Grundsätzlich möchte ich anmerken, dass jedem Musiker und jeder Band mein größter Respekt gebührt, wer sich in diesen schwierigen Zeiten in ein Studio begibt. Erfreulicherweise gehen diesen Schritt viele Künstler und scheuen weder Kosten noch die Frage, wann sie mit ihrem neuen Album auf Tour gehen können. Nicht zu vergessen, dass dadurch Studios ausgelastet werden und Plattenfirmen sowie Promoter weiterhin zu tun haben.
Doch lebt der kreative Prozess, der neue Titel entstehen lässt, nicht selten vom Dialog mit dem Publikum. Wie ist das Echo auf das aktuelle Material? Wo sehen die Fans den musikalischen Schwerpunkt? Wie sprechen die Texte an? Fragen, die beim Entstehen einer neuen Platte eine entscheidende Rolle spielen können.
All diese Fragen und Probleme scheinen die Musiker der Folk-Metal-Band Incantatem aus Hamburg an der Studiotür abgegeben zu haben, als es darum ging, in ihrer Heimatstadt ihr zweites Album "Katharsis" aufzunehmen. Dieses folgt auf das Erstlingswerk, "Animus et Anima" (2018). Zuvor hatte die 2012 gegründete Formation 2014 die EP "Durch die Nacht" mit fünf Titeln aufgenommen.
Selbst wenn die Hamburger dadurch über erste Produktionserfahrungen verfügen, so lässt ihr neues Werk aufhorchen. Das beginnt bei der Klangqualität der Scheibe, die in den Chameleon Studios in Hamburg aufgenommen wurde. Die Abstimmung der Instrumente und der Gesang von Sänger Malte Storjohann, der auf der CD mit jedem Wort glasklar zu verstehen ist, sind eine Freude und entsprechen in der Wahrnehmung der Qualität einer gestandenen Band.
Ganz offensichtlich hat sich hier die Zusammenarbeit mit Benjamin Lawrenz und dem Lord Of The Lost-Frontmann Chris Harms, die nach dem ersten Album erneut an den Tasten standen, bestens ausgezahlt. Bei Komposition, Arrangement und Bearbeitung war Teamwork angesagt. Hier beteiligten sich alle Bandmitglieder. Die Texte stammen, mit einer Ausnahme, von Malte Storjohann. Die Grundlage für "Loreley", eine vertonte Hommage des bekannten Gedichts, stammt vom Dichter Heinrich Heine. Ohrwurmträchtig wird die Legende der weiblichen Sagengestalt besungen.
Musikalisch geht das Album in jeder Hinsicht durch die Decke. Auffallend ist die starke Emotionalität der Stücke, die nicht zuletzt von den Texten lebt. Malte Storjohann greift auf aktuellen Stoff zurück und vermeidet es, wie im Genre oft üblich, auf historisches Material auszuweichen. Seine Texte sind meilenweit von 08/15-Botschaften entfernt. Seit ihrer Gründung setzen Incantatem ausschließlich auf deutsche Texte.
Auf ihrer Homepage bekennen sich die Norddeutschen zu modernem Folk-Metal. Das macht neugierig. Auf diesem Album breiten sie einen Soundteppich aus, der kaum Genregrenzen kennt. Ein besonderes Markenzeichen ist das Violoncello, gespielt von Johanna Heesch. Das Instrument reift oft zum Hauptakteur und trifft gleichberechtigt auf harte Gitarrenriffs. Das ist beispielsweise gut zu hören auf "Diamant". Hier ist bereits der Name des Titels Programm, denn das melodische Stück hat das Zeug, Gänsehaut zu erzeugen und ist für mich der ideale Anspieltipp. »Ein Diamant kann niemals scheinen, weil er Licht nur reflektiert«, heißt es in "Diamant". Sänger Malte Storjohann rechnet hier mit all den Blendern ab, die vorgeben, jemand zu sein, der sie in Wirklichkeit nicht sind.
Buchstäblich klassischer Folk-Metal ist auf "Hof der Wunder" und ,,Schwingen" zu hören. Auf "Hof der Wunder" wirkt als Gastsänger Eric Fish, Frontmann der Potsdamer Band Subway To Sally, mit. Die beiden Stimmen verleihen dem Stück eine einzigartige Atmosphäre.
Schon das mit 1:36 Minuten kurze Intro "Katharsis" zeigt, wohin musikalisch die Reise geht.
Nicht selten sind in den Stücken Anleihen zu Industrial und Elektro-Rock zu hören, was gesanglich in der Nähe zu Unheilig mit dessen Sänger, Der Graf, gipfelt. Fette Riffs, eine düstere Stimmung und musikalisch-dramaturgische Synthesizer-Einwürfe neben dem Cello prägen das abwechslungsreiche "Das Monster in mir".
Mein zweiter Favorit neben "Diamant" in puncto Schnelligkeit und Emotionalität ist "Zeichen". Die Uptempo-Nummer mit treibendem Doublebass richtet sich inhaltlich gegen die Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft – ein Fingerzeig und ein Aufbegehren an die Verantwortung aller Menschen auf diesem Planeten. "Trost" ist die einzige Ballade auf dem Album und als Abschluss ein gelungener Kontrastpunkt. Zu Beginn sind nur Klavier, Harfe und Gesang zu hören. Erst im Verlauf baut das Stück Dynamik auf. Cello, Synthesizer, Drums und die E-Gitarre stimmen nach und nach in die traurige Geschichte um den Tod eines geliebten Menschen ein.
Fazit: Dem Hörer begegnet auf dem Album "Katharsis" das Zusammenspiel von modernen und klassischen Instrumenten in höchster Perfektion. Die zwölf Stücke könnten abwechslungsreicher nicht sein. Hinzu kommt der angenehme und ausdrucksstarke Gesang.
Auf der Bandhomepage treten mir fünf sympathische Musiker entgegen. Mein Wunsch ist es, mich in den nächsten Zug zu setzen und das gelungene Gesamtwerk so schnell wie möglich live anzuhören. Doch an diesem Punkt wird das Dilemma der aktuellen Pandemie deutlich. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Unser Kennenlernen müssen wir einfach nur verschieben.
Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass das Artwork der CD in der Verantwortung der Bassistin Mella Winterfeld lag.
Line-up Incantatem:
Malte Storjohann (Gesang)
Christopher Ried (Gitarre)
Mella Winterfeld (Bass)
Johanna Heesch (Violoncello)
Thomas Giesel (Schlagzeug)
Tracklist "Katharsis":
- Katharsis (Intro)
- Seuche
- Loreley
- Diamant
- Hof der Wunder (Feat. Eric Fish)
- Schwingen
- Das Monster in mir
- Wie Feuer
- Zeichen
- Kinder des Krieges
- Das letzte Bild (Feat. Daniel "Barry" Brach)
- Trost
Gesamtspielzeit: 44:13, Erscheinungsjahr: 2021



Neueste Kommentare