Joris Hering Blues Band / 18.09.2015, Bauhaus, Dessau
Plakat Joris Hering Blues Band
Bauhaus, Dessau
18. September 2015
Konzertbericht
Stil: Blues Rock


Artikel vom 29.09.2015


Matthias Ziegert
Na, das war ja eine feine Party am 18. September 2015. Es war die Party zum 10-jährigen Bestehen der Joris Hering Blues Band aus Berlin-Weißensee. Als Veranstaltungsort hatte man sich das geschichtsträchtige Bauhaus Dessau ausgesucht. Die Wahl des Veranstaltungsortes kam nicht von ungefähr – stammen doch alle Mitglieder des Berliner Powerblues-Trios ursprünglich aus der Region.
Möglich gemacht haben die Veranstaltung die Mitglieder des Sonnenblues e.V. Und das obwohl ihre Dessauer Bluesnächte bereits bis ins Jahr 2017 fest verplant sind.
Die erste Veranstaltung organisierten die Dessauer Bluesbrüder im März 2012 mit dem Duo Bluesrudy/Peter Schmidt in der Raststätte Sonnenkeppe. Aus dem anfänglichen Probelauf ist längst eine etablierte Konzertreihe geworden. Inzwischen können die engagierten Bluesliebhaber des Vereins bereits stolz auf 28 Bluesnächte mit nationalen und internationalen Bluesacts verweisen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. Längst ist die Sonnenkeppe zu eng geworden, sodass man in das Bauhaus ausgewichen ist.
Eng war es auch an diesem Abend, dennoch blieb genügend Platz, um den Blues zu tanzen. Doch dazu kam es erst später.
Die erste halbe Stunde gehörte dem Singer und Songwriter Jan Grünfeld aus Halle/Saale, der mit Stücken wie "Liebeslied", "Wie im Flug" oder dem "Dopamin Blues" einen kurzen Einblick in sein Schaffen gab. Ihn als Opener gesetzt zu haben, hatte eine tiefere Bewandtnis. Mit Jan Grünfeld begann auch die Musikerkarriere von Frontmann Joris Hering. Und das war weit vor der JHBB. Gemeinsam spielten sie im zarten Alter von 15 Jahren in der Hallenser Schülerband Revanche. So ist es nicht verwunderlich, dass Grünfelds ziemlich rockig gehaltene Lieder nicht nur von Liebe, Sehnsucht und der Ostsee erzählten, sondern auch an die gemeinsame Jugendzeit und ihre Heimatstadt erinnerten.
Dann betraten Joris Hering (voc, g), Thomas Hering (bg) und Hans-Jürgen Beier (dr) die Bühne. In dieser Formation spielt man jetzt seit gut einem Jahr. Kennengelernt hatten sich Beier und die Hering-Brüder bei einer der Jam-Sessions in Dessau, die inzwischen alljährlich zum Jahresabschluss der Dessauer Bluesnächte geworden sind. Und wie man auch an diesem Abend erneut feststellen konnte – es passt! Kein Wunder! Schlagzeuger Hans-Jürgen Beier ist Profi und hält seit der Reunion der Berliner Rockband Transit im Jahr 2009 auch in dieser Band einen Stammplatz. Transit wurde bereits 1973 gegründet und gehört bis zum heutigen Tag zu den angesagtesten Ostrockbands.

Die Berliner begannen mit ihrem üblichen Intro. Der "Fishtone Blues" ist ein munteres Instrumental und stammt aus den Anfangsjahren der Joris Hering Blues Band. Es folgte "Texas Flood", jene Nummer, die durch Stevie Ray Vaughan weltweit bekannt geworden ist. In den gut acht Minuten ließ Joris Hering seiner Gitarre freien Lauf, gab dem Stück auf diese Art eine eigene Note, ohne das Original unkenntlich zu machen. Auch wenn sich die Band dem deutschsprachigen Blues verpflichtet fühlt, hat sie eine Reihe von Klassikern im Programm.
Der nachfolgende Song "Puppe" ist eine weitere Eigenkomposition. Ganz bewusst setzt Joris Hering in seinen Liedern die deutsche Sprache ein, und tritt damit den Beweis an, dass der Blues nicht nur schwarz ist – nicht einmal nur englisch sein muss. Die JHBB holt den Blues vom Mississippi an die Spree, verleiht ihm, nicht zuletzt durch den Einsatz deutscher Lyrik, eine ganz eigene Note und hebt sich auf diese Weise von einem weit verbreiteten Klischee ab. Joris Hering äußerte dazu: »Natürlich habe ich auch englischsprachige Titel geschrieben. Aber das fühlt sich ein wenig an, als würde ich mich verstellen. Deutsch ist meine Muttersprache. In ihr kann ich meine Gefühle am besten ausdrücken«. Zum Glück steht er in der heimischen Bluesszene mit dieser Meinung nicht alleine da.
Inzwischen hatte sich am Bühnenrand ein weiterer Gastmusiker startklar gemacht. Von nun an verstärkte der Hallenser Harper Thomas Schied das Berliner Trio. Der nachfolgende Song "Good Morning Little Schoolgirl" bot ihm beste Möglichkeit, seine Klasse unter Beweis zu stellen. Die Band ließ es ordentlich rocken und rollen. Das Publikum war in Stimmung gekommen. Die ersten Tänzer hatten längst die Fläche vor der Bühne in Besitz genommen.
Einfach Klasse, wie sich die ausgedehnten Soli von Gitarre und Harp einander ablösten. Das Zusammenspiel war perfekt. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass Schied Stammgast der JHBB ist. Auch Thomas Schied ist in der hiesigen Bluesszene längst kein Unbekannter mehr; stand er doch schon vor Jahren gemeinsam mit der L.E. Boogieband auf der Bühne, arbeitete eine Zeitlang mit dem Bremer Heiko Schrader zusammen und tourte mehrfach mit dem Iren Travor Hansbury durch die Bundesrepublik. Sein aktuelles Projekt nennt sich The Blind Flying Dog.
Noch vor der ersten Pause erklang ein weiteres Stück aus der Feder von Joris Hering. Der "Heimstadt Blues" ist eine Hommage an Halle/Saale, der Geburtsstadt der Gebrüder Hering. Es sind vor allem Alltagsgeschichten, die der Blues der JHBB zu erzählen hat. »Kill den Alltag. Mit Alltagsblues. Blues lässt Dampf ab und hilft dir, den ganzen Alltagsmist zu überstehen«, so lautet das Motto der Band. "Katze", "Wunderschön", "Süße", "Sie verließ mich"... sind Momentaufnahmen, die bestens geeignet sind, sich fallen und einfach treiben zu lassen. Den stimmungsvollen Slow Blues über Regentage ("Regen") und das "Lied für einen Fluss" bin ich geneigt besonders hervorzuheben, halte ich sie doch textlich und musikalisch für besonders gelungen.
Längst spielte man das zweite Set. Nach der Tom Petty–Nummer "Cabin Down Below", einem schweißtreibenden Boogie, folgte "Unterwegs". Nun schlug auch die Stunde des jungen Pianisten Artur Kühfuß. Er hatte die weiteste Anreise. Den aus Bordesholm stammenden und in Hannover lebenden 25-Jährigen hatte man im letzten Jahr beim Finale der German Blues Challenge in Eutin kennen gelernt. Kühfuß hatte in Eutin die Marius Tilly Band unterstützt und ist auch auf deren aktueller CD zu hören. Und nun wird er auch auf dem ersten Studioalbum der JHBB zu hören sein, was seine Anwesenheit bei der Geburtstagsparty der JHBB erklärt.
"Unterwegs" – ein flotter Boogie - ist der Titelsong dieses Albums, welches für den 1. November 2015 angekündigt worden ist. Kühfuß wirkte frisch und munter, was sicher nicht nur an seinem jugendlichen Alter lag. Die Spielfreude stand ihm ins Gesicht geschrieben. Vor dem Auftritt hatte er mir verraten, er freue sich auf den "Mann von nebenan", denn dann könne er sich so richtig 'austoben'. So war es dann auch.
Inzwischen hatten zwei weitere Gäste die Bühne betreten. Mit ihrem deutschsprachigen Blues Rock tritt die Joris Hering Blues Band das Erbe der Altvorderen der DDR-Bluesszene an. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die JHBB zu ihrer Party auch zwei Protagonisten der ostdeutschen Bluesgemeinde eingeladen hatte. Bernd 'Kuhle' Kühnert (voc, g) hatte vor 40 Jahren bei der Engerling Bluesband angefangen und war 1979 gemeinsam mit Rainer 'Lello' Lojewski zu Monokel gewechselt. Bekanntermaßen gibt es seit den 1990er Jahren zwei Monokelbands. Kühnert gehört bis zum heutigen Tag der Kraftblues-Fraktion an.
Peter Pabst (voc, g) hatte einst mit Günter 'Holly' Holwas, dem Initiator der legendären Ostberliner Bluesmessen begonnen, hatte 1980 die Jonathan Blues Band gegründet und ist bis heute deren Kopf. Plötzlich stand ein ganzes Bluesorchester auf der Bühne. Es war schon beeindruckend, wie sich die drei Gitarristen, unterstützt von Piano, Harp und einer soliden Rhythmusgruppe, ergänzten und den Eindruck erweckten, als würden sie schon immer zusammen spielen. Nun ging die Party erst richtig los.
Zum Abschluss des zweiten Teils erklang "Leg Feuer", gesungen von Jan Grünfeld. Auch dieser Titel wird auf dem Studioalbum zu hören sein. Der Text stammt von Grünfeld und die Musik haben Grünfeld und Hering gemeinsam geschrieben. Auch wenn sich nach der Schülerband-Zeit ihre Wege trennten, gehen sie noch heute gelegentlich mit ihrem Zweitprojekt Grünfeld/Hering auf die Bühne. Und eben für dieses Projekt wurde der Titel einst geschrieben.
Die Uhrzeiger rückten langsam auf Mitternacht, als das dritte Set mit "Isolde" begann. Kenner der hiesigen Szene werden schnell erkannt haben, dass dieser Song von der 1981 gegründeten Ostberliner Rockband Pankow stammt und werden sich verwundert gefragt haben, wie dieses Stück ins Repertoire einer Bluesband geraten ist. Erschienen ist der Song auf dem 1986er Album "Keine Stars". Auf diesem Album von Pankow sind ausschließlich gitarrenlastige Nummern von Gründungsmitglied und Gitarrist Jürgen Ehle zu hören. Es waren seine Gitarrenparts, die den jungen Hering bewogen haben, die Gitarre in die Hand zu nehmen. Und genau jener Ehle hat auch das erste Studioalbum der JHBB produziert. Wie sich doch die Kreise schließen!
Mit "Hoochie Coochie Man", dem "Lied für einen Fluss" und "Little Red Rooster" entfachten die sieben Musiker nochmals ein wahres Feuerwerk, welches erst nach ein Uhr mit dem üblichen Rausschmeißer – dem Hering-Song "Feierabend" sein Ende fand. Feierabend dürfte bei dieser Band noch lange nicht sein. Hoffen wir auf weitere zehn Jahre!