Christoph Geisselhart / The Who - Maximum Rock:
Die Geschichte der verrücktesten Rockband der Welt
The Who - Maximum Rock Christoph Geisselhart
Hannibal Verlag, (2008)
1. Auflage, Band I Hardcover mit Schutzumschlag
Format: 24x16cm, 528 Seiten
Medium: Buch
ISBN 978-3-85445-283-6
Preis: 24,90 Euro


Review vom 26.12.2008


Ingolf Schmock
Deutschsprachige Literatur über eine der wohl anregendsten und aggressivsten Musikervarianten der britischen Rockszene in den sechziger Jahren, die wichtigsten Wegbereiter der sogenannten Mod-Bewegung und Inspiranten für unzählige Britpop- bzw. New Wave-Combos, war hierzulande bis zum heutigen Tag, außer ein paar wenige, lückenhafte und veraltete Auflagen, eigentlich schon Mangelware.
Wenn sich aber in den Achtzigern oder Neunzigern doch einmal ein deutsches Musikmagazin gnädig dazu herabließ, einen mehrzeiligen Artikel über die Radau-Rüpelrocker aus dem Londoner Westend, The Who, in seiner Gazette aufs Papier zu bannen, las sich das meistens »[] so traurig wie das Lamento eines einsamen Paläontologen«, so Geisselhart, »der in der Abstellkammer des Landesmuseums die Knochen einer besonders unrelevanten Spezies abstaubte.«
Der hiesige Buchmarkt wurde dagegen eher mit unzähligen Beatles- und Stones-Biografien überhäuft, Roger Daltrey und seine musikalischen Gesellen fristeten aber anscheinend ein literarisches Schattendasein.
Anfang 2005 schlug dann quasi die Geburtsstunde für das jetzt vorliegende, über fünfhundert Seiten gewichtige biographische Großwerk von Christoph Geisselhart, das mit tatkräftiger Unterstützung von kompetenten Zeitgenossen und Freunden erst wirklich Gestalt anzunehmen vermochte.
Geisselhart konnte dabei über einen fast zweijährigen Enstehungszeitraum auf die fundamentalen Wissensspektren des Who-Kolumnisten bzw. Diskografen Christian Suchatzki, Konzertarchivar Klemens Jäger, dem Betreiber des Schweizer Fanarchivs, Werner Grieder und vieler treuer Wegbegleiter der Band (nebst dem Druck einer weit verbreiteten Liebhabergemeinde) zurückgreifen. Der heute Fünfundvierzigährige widmete seine kreativen Schöpfungen bisher vorwiegend malerischen Ritualen, gründete mit dem Maler Rolf Sieber 1992 die international tätige Künstlergruppe MAN HOI, entdeckte aber etwas später gleichzeitig seinen Drang zum Schriftstellerischen.
Als Fan der recht radikalen, britischen Combo ist ihm mit "Maximum Rock" ein wirklich authentisches, sehr aktuelles und relativ unkritisches, seiner Liebe zu The Who angemessenes Manifest, ein seziertes Menschenporträt aus einer drangvollen Musikära, gelungen. Mit sehr viel Liebe und Menschlichkeit zeichnet der Künstler das präzise Porträt dieser, bis an ihre Grenzen arbeitetenden Rockband, welche unterbewusst den Aspekt Krieg erregend und unterhaltsam aufgriff, und in ihrem Werk verwurzelte. Die Schicksalsgemeinschaft nahm während des Krieges ihren Anfang, und blieb über viele Jahre als sinnbildliches Leitmotiv des Quartetts erhalten, das seine Kämpfe beharrlich nach innen, wie auch mit hartem Rock'n'Roll und exaltierter Bühnenpräsenz nach außen ausfocht. Das Trauma spiegelte sich vehement bei Ihren enthemmten, konzertanten Aktionen wieder, die durch lärmende Verstärkerwände und zertrümmertes Instrumentarium den akustischen Eindruck eines Luftangriffes und dessen zerstörerische Hinterlassenschaft erzeugten.
Der in einer solchen, apokalyptischen Londoner Bombennacht im Jahr 1944 geborene Arbeiterbube Roger Harry Daltrey sollte später als wildgelockter Leadsänger der lautesten Rockkapelle der Welt für Furore sorgen. Derselbe erklärte kühn und resümierend an seinem zweiundsechzigsten Geburtstag, es sei wohl fraglich, ob die erstaunlich lange Phase des Friedens in Europa ohne Rock'n'Roll so ruhig verlaufen wäre, weil »der Rock'n'Roll diese ganze finstere Energie beanspruchte. Es sah vermutlich so aus, als würden wir die Kids anheizen; aber in Wirklichkeit haben wir eher einen Weltkrieg verhindert.«
Geisselhart schildert die frühen Jugend- bzw. Aufbruchsjahre von vier britischen Jünglingen aus unterschiedlichen Gesellschaftsklassen, welche Anfang der Sechziger zunächst zu dritt auf musikalischer Ochsentour durch Londoner Klubs und Tanzsäle tingelten, um sich später mit dem aufgeweckten Schlagzeuger einer Surfsoundcombo zu verbünden. Letztgenannter sollte aber erst nach der Namensgebung in The Who Anfang 1964 den damaliger Trommler ablösen, und mit seinem donnernden, rollenden, unvorhersagbaren, voranpeitschenden Schlagzeugspiel die Tradition seines Instruments revolutionieren und mit seinen exzentrischen Eskapaden, auch abseits der Bühne, für Nachhaltigkeit sorgen. Den 1947 in Wembley zur Welt gekommenen Keith Moon trieb damals noch sein sonniger Tagtraum, Genusssucht ohne Strafe, Ruhm ohne Preis, Hemmungslosigkeit ohne Reue, Schlagzeug als Erfüllung zu erfahren - sollte aber viel später an den Nebenwirkungen des Musikerlebens kläglich scheitern.
Peter Dennis Blandford Townshend, wie der 1945 in einer intakten Familie geborene Knabe getauft wurde, sollte hingegen sein ganzes Leben im Licht und Schatten jener Bühnenwelt zubringen, die zu seiner Geburt applaudierte. Der dünne, komplexbeladene, intelligente junge Künstler (»eine Nase auf der Bohnenstange« [Daltrey]), erwarb sich durch seinen Jähzorn, seinen Ehrgeiz und seine zunehmende Spielfertigkeit an der Gitarre den gebührenden Respekt, um als wilder Bühnenderwisch bzw. den enthusiastischen Opferungen seines Arbeitswerkzeuges, nebst Keith' orgiastischen Ritualen für sehr viel prägenden Wirbel in der Band zu sorgen.
Rogers Markenzeichen hingegen wurde das durch die Luft, Richtung Publikum oder Bandkollegen sausende Mikrofon, kombiniert mit stampfender, auf der Stelle tretender Macho-Pose. Besonders nachdem er Tommy verkörperte, die Haare lang trug und den sehnigen, muskulösen Oberkörper von bunten Lederfransen umgarnen ließ. »Es kam plötzlich, ganz spontan aus mir heraus«, beschreibt er selbst den ersten Ausbruch seiner eigenen Bühnenshow. »Wahrscheinlich wollte ich das Mikro vor lauter Zorn auf Pete schleudern oder auf Keith; fing aber den Schwung noch rechtzeitig ab, und da schnellte es zu mir am Kabel zurück, so schnell, dass ich es gerade noch auffangen konnte. Ich habe das nie bewusst eingesetzt; aber ich merkte mir den Effekt, und nach einer Weile konnte ich das Mikro so sicher herumschleudern, als wäre es ein Lasso.«
Ruhepol und Rückhalt dieser brutalen aber präzisen Szenerien war der, während des Blitzkrieges 1944 geborene John Alec Entwistle, dem die Musik mehr als allen anderen in die Wiege gelegt wurde; der als Petes Kumpel frühzeitig zu einem kraftvollen, perfektionistischen und stoischen Bassmann avancierte und mit dem ersten relevanten Solo in der Geschichte, den Rock'n'Roll revolutionierte.
Leider überschatteten seine, mit Keith ausgefochtenen Drogeneskapaden mit Unmengen chemischer Wachmacher, Barbituraten und allerlei Hochprozentigem schon bald die Physis ihrer eigenen und der Kollegen Arbeit.
The Who waren mit ihrer alles übertönenden, unüberhörbaren Lautstärke das ideale Vehikel für die rebellische Botschaft in der im Dezember 1965 erschienen Jugendhymne "My Generation", und sie waren die Überbringer eines revoltierenden Bekenntnisses.
Who-Fans waren vorwiegend maskuliner Natur, die entweder nichts zu verlieren hatten oder aus ihrer langweiligen, gesicherten Mittelklasseumgebung ausbrechen wollten. Und Petes ungeschminkte Haltung nährte eine Bewegung, die nicht mehr ausschließlich nur an Musik und Kleidung orientiert war.
Selbst dem Rezensenten rüttelte diese Hymne einer pubertären Revolution - mit eineinhalb Jahren Verzögerung - auf und sollte die Initialzündung für eine anhaltende Liebe und Fluchthelfer in seine eigene kleine Welt werden. Diese Affenmusik, wie es die Eltern gern bezeichneten, stachelte seinen kindlich naiven Tatendrang nur noch um so mehr an, seinem gelockten, Mikro-schwingenden Rockhelden so nahe wie möglich zu sein. Er würde fast behaupten, diese gestotterte Aufnahme mit seinem stoßweise rhythmischen Hacken und Schreien und der Textzeile »I hope I die before I get old« hat ihn und unzählige andere wohl zum Überleben gezwungen.
Der Biograf lässt uns mit seinem literarischen Erguss wieder in diesen wunderbaren Kosmos der Erinnerungen eintauchen und mit reichhaltig recherchierten Anekdoten bzw. Originalzitaten am winkligen und lauten Weg der ersten sieben Karrierejahre bis zum Erscheinen des Albummeilensteins "Who's Next" (1971) mit teilhaben. Mit sehr viel Feingefühl und redigiertem Wortschatz doziert bzw. zeichnet der detailverliebte Romancier Geisselhart den zornigen Entwicklungsweg dreier Schulkameraden und einem »künstlerisch zurückgebliebenen, in gewisser Hinsicht idiotischen« Exzentriker von der ernst zunehmenden Rhythm & Blues-Combo jenseits der Themse, vom ebnenden Sponsoring eines gut betuchten Türklinkenfabrikanten, von Keith' erstem Bandauftritt, von rauem bzw. findigem Managergebaren, dem ersten lukrativen Plattenvertrag bis hin zur ersten Erfolgssingle 1964, die angeblich von einem Kinks-Song inspiriert wurde: »"I Can't Explain" baute auf "You Really Got Me" auf. Es fiel mir einfach so ein, als ich achtzehneinhalb war.« (Townshend)
Dieses Werk gewährt dem Leser neben allen karriereträchtigen Geschehnissen auch Einblicke in das Sittenbild einer Jugendkultur, die als sogenannte Mods eine zahlenmäßig eher kleine Gesellschaft war, außerhalb ihres kulturellen Zentrums in London kaum Anhänger besaß - durch ihre laute Musik und die medial ausgeschlachtete Auseinandersetzung mit der Gegenpartei der Rocker aber für Aufsehen in der britischen Öffentlichkeit sorgte.
Diese nostalgischen Rituale wussten die Who seinerzeit geschickt für sich zu nutzen. So ist das plakative, dreifarbige Kreissymbol dieser Bewegung, welches eigentlich die Kokarde der englischen Luftwaffe nachzeichnete, noch heute bei Auftritten der übriggebliebenen Rockveteranen zu entdecken.
Who-Intimus Nik Cohn charakterisierte es folgendermaßen: »Der archetypische Mod war männlich, sechzehn Jahre alt, fuhr einen Motorroller, schluckte händeweise Aufputschpillen, hielt Frauen für eine vollkommen minderwertige Rasse, war besessen von Coolness und kehrte das penetrant heraus. Er war außerdem zu hundert Prozent auf sich selbst fixiert, auf seine Klamotten, auf seine Frisur, auf sein Image - sprich: er war in jeder Hinsicht ein erbärmlicher, narzistischer Knilch.«
Der mit seinem kämpferischen Instinkt belegte, aber diplomatische und proletarische Underdog Roger Daltrey und der Mod-philosophierende Kunststudent Townshend boten als ewige Kontrahenten bis zur Abkehr vom Mod-Image, genügend Zündstoff innerhalb der Band. »Der intellektuelle Pete Townshend, binnen weniger Jahre zum Mastermind einer gesamten Szene ausgerufen, proklamierte 'seine' Who als überirdisches Kunstprodukt. Er arbeitete verbissen daran - auch mit Hilfe der beiden neuen Manager - und feilte The Who im Geist und mit vielen klugen, frechen Worten für das Maximum in der Rockmusik zurecht. Doch erst Keith machte das Ganze lebendig. Sehr lebendig sogar. Keith, ein Besessener des Rockmusikkults, amüsierte sich buchstäblich dem Tod, der Dunkelheit, entgegen, und die Band wurde durch ihn ein 'Monster', unkontrollierbar und autonomer als erwünscht.
Besonders Pete, der gleichwohl zum kreativen Motor der Entwicklung wurde, und Keith taumelten zwischen erstaunlicher Hellsicht und medialer Benommenheit. Die ganze Gruppe erinnerte bisweilen an ein hochbegabtes, aber zu früh in die Erwachsenenwelt geschicktes Kind namens Tommy, Townshends fiktiver Held des berüchtigten Konzeptwerkes, mit dem dreifachen Stigma von Blindheit, Taubheit und Stummheit.«
Der emotional und körperlich verkrüppelte Rockoperheld entwickelte sich zum musikalischen Überego und geriet zum Fluch und zum Maßstab aller Werke zuvor, und auch der noch Folgenden.
»Wir waren die Meister der Kunst; Tommy war vollkommen autobiografisch.« (Townshend)
»Betrachtet man die schier irrwitzigen Schulden, die Drogenexzesse, die Skandale wegen ihrer kontroversen Songs, die ruinöse Unwissenheit ihrer Manager, private Sorgen und existenzielles Unglück, Schlägereien vor, auf und hinter der Bühne, eine paranoid anmutende Spur der Zerstörung durch die Musik-Arenen und Hotelzimmer dieser Welt, kommt man zu dem Ergebnis« so der Autor, »dass The Who und vor allem Keith Moon auch die schattenhaften Elemente der sechziger und siebziger Jahre fast magisch anzogen.«
Als Musikliebhaber liest man amüsiert von den ersten Begegnungen mit den Liverpooler Fab Four, über kurzzeitige Pläne Robert Plant als Frontmann zu engagieren, oder ihren Auftritt für die Bremer TV-Sendung "Beat Club" platzen zu lassen. Produzent und Regisseur Michael Leckebusch war darüber gar nicht erfreut: »The Who machen, was sie wollen, ihre Manager eingeschlossen. Wir hatten zweimal einen verbindlichen Vertrag. Sie akzeptierten ihn zweimal, aber zweimal scherten sie sich nicht darum. Nun wir laufen denen nicht hinterher.Wenn sie kommen wollen, dann okay.« Sie kamen zwar noch nicht zu Leckebusch und Uschi Nerke ins Studio, absolvierten aber im November 1966 ihre erste kleine Konzert-Stippvisite, für zehn D-Mark Eintritt, auf deutschem Boden.
Erzählt wird über ihren Wettstreit mit Jimi Hendrix und ihren aufrüttelnden Auftritt vor einem völlig paralysierten Publikum im kalifornischen Monterey, von den enormen Kosten, die ihre Zerstörungsrituale verursachten, erfährt von Petes spiritueller Erleuchtung und philosophiert mit Roger über das herrliche Dasein der Bandbegleiterinnen: »Die Frauen waren toll im Bett, sie waren stolz darauf Groupies zu sein, völlig unterwürfig. Groupies müssen servil sein. Musiker auf Tourneen sind echte Tiere; man wird dazu, weil es ein so unnatürliches Leben ist, immer von Stadt zu Stadt, von Zimmer zu Zimmer. Man hat keine Zeit, um Romanzen anzuknüpfen, und Groupies machen das Leben leichter. Man musste nur sagen: 'Bleib hier, zieh dich aus oder verschwinde.' Sie zogen alle ihre Klamotten aus. Groupies hatten keine besonderen Techniken oder so im Bett, sie waren nur sehr, sehr leicht dorthin zu kriegen.«
Wer die Namen und Fakten aus dem Umfeld der Band schon kennt, die in den akribischen Schilderungen auftauchen, wird große Freude beim Lesen dieses Buches verspüren. Sympathisch finde ich auch, dass die Problematik des über weite Strecken heftigen Drogenkonsums unverblümt geschildert, aber auf gar keinen Fall glorifiziert und deren Konsequenzen als eine Art Psychogram - des Zerfalls von zwischenmenschlichen Beziehungen - wie auch als Tragik der Betroffenen aufgezeigt wird.
Es war für den Autor mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen, zwischen lauter Räuberpistolen und authentischen Informationen diese dankbare Buchaufgabe in die Tat umzusetzen.
Der behandelte Stoff dieses ersten Teiles, der mit der Erfolgslangspielplatte "Who's Next" im August 1971 endet, dessen Cover, vier Lümmel - gelangweilt von einem Monolithen abgewendet - darstellte, den sie kurz zuvor angepinkelt hatten und der an den geheimnisvollen Brocken in Stanley Kubricks SF-Kultfilm "2001:Odyssee im Weltraum" erinnerte, ist nicht nur für den Who-Fanatiker, sondern für den Rockmusik-Liebhaber eine Offenbarung.
Christoph Geisselhart ist es gelungen, eine herzige und dem Rahmen angemessene Biografie, die auch mit sehr viel witzigen Amüsements aufwarten kann, zu verfassen. Ich kann dieses umfassende literarische Werk über die »härteste und innovativste Rockgruppe« (Leonard Bernstein) nur wärmstens empfehlen, und freue mich schon auf den zweiten Teil, im Frühjahr 2009.
»Die Eleganz der Popmusik besteht darin, dass sie wie ein Spiegel ist.« (Pete Townshend)
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