Wir stehen zwar erst am Anfang eines Kalenderjahres, doch meine ich, dass wir schon jetzt von einem denkwürdigen bzw. außergewöhnlichen Konzertjahr sprechen können. Das hat weniger mit der Qualität der zahlreichen Veranstaltungen zu tun. Vielmehr müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass immer mehr Konzerte abgesagt werden. Die Lungenkrankheit Covid-19 hat uns fest im Griff. Aufgrund des Coronavirus werden rund um den Globus reihenweise Gastspiele storniert. Schon seit mehreren Tagen geht es nicht mehr um die Frage, welche Veranstaltungen ausfallen. Wir müssen uns fragen: Welches kulturelle Ereignis findet überhaupt noch statt?
Wie auch beim Fußball, so höre ich, bezogen auf die Musik, immer wieder den Hinweis: Es geht reinweg um Vorsichtsmaßnahmen und schließlich gibt es wichtigere Dinge im Leben als Sport und Kultur. Wohl wahr. Doch wer kann angesichts mehrwöchiger Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten sowie weiterer strenger Auflagen noch einschätzen, auf welcher Position wir uns befinden, wenn wir uns eine Skala vorstellen, die von reiner Vorkehrung und Schutz bis hin zu Massenhysterie reicht?
Der Start in mein Konzertjahr begann regional und verheißungsvoll mit dem jazzy-duo aus Arnstadt. Ich erlebte die Musiker aus Thüringen am 11. Januar im Theater ihrer Heimatstadt. Es war ein emotionaler Abend mit herzlichen Begegnungen. Völlig entspannt verlief auch das Konzert mit Stoppok am 07. März in Leipzig: Ein komplettes Wochenende ohne einen Hauch Corona.
Die darauffolgende Woche sollte die Weichen völlig anders stellen: Besagte Schließungen und Absagen gab es im Stundentakt.
Das Konzert von Doro im Jenaer F-Haus am 31. März sollte meine erste Absage im Kalender werden. Die Verfügung der Stadt Jena, alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Besuchern bis 19. April abzusagen, überraschte mich nicht. Tarja am 18. April in Leipzig sehe ich ebenfalls als gefährdet an.
Liegt nun der Juli in weiter Ferne oder nur einen Steinwurf weit entfernt von der aktuellen Gefahrenlage? Die Bands Saxon und Judas Priest am 10. Juli und Lynyrd Skynyrd am 11. Juli, jeweils auf der Peißnitzinsel in Halle/Saale, hatte ich mir schon seit langem dick im Kalender angestrichen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob sich die Lage bis dahin global tatsächlich entspannt hat. Selbst das Jazzfestival im November in Dresden mit Al Di Meola und meinen Ausflug im Dezember nach Wien zu Nightwish sehe ich noch nicht im sicheren Hafen. Panikmache oder Realitätssinn? Nach Panik stand mir noch nie der Sinn.
Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, als RockTimes-Autor meine CD-Besprechungen gelegentlich mit Konzertberichten aufzulockern. Die auserwählten Konzerte bescheren mir Wochen bzw. Monate im Vorfeld Vorfreude pur. Gewissermaßen herrscht bei mir dadurch das komplette Jahr ein Gefühl wie zu Weihnachten. Nicht zuletzt gehören Stadtbesichtigungen und Museumsbesuche bei mir zu jedem Konzertaufenthalt. Deshalb buche ich solche Veranstaltungen nur an den Wochenenden oder im Urlaub. Zusammengefasst gilt auch hier das Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts. Mein Hobby lebe ich an dieser Stelle intensiv aus. Ich lasse mir meinen Spaß auch einiges kosten, gebe ich zu.
Diese Vorfreude ist mir in diesem Jahr genommen worden. In 55 Lebensjahren habe ich eine solche Situation noch nicht erlebt. Ich begegne der Lage bislang entspannt, glücklich bin ich darüber natürlich nicht.
Bei RockTimes sind wir nach langem Meinungsaustausch mehrheitlich zu der Überzeugung gelangt, auf das Ankündigen von Terminen vorübergehend zu verzichten. Unser Redakteur Ulli hat dazu in der aktuellen Kolumne Rocktimes und COVID-19 die passenden Worte gefunden.
Ich habe aber große Zweifel, dass tatsächlich jedes Konzert nachgeholt werden kann, so wie es jetzt überall den Anschein hat. Ich halte es aus logistischen Gründen für ausgeschlossen, dass jede Tour und jedes Festival in vollem Umfang wiederholt wird. Das funktioniert schon aus Kapazitätsgründen der Hallen bzw. Säle nicht. Dafür sind einfach zu viele Veranstaltungen von Absagen betroffen.
Inzwischen gibt es rund um die Absagen von kleineren und großen Konzerten verschiedene Hilfsaktionen. Dazu gehört eine noch nie dagewesene Solidaritätsbewegung unter Kunstschaffenden der Folkmusik-Szene. Sie haben in der schweren Krise zusammen gefunden und rufen unter dem Motto »Ticket behalten. Existenzen bewahren« Musikfans zur Unterstützung auf: Schließlich haben nicht alle Veranstalter den langen Atem, notwendige Rücklagen zu bilden und Corona zu trotzen.
Jeder von uns wird dieses Jahr anders erleben, weil bei ihm/ihr der Fokus bei Konzerten unterschiedlich sitzt. Allerdings denke ich, vereint uns die Erfahrung, dass es kein gewöhnliches Konzertjahr bleiben wird.



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