Die Beschleunigungstheorie zur Vernichtung!
Ach Du liebe Zeit. Kommt da schweres Geschütz auf uns zu? In Zeiten von Viren und regionalen Kriegen mit einem erheblichen globalen Zündelfaktor mag eine düstere Version, wenngleich hier aus dem Reich der Science Fiction und der so oft beschworenen Aliens, den Nerv des Freundes endzeitlicher Szenarien und Visionen treffen. Geplant war diese thematische Konvergenz sicher nicht.
Dass Dave Kerzner, der Mastermind der Band, zu den Großen im Prog-Rock gehört, ist jedem bewusst, der sich mit dieser Musik näher befasst und die Liste seiner musikalischen Partner ist lang und bedeutend, Kollaborationen mit Genesis, Keith Emerson oder Tom Waits (um nur einige besonders geschätzte Mitspieler zu nennen) gehören genauso zum Team der Vergangenheit wie zum Beispiel die großartigen Schlagzeuger Nick D’Virgilio von Spock’s Beard oder der Tausendsassa Marco Minnemann auf diesem Album. Und dabei habe ich Daves Bandprojekt, Sound Of Contract, noch gar nicht aufgeführt. Man kann ihn getrost als eine Institution bezeichnen.
Die Story ist simpel: Aliens wollen der Erde an den Kragen, doch ein weibliches Wesen der Invasoren verliebt sich in ein Erdenmännchen und versucht zu vermitteln. Ein bisschen Independence-Day mit Love-Story?
Daves Keyboards bauen schwerlastig düstere Soundwände und Schichten und bilden sicher das Gerüst des gesamten Albums, die instrumentale Ausgestaltung ist souverän und perfekt. Der Gesang passt stimmig ins Konzept. Allein, was mir fehlt, ist ein adäquater Spannungsbogen sowohl in der Story als auch in den Songs an sich. Letztere driften irgendwie wohlklingend, aber ohne besondere Prägnanz durch den Orbit des Zuhörers, um einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu vermögen. Irgendwie treiben wir mäandernd durch den Raum und suchen nach Fixpunkten.
Vielleicht empfinde ich das so, weil mir die Kompositionen oft ein wenig eklektisch erscheinen, so wie beim Auftakt, der sanfte Erinnerungen an Marillions "Brave" wach küsst. Ein Effekt, den wir später und vorübergehend in "Know That You Are" erneut erfahren, bevor sich der Song jedoch in hinreißenden Vocals zum Höhepunkt vielleicht des gesamten Albums aufschwingt. Krachende Riffs donnern dazwischen, doch dann kulminiert der Gesang voller Inbrunst in bester Peter Gabriel-Manier. Dave legt ein einprägsames Solo dazu, der Spaßfaktor ist hier wirklich groß.
"The Path" bietet eine Breitseite an Genesis-Zitaten auf kurzer Laufzeit. Harmonien wie von "And Then There Were Three…" verbinden sich mit kurzen Elaboraten, die "Supper’s Ready" und der aufbrausenden Orgel kurz vor dem Höhepunkt entnommen sein könnten.
Stark wirkt da der Wechsel zu "In Her Cocoon" mit geheimnisvoll düsterem Duktus, um die weibliche Hauptrolle zu inszenieren. Die AlienA, diejenige, die uns retten wird? Moderne Grooves ohne weitere Höhepunkte zelebrieren ihr Dasein.
Wer die stakkatohaften kurzen Riffeinschläge in "Vampires Of The Soul" bereits mit den britischen Proggern von Arena in Verbindung brachte, wird sich in "The War Room" endgültig bestätigt fühlen, nur um im nächsten Song verwundert zu fragen: »Ist das nicht Jon Anderson, der da singt?«
Nein, ist er nicht, aber die Nummer klingt wirklich stark nach den moderneren Yes. Dave hat 2005 mit Jon zusammengearbeitet. Nick D’Virgilio war da übrigens auch dabei. Passt also.
Herzstück des Albums ist natürlich das Zwanzig-Minuten-Epos "Annihilation", die vermeintliche Vernichtung der Erde. Zurückgreifend auf die leicht melancholischen ersten Keyboard-Klänge des Openers entwickelt sich der dramatische Kampf um unseren Heimatplaneten in choralen, gegenläufigen Gesängen, die von episch schwelgenden Soundlandschaften abgelöst werden. Fast schwerelos schweben wir eine Weile durch befremdliche und ängstigende Räume. Die Furcht vor dem Bedrohlichen wird hier wirklich greifbar und stilistisch durch allerlei kriegerische Applikationen wie dröhnende Hubschraubermotoren und Sirenen verstärkt. Druckvoll dunkle Passagen mit monotonen Gesängen charakterisieren nun den Kampf, ein bisschen vergleichbar mit den stilistischen Umsetzungen der Neal Morse Band in ihren aktuellen, epischen Werken, ohne aber auch nur annähernd deren Tiefe zu erreichen.
Dafür sitzen die Stimmungswechsel und die gesanglichen Variationen, die sich im Verlauf der Nummer immer emotionaler heraus kristallisieren und hier auch instrumental sehr intensiv untermalt werden. Aber insgesamt geschieht zu wenig, um die Spannung bis zum Ende hoch zu halten. Nimmt man die hymnischen Soloausbrüche eines John Mitchell bei Arena zum Vergleich, die raffinierte Melodik wie bei IQ oder die virtuose Brillianz der Neal Morse Band, dann weiß man, was diesem Album fehlt.
Die Kompositionen sind inhaltlich stimmig und perfekt umgesetzt, keine Frage, es fehlt der letzte Aha-Effekt, der mich vollends in den Plot gezogen hätte. "Acceleration Theory Part Two: Annihilation" bietet SF-orientierte, coole progressive Musik, mehr allerdings nicht.
Dass es am Ende fast wie "Close To The Edge" ausklingt? Nennen wir es einfach mal ein Zitat.
Line-up In Continuum:
Dave Kerzner – (keyboards, vocals)
Gabriel Agudo (lead vocals)
Matt Dorsey (bass, guitar, vocals)
Randy McStine (guitar, vocals)
Nick D’Virgilio (drums)
Marco Minnemann (drums)
Fernando Perdomo (guitar, bass)
Leticia Wolf (vocals)
Jon Davison (vocals)
Michael Sadler (vocals)
Robin Schell (vocals)
John Wesley (guitar)
Ruti celli (cello)
Kaitlin Wolfberg (violin, viola)
Joe Deninzon (violin)
Tracklist "Acceleration Theory Part Two: Annihilation":
- Impending Annihilation
- You Don’t Know How It feels
- The Path
- In Her Cocoon
- AlienA Pt 2
- Vampires Of The Soul
- Made Of Stars
- Know That You Are
- The War Room
- All That Is
- Annihilation
- Interstellar Reunion
Gesamtspielzeit: 63:42, Erscheinungsjahr: 2019



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