«

»

Drivin N Cryin / Live The Love Beautiful – CD-Review

Drivin N Cryin - "Live The Love Beautiful" - CD-Review

Dass es im Leben an sich und im Musik-Business speziell keine Garantien gibt, wissen wir momentan wohl alle. Die amerikanische Band Drivin N Cryin (die sich mal mit und mal ohne Hochkommata schreibt) kam in der ersten Hälfte der achtziger Jahre zusammen und konnte relativ schnell schöne Achtungserfolge auf dem College Circuit und somit auch bei den Album-Verkäufen aufweisen. Aber selbst zu Zeiten ihres bisher erfolgreichsten Albums "Fly Me Courageous" aus dem Jahr 1991 war die Wertschätzung ihres Labels Island Records für die Combo doch recht durchwachsen, die Beziehung immer etwas unterkühlt. Der Vertrag lief etwa zwei Jahre später aus und die Albumveröffentlichungen wurden anschließend sporadisch. Der einzig realistische Schlachtplan der Band um den Gitarrist und Sänger Kevin Kinney schien 'Immer weiter machen!' zu sein und so wurden eisern – ohne nach rechts oder links zu schauen – all die Jahre auch ohne neue Platte sämtliche Bühnen beackert, die nicht schnell genug auf den Bäumen waren.

Tatsächlich hat es ganze zehn Jahre gedauert, bis nun der Nachfolger der 2009er-Scheibe "(Whatever Happened To The) Great American Bubble Factory" auf den Plan getreten ist. Mir war die Band bisher ebenfalls völlig unbekannt und dennoch kann ich nur mit wehenden Fahnen bescheinigen: Und WAS für ein Nachfolger! Wenn man sich den Albumtitel des Vorgängers nochmal zu Gemüte führt, ist eigentlich schon naheliegend, dass Mr. Kinney mit dem amerikanischen Traum, dem Mythos bzw. Gerücht, dass die USA das Land der Freiheit und großen Chancen sind, nicht mehr allzu viel anfangen konnte. Und genau in diese Kerbe schlägt auch der Opener "Free Ain’t Free". Wird den amerikanischen Kindern bereits im Kindergarten (und falls nicht, dann allerspätestens ab dem ersten Schultag) in die Hirnwindungen eingepflanzt, dass sie sich im 'Land of the Free' befinden und dort jeder die Freiheit hat, zu tun und lassen sowie seine Meinung frei zu äußern, so endet diese Freiheit spätestens doch dann, wenn (an welchem Punkt auch immer) die Staatsgewalt ins Spiel kommt.

Musikalisch beginnt die Nummer im beschwingten Midtempo, während Kevin Kinney mit dunklerer Stimme aus dem Leben einer Frau erzählt, der vom Schicksal übel mitgespielt wurde und die plötzlich eben gar nicht mehr so sehr frei ist, wie ihr immer erzählt wurde. Plötzlich setzt ein Hammer-Gitarren-Lick ein und der Frontmann teilt mit einer um etwa eine Oktave höheren und deutlich hörbar wütenden Stimme mit, dass 'Free' eben nicht immer wirklich 'Free' bedeutet. Dramatisch absolut klasse gemacht, aber während man hier schon anerkennend nickt, sich danach das Strophen- und Refrain-Muster wiederholt, schaltet die Band anschließend nochmal zwei Gänge höher und es geht mit Volldampf in den dritten Part des Tracks. Genial. Alleine dieses Stück lohnt bereits den Erwerb des Albums. Aber dann kommt "I Used To Live Around Here", ein bärenstarker Groove-Rocker, der ein Stück aus dem Leben Kinneys so bunt und mit massenhaft Feeling erzählt, dass man die Bilder zu diesem Film (gerade wenn man Ähnliches erlebt hat) deutlich vor Augen hat. Krass-geil!

Nach zwei Nummern mit komplizierterer Gefühlslage schwenkt dann ganz plötzlich die Stimmung und ein vollkommen unbekümmerter Frontmann fragt uns ganz offen ins Gesicht, was eigentlich verkehrt daran ist, glücklich zu sein. Die Frage bzw. der Text wird hier (zu einer wunderschönen Melodie) mit nahezu entwaffnender Unschuld vorgebracht, sodass man sich nach dem Genuss des Songs plötzlich selbst die Frage stellt, warum die meisten Menschen (und auch man selbst?) sich eigentlich vor allem von Negativität bzw. den unschönen Dingen im Leben steuern lassen. Aber die Stimmung wird auch wieder grauer, beispielsweise bei "Step By Step", das sich mit den ganz kleinen Schritten beschäftigt, die aus einer bestehenden Sucht (nach was auch immer) wieder herausführen. Dunkel und hell, Himmel und Hölle wechseln erneut mit dem sehr positiven und lebensbejahenden Titeltrack "Live The Love Beautiful".

Und warum nicht auch mal die wahren Helden des Rock’n’Roll ehren, diejenigen, die jahrzehntelang durch die Welt getourt sind, immer geile Mucke abgeliefert haben und trotzdem immer in der zweiten Reihe geblieben sind? Im Falle von Kevin Kinney hatte dieser das Glück den Keyboarder und Pianisten Ian McLagan (R.I.P., Ex-The Small Faces, Ex-Faces und und für ein paar Jahre Tour-Pianist der Rollling Stones) kennen und mögen zu lernen. Hörbar beeindruckt von 'Mac' entstand der Song "Ian McLagan", der dem ehemaligen 'Gesicht' ein verdientes Denkmal setzt.

So, genug erzählt, dieses Album von Drivin N Cryin sollte und muss man gehört haben. Das komplette Werk ist sowohl musikalisch wie auch von den Lyrics und den Emotionen so bunt, so kontrastreich, voller guter bzw. zumindest ehrlicher und tiefer Gefühle, dass es schlicht und ergreifend jeder sich selbst ernstnehmende Musik-Fan kennen sollte. Punkt. Dicker Tipp!


Line-up Drivin N Cryin':

Kevin Kinney (acoustic & electric guitars, 12-string acoustic guitar, harmonica, lead vocals)
Laur Joamets (acoustic-, electric-, slide- & nylon string guitars)
Tim Nielsen (bass, mandolin, background vocals)
Dave V Johnson (drums & percussion, background vocals)

With:

Aaron Lee Tasjan (acostic guitars, piano, B3 organ, backround vocals)
Matt Rowlands (synthesizers)
Dan Baird (backround vocals)
Elizabeth Cook (backround vocals)
Robert Kearns (backround vocals)
The McRary Sisters (backround vocals)

Tracklist "Live The Life Beautiful":

  1. Free Ain’t Free
  2. I Used To Live Around Here
  3. What’s Wrong With Being Happy
  4. Step By Step
  5. Spies
  6. Live The Love Beautiful
  7. If I’m Not There I’ll Be There
  8. Someday
  9. Ian McLagan
  10. Over And Over
  11. Sometimes I Wish I Didn’t Care

Gesamtspielzeit: 44:16, Erscheinungsjahr: 2019

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
Über mich
Meine Beiträge im RockTimes-Archiv
News
Meine Konzerberichte im Team mit Sabine
Mail: markus(at)rocktimes.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>