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41Point9 / Mr. Astute Trousers – CD-Review

A point. Auf der Suche nach dem Begriff, der das Gegenteil von 'overplayed' ausdrücken möge, könnte man sich beim Vokabular bedienen, mit dem man sonst eher sein Steak bestellt. Denn sobald man statt 'over-' irgendetwas mit 'under-' heranzieht, wird es ganz schnell negativ. Da ist aber nichts Negatives. 41Point9 sind einfach à point. "Mr. Astute Trousers" ist nach "Still Looking For Answers" aus dem Jahre 2011 erst das zweite Studioalbum der Band um die Freunde Bob Madsen (Bass) und Brian Cline (Gesang), die sich seit Mitte der Neunziger kennen, aber erst im neuen Jahrtausend ihre Band gegründet haben – Gitarrist Kenny Steel stieß dazu. Das Cover des ersten Albums versteckt sich kurioserweise auch auf der zweiten CD. Auf dem Farbtopf rechts neben den Beinen, da ist eine Katze, auf deren Rücken man ein Butterbrot festgebunden hat. Das Ganze war eine Art Gedankenexperiment: Wenn eine Katze immer auf den Beinen landet, das Butterbrot aber immer auf der beschmierten Seite … nun ja; die Band beschreibt so (mit Zwinkerauge) die Suche nach dem Sinn des Lebens und nennt das ganze 'feline Butterologie'.

Genauso wenig, wie man nun weiß, ob die Katze auf den Pfoten oder das Brot auf der Butterseite landet, genauso wenig lässt sich die Musik der Band letztgültig irgendwo einordnen. Prog Rock mit Metal-Elementen und viel Singer-/Songwriter-Eleganz bis hin zu … mit 'Pop-Sensibility' beschreibt Bob Madsen ein weiteres Fragment selbst sehr gut. So würden Songs wie "Confessions At Midnight" und "The Black Line" auch gut verdauliche 80er-Retro-Pop-Geschmacksmuster treffen, würden beim sehr sangbaren "Confessions At Midnight" nicht die Hard Rock-Gitarren auftauchen, und würde bei "The Black Line" zwischen den sanft-melodischen Refrains nicht die schnellen Gitarren-Keyboard-Parallelriffs für Dramatik sorgen und zwischendurch auch noch aberwitzige, akrobatische Dinge mit dem Bass veranstaltet. Man tut also das Notwendigste, um jeglichen Anfangsverdacht sich potenziell einschleichender Seichtheit von sich zu weisen …

… und doch die Schönheit einfacher, aber einfach genialer Melodien zu feiern. "The Marine" ist dafür auch so ein Beispiel – mit herrlichen, fast hypnotischen Vocal Lines, die von leichtem Rock-Drive regelrecht 'getragen' werden, aber durch umso schwereres Riffing voneinander getrennt. Auch beim starken Opener "For The King" ("When Valkyries Cry" ist lediglich ein Intro dazu) arbeitet die Band mit dieser Art von Fragmentierung – eigentlich ist dieser Siebenminüter sogar DAS Paradebespiel dafür. Es gibt hervorstechende Bass Lines, eine markante Synthie-Fanfare sowie die Gitarre mit einem proggig-komplexen Riff, vereinzelt eingestreuten Akkorden mit viel Hall und Gitarre und Keyboard, die gemeinsam ganz plötzlich die Dramatik-Schraube anziehen. Das Zusammenspiel all dessen ist bemerkenswert, denn es wird – siehe oben – nie 'overplayed'. Es gibt erfrischend viele akustische Freiräume. So wird der Gesang schon mal nur vom Bass begleitet und überbringt seine Message dann streckenweise ganz allein.

41Point9 erschaffen damit ein großes Mosaik, bei dem jedes einzelne Steinchen stark für sich allein im Fokus steht – extrem stark! Beim ersten Hören von "For The King" mag man denken: 'Wann starten die denn endlich die finale Zündstufe?', zumal man über weite Strecken fast stoisch das Mid Tempo durchzieht. Aber ziemlich schnell 'versteht' man die Band und erfreut sich der Darbietung dieses Handwerks in sehr purer Form. Die Liebe für Details, ohne es zu übertreiben, erinnert punktuell an Fish-Songs (Hang zur Komplexität, aber ohne Kompliziertheit), aber auch an Enchant … und das sogar, bevor man auf die Info stößt, dass Brian Cline tatsächlich als Vorgänger Ted Leonards der erste, der 'Original'-Sänger Enchants war, und Bob Madsen ein gern gesehener Gast auf mehreren ihrer Studioalben. In den Sinn kommen einem auch Rush zur Zeit sich ausschleichender Synthesizer-Prägung in der "Roll The Bones"/"Counterparts"-Phase.

Dann passiert etwas. Zu Beginn von "Tilting At Windmills" kündigt eine Stimme aus der Schwarzweiß-Ära der US-Fernsehshows eine 'Intermission' an, bevor die nächste Show weitergeht. Es folgt ein wildes und schnelles und energiegeladenes Instrumentalstück, bei dem einem vor allem die Bass-Umtriebe in fröhlich-jammiges Staunen versetzen – auch hier haben Rush-Anhänger einen Zugang. Danach haben 41Point9 andere Songs platziert. "These Four Lands" ist eher Prog Metal als Prog Rock – drängender, mit mehr Power, Dichte, Tempo und Druck, getragen auch von brillantem Harmoniegesang. Irgendwie haben sie das genial gemacht, mag man denken. Das ist (natürlich) hörbar dieselbe Band, ohne den 'ersten Teil' des Albums würde man aber womöglich weniger auf die Details achten. Es geht nun aber wieder zwischenzeitlich einen Schritt zurück auf dem Energielevel.

Mit "Don’t Cut Down The Rose" folgt nämlich eine hochinteressante atmosphärische, überlange Nummer einschließlich unterschwelliger Spannungsmomente und einem Saxofon-Part, die mit 'Ballade' nicht würdig bezeichnet wäre. "Big Data" ist ein Stück über digitale Gefahren – irgendwie seit Jahrzehnten aktuell und heute mehr denn je – und sattelt wieder Power und Dramatik auf, aber gekonnt eingewoben und ruhige Elemente. Das Spiel mit unterschiedlichst wirkenden Fragmenten verstehen 41Point9 einfach zu gut. Genial, wie ausgerechnet die hohen Backing Vocals der Backgroundsängerinnen hier eingesetzt werden, um punktuell Dramatik aufzusatteln. Zwei Bonus-Tracks beschließen das Album, entsprechend angesagt im Mini-Stückchen "…And Now" von der bereits bekannten Stimme aus dem Schwarzweiß-Fernsehen. Das akustische, Folk-angehauchte "The Loch" und das soulig-poppig-relaxt wirkende "Familiar Strangers" sind hörenswerte Nummern, die sich zwar hörbar vom Rest absetzen, aber genau hier passend – am Ende des Albums – weitere Farbtupfer in der Palette des Bandsounds präsentieren.

Insgesamt ist "Mr. Astute Trousers" ein hochinteressantes Prog-Album mit einigen Highlights, die hinreißend gut ins Ohr gehen – schon beim zweiten Hören merkt man, wie sehr man manch starke Melodie seit dem ersten Hören vermisst hat. Und dabei arbeitet die Band so erfrischend frei von Effekthascherei … eben ziemlich à point. Oder sagen wir: à 41Point9.


Line-up 41Point9:

Bob Madsen (bass)
Brian Cline (lead & backing vocals, guitars – #3)
Kenny Steel (lead & rhythm guitars, keyboards)
Chad Quist (lead & rhythm guitars)
Molly Roth, Tevis Carbajal, Leeann Christopherson (backing vocals)
Jay Tausig (guitars, vocals)
Grant Reeves (saxohpone – #8)

Tracklist "Mr. Astute Trousers":

  1. When Valkyries Cry (1:53)
  2. For The King (7:01)
  3. The Marine (5:30)
  4. Confessions At Midnight (5:25)
  5. The Black Line (6:12)
  6. Tilting At Windmills (7:00)
  7. These Four Lands (4:51)
  8. Don’t Cut Down The Rose (8:14)
  9. Big Data (6:32)
  10. …And Now (0:09)
  11. The Loch (4:25)
  12. Familiar Strangers (5:32)

Gesamtspielzeit: 62:48, Erscheinungsjahr: 2018

Über den Autor

Boris Theobald

Prog Metal, Melodic Rock, Klingonische Oper
Meine Beiträge im RockTimes-Archiv

Mail: boris(at)rocktimes.de

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