Ziemlich pünktlich zu seinem achtzigsten Geburtstag hat sich der aus Berlin stammende Gitarrist Ax Genrich (unter anderem Ex-Agitation Free, Ex-Guru Guru, Ex-Rif) selbst ein kleines Geburtstagsgeschenk gemacht. So hat er in diesem Jahr im Tonstudio Ölmühle in Steinefrenz mit drei weiteren Musikern sein brandneues Album "From Silence To Crescendo" eingespielt. Erschienen bereits im vergangenen Sommer, hatte er bezüglich der vier brandneuen Einspielungen seinen langjährigen Bassisten Edgar Türk, den Schlagzeuger Daniel Schwarz sowie den für die Blasinstrumente zuständigen Eberhard Emmel (Xhol Caravan) an seiner Seite. Die Alben Genrichs der letzten zehn Jahre hatten ein Alleinstellungsmerkmal in Stilistik und Ausdruck, waren durch die Bank gut und speziell der Vorgänger In Good Company hat es dem Rezensenten angetan und läuft immer noch regelmäßig in dessen Anlage. Ach ja, in der ersten Jahreshälfte wurde dann ja auch noch die erste Soloscheibe des guten Ax, das als in Krautrock-Kreisen als Kult-Album geltende Highdelberg wiederveröffentlicht.
Nun also "From Silence To Crescendo", das mit vier langen Studiotracks sowie einem Live-Stück aus dem Jahr 2019 aufwartet. Beginnend mit dem fast 17-minütigen "Lost In The Jungle", das sich als atmosphärische Jazz Rock Fusion-Nummer herausstellt, bei der sich der Gitarrist in erster Linie auf die Sounds, sprich die zusammen mit Edgar Türk und Daniel Schwarz erzeugte dichte Atmosphäre konzentriert. Solistisch ist hier fast durchgehend Eberhard Emmel unterwegs, was dem Ganzen doch einen starken Jazz-Touch verleiht. Es folgt das träumerisch-atmosphärische "Engelshaar", bei dem der Protagonist – nur spärlich von Bass und Drums unterstützt – sein Können hinsichtlich einer aufgebauten Atmosphäre, nein, eines ganzen Films mit seiner Gitarre und eingesetzten Effekt-Geräten präsentiert. Emmel gesellt sich im Verlauf dieser insgesamt eher ruhigen Nummer zunächst mit der Flöte, dann auch mit dem Saxofon dazu. Schöner Kontrast zum Opener.
Auch "Lebensbaum" bleibt instrumental, vom Tempo her sehr verhalten und erzeugt mit seiner Aura erneut ein traumhaftes, fast schon surrealistisches Gesamtbild. Schemenhaft bewegen sich Figuren, Gegenstände oder welcher Film auch immer gerade vor dem geistigen Auge des Hörers abläuft. Für dieses Stück war Jürgen Bröhl als Gast am Piano dabei und nicht nur er, sondern sowohl Genrich, als auch Türk und Emmel haben Phasen, in denen sie herausstechen. Nichts für ADHS-ler (ohne das böse oder negativ zu meinen), sondern vielmehr eine super Nummer, um sich zurück zu lehnen und zu genießen. Mit "Un-Kraut" ist dann der schnellste und rockigste Track der Platte an der Reihe. Hier macht alleine schon das Schlagzeug richtig Dampf, bevor auch die drei anderen Musiker einsteigen und für mehr als elf Minuten die Post abgehen lassen. Und selbst wenn das Stück die Charakteristik einer Jam Session hat, so nimmt dies nichts von seiner Qualität. Alle vier der neuen Stücke wurden übrigens von Ax Genrich und Edgar Türk komponiert.
Zum Abschluss gibt es mit dem 2019 auf dem Burg Herzberg Festival eingespielten "The Nomad" (aus dem Album The Butter Melting Sessions) noch einen Live-Song ohne Emmel und Schwarz, dafür mit Genrich, Türk und Aggy Spreitzer an den Drums. Gehen die vier Studio Tracks in eine neue Richtung, erleben wir hier noch einmal den Ax Genrich, wie wir ihn der Rezensent in den Jahren zuvor kennengelernt hatte. Klasse Abschluss!
Ich hatte es im vorherigen Absatz bereits angedeutet: "From Silence To Crescendo" beschreitet im Vergleich zu seinen Vorgängern neue Wege. Und ausschlaggebend dafür sind vor allem die beiden Punkte, dass sich Ax Genrich auf diesen Tracks vor allem in den Dienst der Songs und Sounds stellt, sprich zwar unbedingt zum guten Gelingen beiträgt, sich solistisch aber doch eher zurückhält. Der zweite große Unterschied ist das doch sehr dominante Auftreten Eberhard Emmels, der unter anderem für die teilweise prägenden Jazz-Einflüsse zuständig ist. Wie eigentlich fast immer bei Ax Genrich nicht unbedingt ein Album zum Nebenbeihören, sondern vielmehr eines zum aufmerksamen Zuhören und Genießen.
Line-up Ax Genrich & Band:
Ax Genrich (guitars, vocals – #5)
Eberhard Emmel (tenor & soprano saxophone, flute, bamboo clarinet, organ pipe flutes)
Edgar Türk (bass, saz – #4)
Daniel Schwarz (drums – #1-4)
Aggy Spreitzer (drums – #5)
Jürgen Bröhl (piano – #3)
Tracklist "From Silence To Crescendo":
- Lost In The Jungle (16:50)
- Engelshaar (14:20)
- Lebensbaum (14:37)
- Un-Kraut (11:03)
- The Nomad (13:13)
Gesamtspielzeit: 70:01, Erscheinungsjahr: 2025



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