Annähernd zehn Jahre hat sich die amerikanische Band Discipline aus Detroit Zeit für ihr neues Studiowerk gelassen. Zeit die sich gelohnt hat, denn "Breadcrumbs" begeistert auf voller Linie. Die Band gilt laut Aussagen im Web als Prog-Institution, was beweist, wie viele Gruppen da draußen musizierend durch die Lande ziehen, die man nicht kennt. Genauer gesagt: die ich nicht kannte.
Zumindest Disciplines Mastermind Mathew Parmenter taucht in den Tiefen des RockTimes-Archivs an einigen Stellen in Artikeln von ehemaligen Kollegen und Prog-Liebhabern auf.
Da haben wir es, denn meine Prog-Helden stammen zum größten Teil aus Zeiten, die weiter zurückliegen als das Gründungsdatum der Band Discipline, das ins Jahr 1987 fällt. Nichtsdestotrotz schielt aber gleich das 17-minütige Prog-Monster "Breadcrumbs" genau in die Zeit, als eine DER britischen Progbands noch eine Institution war. Genesis, um genau zu sein und datiert auf Anfang der 1970er. Nach einem spannenden Keyboard-Intro machen die Parmenter-Brüder Mathew und Harry mit ihren Mitstreitern Chris Herin und Mathew Kennedy klar, wieso sie einen Ruf als Prog-Institution haben.
Vertrackte Rhythmen und der dazu adäquate Gesang legen sich in die Gehörgänge und gemahnen hier und da an die genannten Progger von der Insel, als diese noch mit hochkomplexen Songstrukturen begeisterten und an die spätere Mainstream-Schiene noch nicht zu denken war. Im Verlauf der Prog-Fahrt wird das Gleis gewechselt und wir hören hochmelodischen Art Rock, der hier und da an ein weiteres britisches Urgestein reflektiert. Herrliche Melodiebögen und atemberaubende Arrangements wechseln die Szenerie mit Prog-Strukturen und wenn das Gitarrenspiel einsetzt, scheint alles perfekt und nicht besser zu machen.
Aber es wird noch besser und auch klar, dass Discipline ihre Hausnummer gut sichtbar angebracht haben, denn ansonsten hätte ein Mann wie Terry Brown wohl schwerlich die Produktion des Albums übernommen, stehen doch Bands wie Rush, Fates Warning oder Cutting Crew in seinen Auftragsbüchern.
"Keep The Chance" knüpft erst einmal an die Tugenden der vergangenen siebzehn Minuten an und dann, wenn die Gitarre ihren Ausritt hat, höre ich eine Melange aus Lynyrd Skynyrd und Catawompas; instrumental, als auch gesanglich. Das hat absolute Top Klasse und diese Nummer ist bis jetzt DER Anwärter auf meinen Song des Jahres. Southern Rock-Feeling auf einem Prog-Album. Ich bin begeistert.
"When The Night Calls To Day" wendet sich wieder mehr dem Prog zu und besticht, ja betört durch einen stoischen Rhythmus, der Pianoanschläge begleitet und irgendwo einen leichten Jazz-Anstrich hat. Dieses hämmernde Klavier, das ab und an mit einer Orgelwelle geduscht wird, sowie der repetitive Grundtenor ziehen einen in den Bann und wenn gegen Ende der Komposition etwas 'Unruhe' in die Geschichte kommt, dann fragt man sich, wieso?
Die Antwort ist ganz einfach, denn eigentlich ist es kein Ende, da es nahtlos in "Aloft" übergeht, in den Track, der für mich neben "Keep The Chance" ein weiterer Kandidat für einen Song des Jahres abgibt. Die vier Musiker starten proggig vertrackt mit führendem Bass und Piano und leichter Jazznote. Die Gitarre wächst aus dem wachsenden Geflecht ans Licht und übernimmt immer mehr die Rolle des bestimmenden Instruments. Verspielt und perlend umwebt sie das Geschehen und plötzlich macht ihr die Violine Konkurrenz und dringt äußerst angenehm in des Hörers Lauscher. Ein großartiges Songkonstrukt, das sich immer mehr zu einem affenstarken Jam entwickelt. Was für eine Nummer, ja was für eine Platte.
Der Elfminüter "Aria" knüpft wieder an alte Prog-Weisen aus dem letzten Jahrtausend an. Gewaltig die Atmosphäre, die da aufgebaut und zelebriert wird. Pink Floyd, Marillion, King Crimson kommen spontan in den Sinn. Die Violine, die Tasten, der Gesang, die Gitarre – alles ist mit dem Bau einer großen Theaterhalle beschäftigt, deren Fundament ohne jedwede Schwäche von Bass und Schlagzeug stark und protzig auf die Bausteine wartet. Man kann fast von einer Suite sprechen. Absolut melodisch und perfekt in Szene gesetzt, zeigt die Band, was Prog im Jahr 2025 so alles kann: an alte Prog-Götter anlehnen, aber dabei neu klingen. So wie jetzt in den letzten Minuten ein jazziges Klavier durch die Szene perlt.
Mein lieber Mann, dieses Album fasziniert. Von wegen 'Paniermehl', das ist 1150er …
Line-up Discipline:
Chris Herin (electric guitar)
Mathew Kennedy (bass guitar)
Henry Parmenter (drums)
Mathew Parmenter (vocals, keyboards, acoustic guitar, violin)
Tracklist "Breadcrumbs":
- Breadcrumbs (16:56)
- Keep The Chance (7:06)
- When The Night Calls To Day (5:28)
- Aloft (7:46)
- Aria (10:40)
Gesamtspielzeit: 46:56, Erscheinungsjahr: 2025


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