und doch miteinander in Verbindung stehenden Schülerbands gründeten. Mit den gebrauchten Instrumenten die zwischen den Jungmusikern die Besitzer wechselten, wurde auch das gesamte zugehörige Know-How in Form dreier Akkorde mitveräußert. Doch ganz egal, was Neil auch unternimmt, Paul war schon vor ihm da. Er erobert die hübschesten Mädchen, kommt an die ersten Gigs ran und wandelt auf der Gewinnerspur.
Neil flüchtet sich in Träume und große Ambitionen. Witzig und selbstironisch erzählt er von den immer neuen, zukunftsträchtigen Musikrichtungen, die er, gemeinsam mit seinem Bruder Ivan erfinden würde. Mit ihrer Band Yeah!Yeah! würden sie »New-Wave-Pop erschaffen, der auf dem Beatles-Modell basierte: melodiöse, intelligente Lieder zum Mitsingen, vorgetragen mit Witz, Schwung, Leidenschaft und Erfindungsreichtum. Dann würden wir so lange üben, bis wir alles aus dem Effeff beherrschten, um anschließend mit Glanz und Gloria in die Szene einzutreten.«
Er strebt nach Ruhm, sieht sich in Arenen auftreten und John Lennon auf die hinteren Plätze verweisen. McCormick ist bereit, sich verderben zu lassen, ganz im Sex & Drugs & Rock'n'Roll aufzugehen, obwohl er eigentlich überhaupt nicht trinken mag, seine zaghaften Versuche mit Joints in großen Hustenanfällen enden und auch die ersehnten Groupies auf sich warten lassen. Seine ersten journalistischen Gehversuche bei HotPress lassen ihn Bekanntschaft mit Koks schließen, das ihm zwar ermöglicht, seine Abgabetermine einzuhalten, der ersehnte ganz große Wurf im Musikbiz bleibt ihm jedoch weiter verwehrt.
Bono indessen bleibt durch seinen Glauben vor größeren Exzessen bewahrt. Der Glaube ist es auch, mit dem sich Bono seinen Erfolg erklärt. Und sein Erfolg schreitet stetig voran: jede Menge Live-Gigs, 1980 dann mit "Boy" die erste Plattenveröffentlichung.
Doch auch die McCormick-Brüder bleiben nicht untätig und nutzen jede Auftrittsmöglichkeit als Vorband. Langsam aber sicher steigt auch ihr Niveau und der Karriere sollte eigentlich nichts mehr im Weg stehen eigentlich!
Doch uneigentlich geht immer wieder alles schief, was schiefgehen kann. Sie rackern und machen eigentlich alles richtig. Und doch bleibt ihnen Ruhm und Erfolg versagt. Mehrere Male stehen sie ganz kurz vor einem Plattenvertrag, der dann im letzten Moment oder sogar noch nach der Unterzeichnung platzt.
Ich will hier gar nicht zu viel verraten, was Neil und Ivan über die Jahre hinweg alles versuchen, um endlich doch den großen Wurf zu landen, bis schließlich irgendwann Ivan kapituliert und die Rockstarträume endgültig begräbt. Neil fügt sich mehr oder weniger zähneknirschend und wird das, was er niemals werden wollte Rockkritiker!
Als solcher ist er weiterhin in der Szene unterwegs, allerdings auf der 'anderen Seite'. Und selbst wenn es zunächst so aussieht, als ob er auch hier den ewigen Looser abgeben wird, wendet sich das Blatt dann doch überraschend und er wird als Chef-Rockkritiker beim Telegraph angeworben.
Wenn seine Musik nur halb so frisch und spritzig wie seine Schreibe war, dann ist es bedauerlich, dass der Musikwelt ein Talent abhanden gekommen ist. Der Musikbuchbranche wäre dann aber ein echter Lesespaß verloren gegangen. "Killing Bono" liefert herrliche Einblicke hinter die Kulissen, zeigt aber durchaus auch fundiert auf, welche Hürden teils unüberwindbar auf dem Weg zum großen Ruhm auftauchen. Es liest sich wirklich klasse und unterhaltsam und ich bin mir fast sicher, dass hinter jedem 'Big Name' ein ewig-zweiter 'Neil' steht.
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