… am 17. März 1966 öffnete im kleinen Städtchen Langelsheim am Nordrand des Harzes der Beat Club.
Was zu dieser Zeit noch niemand ahnen konnte, dass damit eine der bedeutendsten und langlebigsten Musik Clubs der Region geboren war. Am wenigsten wohl der 23 jährige Werner 'Wenne' Liebig, als er den Saal des ehemaligen Hotels Braunschweiger Hof umfunktionierte und die aktuellen Sounds damit in die niedersächsische Provinz holte.
Von nun an gab es alle vier Wochen, später dann vierzehntäglich Beat Konzerte auf die Ohren der Jugendlichen aus der Umgebung. Schnell sprach sich diese Tatsache rum und die wichtigsten Bands dieser Musikrichtung, wie z. B. The Lords aus Berlin, The Rattles aus Hamburg und später Wonderland mit Achim Reichel liefen in Langelsheim auf.
Als sich die Chance für Wenne bot, das ehemalige Astoria Kino auf der anderen Straßenseite zu übernehmen, schlug er, angetrieben von der guten Resonanz zu, und zog mit dem Beat Club um.
Die Neueröffnung ging am 1. März 1969 über die Bühne und ermöglichte es 'dem Dicken' an jedem Wochenende Konzerte zu veranstalten. Außerdem dauerte es nicht lange, dass an jedem Wochentag, bis auf einen Ruhetag, regelmäßiger Kneipenbetrieb stattfand.
Da sich inzwischen auch die angesagte Musik geändert hatte, passte man sich natürlich dem Geschmack der Jugendlichen an. Von nun an stand der Rock in allen seinen Variationen im Mittelpunkt des Geschehens. Und auch da dauerte es nicht lange, bis sich die internationalen Topacts die Klinke in die Hand gaben. Viele Bands verbanden ihre Fernsehauftritte im Beat Club von Radio Bremen mit Livegigs in Langelsheim. Namen wie Deep Purple, Free, Steamhammer, Rory Gallagher, Thin Lizzy, Golden Earring, Colosseum, Status Quo, um nur Einige zu nennen. Zudem waren Gruppen wie Nektar und Epitaph sowas wie die Hausbands des Clubs, und die Scorpions begannen mit unzähligen Auftritten im Beat Club ihre Weltkarriere.
Auch denkwürdige Konzerterlebnisse gab es etliche im Laufe der Zeit. So vergaß die Edgar Broughten Band nach ihrem Auftritt einen Sarg auf der Bühne, der zum Bühnenequipment gehörte, und Wenne hatte ein Andenken mehr in seiner Sammlung. Beim Konzert von Ton, Steine, Scherben wollte Sänger Rio Reiser mittendrin über Politik diskutieren, was nun so gar nicht im Sinne des Hausherren war und er die Band mit diversen Drohungen 'überzeugte', dass das keine gute Idee war. Die Folge war, dass sich Wenne eine erregte Diskussion mit Claudia Roth, der damaligen Managerin der Gruppe lieferte und sich schließlich durchsetzte. Die amerikanische Band Mama Lion überzog die Pause um eineinhalb Stunden und wollte danach wieder auf die Bühne zurück. Doch Wenne hatte dem ungeduldigen Publikum inzwischen das Eintrittsgeld zurück gezahlt. Und so war der Auftritt vorzeitig beendet. Besonders erwähnenswert ist auch noch, dass am 22. Juli 1972 der letzte Gig von Frumpy im Beat Club stattfand, bevor sich die Band auflöste.
So wurde der Beat Club Langelsheim zu einer festen Adresse in Sachen Livemusik. Bis zum Ende der Siebziger Jahre hielt dieser Trend unvermindert an. Doch dann kam die Diskowelle in Gang, und die Musik lief fast ausschließlich noch vom Band. Doch auch das konnte Wenne nicht aus der Ruhe bringen.
Der Beat Club wurde zur Disko und auch wieder von den Jugendlichen gut angenommen.
Am Anfang des neuen Jahrtausends gab es dann noch einmal eine Rückkehr zur Livemusik. So starteten Lake ihre Reuniontour in Langelsheim, die Hamburg Blues Band trat mit den inzwischen leider verstorbenen Dick Heckstall Smith und Mike Harrison im Beat Club auf, und das Dylan Project gab eine tolle Kostprobe ihres Könnens ab. Doch die Zeiten der handgemachten Musik war in der Region offenbar vorbei. Das Publikumsinteresse hielt sich doch in Grenzen, und so wurden weitere Konzerte endgültig ad acta gelegt.
Am 14. Dezember 2019 war dann Schluss mit dem Beat Club. Werner Liebig machte nach 53 Jahren die Türen endgültig zu. So endete die Geschichte des langlebigsten Musik Clubs Deutschlands unter einem Besitzer, und Langelsheim hatte eine Kultstätte weniger, die mein jugendliches Leben wie keine andere Location geprägt und beeinflusst hat.





4 Kommentare
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Gerd
23. Juli 2022 um 12:40 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hoyer5060
Ich war 14 als der BeatClub begann und es war meine Zeit. Ich habe alle Bands live gesehen, auch die großartigen Festivals erlebt. Meine Musik wurde besonders durch einen Gig von Brian Augers Oblivion Express und den Cops & Robbers geprägt. Seit dieser Zeit habe ich meine Liebe zur E-Gitarre gefunden und spiele heute mit 70 immer noch laut und gern.
Was für eine geile Zeit.
Mario Keim
23. Juli 2022 um 19:22 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hallo Gerd,
was für eine tolle Botschaft. Schön zu lesen. Sie passt hervorragend in meine Vorfreude: Heute in einer Woche Judas Priest, zuletzt am 15. Juli Deep Purple. Beide Male Halle an der Saale. Die Knaben sind je auch schon volljährig (Ü 70):-). Beim Bandalter sind sie ebenfalls jeweils Ü 50. Ich habe einen Nachbarn, der probt einmal in der Woche in unserer lokalen Musikschule Schlagzeug. Einmal im Jahr trifft er sich mit ehemaligen Kameraden zum Konzert. Es gibt 1000 solcher Beispiele. Du zeigst uns und den Lesern, was Dir Musik bedeutet und wie sie Dich beflügelt, wie sie Dir Lebensinhalt geworden ist. Letztlich steht Musik für eine besondere Lebensqualität. Ich finde: Da kommt nichts drauf! Ich wünsche Dir weiterhin viele schöne Erlebnisse rund um die Musik. Bleibe uns gewogen und bleibe vor allem schön gesund, lieber Gerd. Alles Gute.
LG Mario
RT-Jürgen
21. März 2022 um 20:02 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Ja, die siebziger Jahre waren schon eine sehr interessante musikalische Zeit. Nicht umsonst sind viele Bands immer noch hoch angesehen und genießen bis heute einen sehr guten Ruf, was allein schon die Publikumszahlen zeigen, die bei Gigs der übrig gebliebenen Gruppen dieser Aera beweisen.
Allerdings sind auch in der Gegenwart etliche Bands unterwegs, die die alten Sounds, besonders im Blues- und BluesRock-Bereich übernommen und weiterentwickelt haben.
Kieran White
20. März 2022 um 17:27 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Ich war noch zu jung für Beatclub, geboren 1960. Aber ich – in Braunschweig aufgewachsen und meistens da gelebt- hatte damals einen Nachbarn, den Ulli, der regelmäßig dorthin zu Konzerten fuhr und so in den Genuss von Steamhammer, Colosseum oder Nektar etc kam.
Damals gab mir diese Begeisterung nicht viel, hörte ich doch mit 10 oder 12 die normalen Charts und stand auf Slade oder Nazareth.
Heute- ich weiss nicht, ob er noch lebt, er wäre jetzt um die 80 und man ist sich nie mehr begegnet – weiss ich, was für ein Glück er hatte ( auch angesichts der nichtssagenden Rockmusik von heute), welches Riesenglück er hatte, diese Banda gesehen haben zu können.