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Dickey Betts & Great Southern / Live At Rockpalast 1978 & 2008

Dickey Betts & Great Southern - "Live At Rockpalast 1978 & 2008" - CD + DVD-Review

Was für den einen Joe Bonamassa ist, ist für den anderen Warren Haynes. Und was für den dritten Jimmy Page ist, ist für den vierten vielleicht Jeff Beck. So könnte man ganz sicher noch sehr viele weitere Namen ins Spiel bringen, da es bekannterweise unglaublich viele großartige Gitarristen im Rock-Business gibt. Wer mir mit seinem Spiel allerdings immer die Schuhe auszieht (und in schwachen Momenten geradezu Tränen in die Augen treibt), ist der ehemalige Allman Brothers Band-Gitarrist Dickey Betts. Stolze zwei Mal (in zwei Jahren) durfte ich den Mann vor etwa 15 Jahren in einem kleinen Club auch auf der Bühne erleben und diese Konzerte kann ich auch heute noch als nichts anderes als wahre Freudenfeste bezeichnen. Aber um auf das hier zu reviewende 3 CD + 2 DVD-Set zu sprechen zu kommen: Nachdem sich die Allman Brothers Band im Jahr 1976 zum ersten Mal offiziell getrennt hatte, musste es für die einzelnen Bandmitglieder natürlich irgendwie weitergehen. Der gute Dickey Betts fackelte nicht lange, stellte sich eine neue Band zusammen und veröffentlichte in der Folge als Dickey Betts & Great Southern mit dem gleichnamigen Debüt (1977) sowie "Atlanta’s Burning Down" (1978) zwei Studioalben.

Der vor kurzem verstorbene Peter Rüchel (R.I.P.) sowie Christian Wagner hatten gerade die legendären Rockpalast-Nächte so richtig ins Rollen gebracht und für Samstag, den 04. März 1978 standen auch Dickey und seine Mannen für ihr Europa-Debüt auf dem Line-up. Nachdem Mother’s Finest den Abend mit ihrem legendären Auftritt eröffnet hatten, musste erstmal nachgelegt werden. Was einen alten Veteranen aber nicht weiter verunsichert, wie Betts direkt beim ersten Track "Run Gypsy Run" deutlich machte. Und selbst, wenn hier die Maschine noch nicht zu 100 % geölt ist, hinterlässt die Band hier schon mal eine eindeutige Marke. War der Opener die einzige Nummer des Debütalbum, so folgten mit "You Can Have Her", "Leavin' Me Again", "Back On The Road Again", "Dealin' With The Devil" sowie "Good Time Feelin'" im Verlauf des Abends gleich fünf Stücke des zweiten Werkes. Bereits bei "You Can Have Her" geht dann so richtig die Post ab und sowohl der Frontmann als auch Great Southern starten so richtig durch. Nicht nur Dickey, sondern auch alle anderen sind bestens in Form und feuern ein wahres Feuerwerk an Soli ab, beeindrucken darüber hinaus durch ihr powervolles und tightes Spiel.

Ob Songs wie "Leavin' Me Again" oder "Dealin' With The Devil" Highlights im Schaffen von Dickey Betts waren, sei jetzt einfach mal dahin gestellt, dafür gehen aber "Back On The Road Again" und vor allem "Good Time Feelin'" als Gewinner auf ganzer Linie durchs Ziel. Außerdem hatte der Protagonist ja auch noch ein paar (von ihm komponierte) Allman Brothers-Stücke in der Hinterhand. Zunächst wurde "In Memory Of Elizabeth Reed" gezockt, bei dem sich jeder Musiker mal im Alleingang austoben durfte. Dann war da natürlich das geniale "Jessica", das hier in einer 13-minütigen Version vertreten ist. Vom ersten Schwanengesang ("Win, Lose Or Draw", 1975) seiner ehemaligen Band stammt "High Falls", das es hier sogar auf eine knappe halbe Stunde Spielzeit schafft und nicht fehlen durfte natürlich auch der (einzige Nr. 1-) Hit "Ramblin' Man". Was für ein geiles Gitarrenstück, dem dazu auch noch der unheimlich eingängige Gesang die Krone aufsetzt. Das ist einfach nur großartig und dem Verfasser dieser Zeilen wird es schon wieder etwas feucht in den Augenwinkeln.

Hier wohl erstmalig veröffentlicht ist wohl die Zugabe der die Rockpalast-Nacht beendenden Band Spirit, für die Dickey Betts noch einmal für einen über 17-minütigen Jam auf die Bühne kam. Sehr cool, selbst wenn Betts beim Betreten der Bühne schon etwas 'angeschlagen' aussieht (was hatte der wohl in den Stunden nach seinem Auftritt so getrieben?) und anschließend auch eher von der Bühne taumelt, statt geht. Seis drum, auf der Bühne und während dem Jam war er voll da.

Ende 1978 stand dann aber die (vorübergehende) Versöhnung von Dickey Betts und Gregg Allman (R.I.P.) an, was den Weg für eine Allman Brothers Band-Reunion frei machte. Der Gitarrist war jedoch so von seinen Jungs bei Great Southern überzeugt, dass er 'Dangerous' Dan Toler für die zweite Gitarre, David Godflies am Bass und später (nachdem er Jaimoe bei den Brothers gefeuert hatte) auch David 'Frankie' Toler (drums) mit zu den Allman Brothers nahm.

Es dauerte genau dreißig Jahre, bis Dickey Betts & Great Southern erneut zu Gast im Rockpalast waren. Davor lagen zwei Reunionen der Allman Brothers, bevor der dort im Jahr 2000 endgültig gefeuert wurde. Great Southern war komplett anders besetzt und überrascht mit Dickeys Sohn Duane Betts an der zweiten Gitarre. War der Bandleader in 'meinen' US-Clubkonzerten noch mit lediglich einem Drummer (Frankie Lombardi) aufgetreten, so hatte er hier mit James Vanardo wieder einen zweiten Mann an der Schießbude dabei. Ansonsten hatte er in Person von Michael Kach (keyboards, vocals) und Pedro Arevalo am Bass bis auf eine Ausnahme seine Stamm-Musiker mit dabei. Lediglich der dritte Gitarrist 'Dangerous' Dan Toler musste im letzten Moment passen und wurde durch Andy Aledort ersetzt.

Dieses Konzert vom 19. Juli 2008 ist ein Gewinner von der ersten bis zur letzten Sekunde. Nicht ganz überraschend sieht man dem doch sehr gealterten Dickey Betts seinen etwas, ähem, ungesunden Lebensstil doch deutlich an und auch die Stimme hat im gereifteren Alter deutlich Federn lassen müssen. Aber sie ist immer noch da und nimmt der einhundertminütigen Performance nichts weg. Mit "Statesboro Blues" geht die Band gleich in die Vollen, Michael Kach lässt gesanglich nichts anbrennen, Andy Aledort zaubert mit dem Slide-Röhrchen und der ganzen Kapelle ist die pure Spielfreude auf die Stirn geschrieben. Abgesehen von drei Titeln aus Soloalben (superb sind hier vor allem "Nothing You Can Do" sowie das balladeske "Get Away") besteht der Rest aus dem Fundus der Allman Brothers Band. Wobei all diese Stücke (außer "Statesboro Blues") wohlgemerkt auch von Dickey Betts geschrieben wurden. Ganz nah am Wasser gebaut ist der Rezensent spätestens bei dem göttlichen "Blue Sky", während ihm sein Lebensabschnitt in den US of A nochmal wie ein Film vor dem geistigen Auge abläuft. Michael Kach erweist sich ein ums andere Mal als spitzenmäßiger Tastenmann und auch Duane Betts bekommt immer wieder Raum, um hervorragende Soli einzustreuen.

Erwartungsgemäß gibt es in Form von "Jessica" (erneut knapp 13 Minuten), "Ramblin' Man" sowie "In Memory Of Elizabeth Reed" (knapp zwanzig Minuten!) ein paar Dopplungen zur 1978er Show, was auf diesem Qualitätslevel aber kaum stört, sondern vielmehr jede Menge Laune macht. Sehr gefreut hat mich auch die Hammer-Nummer "No One To Run With" vom 1995er Allmans-Album "Where It All Begins", die ich immer schon sehr gerne mochte, von den Brothers allerdings noch nie in einer Live-Version gehört habe. Und ohne dem guten Michael Kach etwas ankreiden zu wollen, fällt aber speziell bei diesem Titel nochmal besonders auf, was für ein powervoller und spezieller Sänger Gregg Allman tatsächlich war.

Aber wie dem auch sei, beide Konzerte sind ganz großes Kino. Hat der erste Gig echten Kultcharakter, so gefällt mir der zweite aus 2008 musikalisch fast noch eine Spur besser. Nachdem sich mein ehemaliger Kollege Steve in seinem Review aus dem Jahr 2010 noch gewundert hatte, warum damals die CDs und DVDs extra statt in einem Set veröffentlicht wurden: Here it is, ladies and gentlemen, stolze drei CDs und zwei DVDs mit wundervoller, kraftvoller, gefühlvoller, mitreissender und zeitloser Musik in einem Package. Wenn das jetzt kein Tipp ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter!


Line-up Dickey Betts & Great Southern:

DVD 1 – Grugahalle, Essen – March 4th 1978:

Dickey Betts (lead & rhythm guitars, lead vocals)
'Dangerous' Dan Toler (rhythm & lead guitars)
Michael Workman (keyboards)
David Goldflies (bass)
Dani Sharbono (drums & percussion)
David Toler (drums & percussion)

DVD 2 – Museumsplatz, Bonn – July 19th 2008:

Dickey Betts (lead & rhythm guitars, lead vocals – #2,3,7,10)
Duane Betts (rhythm & lead guitars)
Andy Aledort (rhythm guitar, slide guitar)
Michael Kach (keyboards, background vocals, lead vocals – #1,4,5,9)
Pedro Arevalo (bass)
James Vanardo (drums)
Frankie Lombardi (drums, background vocals)


Tracklist "Live At Rockpalast 1978 & 2008":

CD 1 – Grugahalle, Essen – 1978:

  1. Run Gypsy Run
  2. You Can Have Her
  3. Leavin' Me Again
  4. Back On The Road Again
  5. In Memory Of Elizabeth Reed
  6. Good Time Feelin'
  7. Dealin' With The Devil
  8. Jessica

CD 2 – 1978 & 2008:

  1. High Falls (incl. drum solo)
  2. Ramblin' Man
  3. If I Miss This Train/Rockpalast Jam (Spirit feat. Dickey Betts)
  4. Statesboro Blues (Bonn, 2008)
  5. Nothing You Can Do (Bonn, 2008)
  6. Blue Sky (Bonn, 2008)
  7. Get Away (Bonn, 2008)

CD 3 – Museumsplatz, Bonn – 2008:

  1. One Way Out
  2. Jessica
  3. Having  Good Time
  4. In Memory Of Elizabeth Reed
  5. No One To Run With
  6. Ramblin' Man

DVD 1 – Grugahalle, Essen – March 4th 1978:

  1. Run Gypsy Run
  2. You Can Have Her
  3. Leavin' Me Again
  4. Back On The Road Again
  5. In Memory Of Elizabeth Reed
  6. Good Time Feelin'
  7. Dealin' With The Devil
  8. Jessica
  9. High Falls (incl. drum solo)
  10. Ramblin' Man
  11. If I Miss This Train/Rockpalast Jam (Spirit feat. Dickey Betts)

DVD 2 – Museumsplatz, Bonn – July 19th 2008:

  1. Statesboro Blues
  2. Nothing You Can Do
  3. Blue Sky
  4. Get Away
  5. One Way Out
  6. Jessica
  7. Having A Good Time
  8. In Memory Of Elizabeth Reed
  9. No One To Run With
  10. Ramblin' Man

Gesamtspielzeit: 58:06 (CD 1), 80:11 (CD 2), 59:48 (CD 3), 115:00 (DVD 1), 100:00 (DVD 2), Erscheinungsjahr: 2019 (1978, 2008)

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
Über mich
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Mail: markus(at)rocktimes.de

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