Und noch einmal Vivaldi, und noch einmal "Die vier Jahreszeiten". Man meint, dieses Thema sei zwischenzeitlich doch vollends ausgekaut, angesichts der Masse an Interpretationen und Deutungen. Angefangen im klassischen Bereich mit den unterschiedlichen Veröffentlichungen, auch von Nigel Kennedy oder des elektronischen Versuchs von Thomas Wilbrandt, haben sich bereits viele Künstler mit einzelnen Abschnitten des Werks beschäftigt, unter anderen die Band Sky, die das Stück "Vivaldi" aufnahm, jenen Song, den Darryl Way komponierte. Und damit sind wir beim Thema. Mit Curved Air spielte Way 1970 mit der Platte "Air Conditioning" seine 1968 komponierte Version ursprünglich ein. Schließlich hatte der 1948 geborene Richard Darryl Way am Royal College Of Music studiert und besaß einen Zugang zu klassischer Musik.
Fünfzig Jahre nach dieser Eigenkomposition und persönlicher Interpretation des Themas entschied sich Way nun dazu, das Werk von Antonio Vivaldi mit allen vier Jahreszeiten noch einmal auf seine Weise aufzunehmen und es in Rockmusik umzuwandeln. So gliedern sich die zwölf Stücke wie folgt: Den Frühling finden wir auf #1-3 (Concerto No.1 in E major, Op. 8, RV 269), gefolgt vom Sommer mit #4-6 (Concerto No.2 in G minor, Op. 8, RV 315), danach der Herbst mit #7-9 (Concerto No.3 in F major, Op. 8, RV 293) und zum Schluss wird es Winter mit #10-12 (Concerto No.4 in F minor, Op. 8, RV 297).
So, jetzt könnte ich den Versuch starten, die vielen Einspielungen der "Vier Jahreszeiten" zu vergleichen und käme dann auf ganz unterschiedliche Ausprägungen: Sei es die sehr streng am Werk orientierte Einspielung von Il Giardino Armonico, die berühmte eigenwillige Interpretation von Nigel Kennedy aus 1989, die viel moderner, verspielter und luftiger wirkt oder des Geigers weitere, ganz anders aufgebaute Einspielung aus 2014 ("The New Four Seasons", dieser Brückenschlag in die Jetztzeit). Oder die synthetisch und kühl wirkende Idee von Wilbrandt aus 1984, die sich irgendwie völlig vom Original zu entfernen scheint (heißt ja auch "A 'Four Seasons' Experiment"). Ja, und nun auch noch Darryl Way, der das ganze Thema in den Bereich Rock, Progressive Rock transferieren will.
Gelungen oder nicht gelungen? Nun, wenn es mit dem Frühling startet, stolpere ich sogleich über die synthetischen Drums, die einen krassen Gegensatz zum Violinen-Spiel und der grundsätzlich frischen und luftigen Spielweise (inklusive Vogelzwitschern) bilden. Das ist abschreckend, jawohl! Weder, wer dieses Plastikspielzeug programmiert hat, noch, wer überhaupt mitspielt auf der Platte, ist aufgeführt, so dass man annehmen muss, es ist ein völliger Alleingang von Way, alles Konserve, alles programmiert. Spielt er nur die Solo-Violine oder spielt er alle Streicherparts?
Summa summarum – aus meiner Sicht ein völlig gescheiterter Versuch, das Konzert von Vivaldi neu zu beleben. Hierzu hätte es echter Musiker bedurft, hier hätte man mehr Leidenschaft, Herzblut und Enthusiasmus einbringen müssen, so wirkt das alles blutleer und einfallslos. Rockende "Vier Jahreszeiten" sind dieses sicher nicht, allenfalls ist das geeignet als Fahrstuhlmusik oder Musik für Supermärkte oder Telefonwarteschleifen.
Schade, denn angesichts der letzten Produktionen von Way glaubt man so langsam nicht mehr an ihn, der einst die Musikgeschichte mitschrieb mit Curved Air oder Darryl Way’s Wolf. Wer es also wirklich neu und interessant möchte, sollte sich "Vivaldi, The New Four Seasons" von Nigel Kennedy zuwenden. Doch Darryl Way sieht das offensichtlich anders, lauten seine abschließenden Worte im Booklet: »…but I am very proud of the way it has turned out«.
Line-up Darryl Way:
Darryl Way (violin plus?)
Tracklist "Four Seasons In Rock":
- Allegro (in E major)
- Largo E Pianissimo Sempre (in C# major)
- Allegro Pastorale (in E major)
- Allegro Non Molto (in G minor)
- Adagio E Piano – Presto E Forte ((in G minor)
- Presto (in G minor)
- Allegro (in F major)
- Adagio Molto (in D minor)
- Allegro (in F major) (in F minor)
- Allegro Non Molto
- Largo (in Eb major)
- Allegro (in F minor)
Gesamtspielzeit: 41:18, Erscheinungsjahr: 2018



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