Es war und ist seit den fünfziger Jahren (und wahrscheinlich auch davor schon) in sehr, sehr vielen Fällen so, dass junge Bands und Musiker bei ihren ersten Plattenverträgen so dermaßen von den Labels über den Tisch gezogen wurden, dass sie mit der Unterschrift unter den heiß begehrten und lang ersehnten Plattenvertrag geradezu ihre Seele für einen Appel und ein Ei verkauften. Selbst die Rolling Stones verdienten mit ihren ersten großen Hits gerade mal einen Cent pro verkaufter Scheibe. Aber das ist eine andere Geschichte, denn die schlimmste Story die zumindest ich kenne, spielte sich während der Karriere von Creedence Clearwater Revival (kurz CCR) bzw. deren Gitarrist, Sänger und Hauptsongwriter John Fogerty ab. So hatte die Band einen haarsträubenden Deal mit Fantasy Records abgeschlossen, der den Komponisten zu einer lächerlichen Anzahl von zu schreibenden Songs pro Jahr verpflichtete und alle vier Musiker trotz einem Top-Hit nach dem anderen ("Bad Moon Rising", "Proud Mary", "Down On The Corner" und wie sie alle hießen) nahezu ohne Einnahmen dastehen ließ. Um eine lange (und hochinteressante) Geschichte kurz zu machen, löste sich Creedence im Jahr 1972 auf. Von John Fogerty erschienen noch "The Blue Ridge Rangers" (1973) sowie "John Fogerty" (1975), bevor er sich für geschlagene zehn Jahre erst mal sehr rar machte.
Womit wir bei der zu reviewenden Platte, dem original im Jahr 1985 erschienenen sowie großen Comeback, "Centerfield" angekommen wären. Und wenn man sich diese so anhört, kommt man kaum daran vorbei, ein ganz breites Grinsen aufzusetzen und zustimmend im Takt zu nicken. Das klingt doch dermaßen und unverkennbar genauso wie… CCR! Alles ist hier zu finden, die so knackigen wie swampigen Gitarren-Riffs und -Licks, die rootsigen Arrangements, die bärenstarken Melodien sowie auch der einzigartige Gesang des Amerikaners. Was übrigens denjenigen nicht unbedingt überrascht der weiß, dass der Protagonist bei seiner ehemaligen Band ebenfalls bereits nahezu im Alleingang für die künstlerische Gestaltung und Ausarbeitung der Tracks verantwortlich zeichnete. Hits? Oh ja, nämlich mit "The Old Man Down The Road" sowie dem Titeltrack zwei ganz massive. Der erste läuft noch heute mit schöner Regelmäßigkeit auf den (bei weitem nicht nur deutschen) Radiostationen, während der zweitgenannte sich bereits vor Jahrzehnten zu einem nicht mehr weg zu denkenden Ritual bei den Spielen der amerikanischen Major League Baseball (MLB) entwickelt hat. Und beide Nummern haben sich ihren Status durchaus verdient.
Aber kommen wir zu den anderen, vielleicht heute nicht mehr ganz so bekannten Stücken von "Centerfield": Da wäre das ebenfalls als Single ausgekoppelte und sehr eingängige "Rock And Roll Girls", das sich erneut durch den unverkennbaren Gesang Fogertys auszeichnet sowie die mit "Mr. Greed" ("Herr Gier", ganz sicher eine Ode an den ehemaligen Fantasy Records-Chef Saul Zaentz) wohl rockigste Nummer der Scheibe. Ach ja, besagtem Herrn ist natürlich auch das Stück "Vanz Kant Dance" gewidmet, das im Original "Zantz Kant Dance" (Zaentz kann nicht tanzen", Anm. d. Verf.) hieß. Der Titel wurde dann (auch wegen der häufigen Erwähnung des Wortes 'Schwein' in den Lyrics) aber schnell geändert, um einer weiteren Gerichts-Klage durch besagte Person zu entgehen. Der Stachel und die Bitterkeit saßen verständlicherweise immer noch tief bei Fogerty, was sich unter anderem im Refrain
»Vanz Kant Dance, but he’ll steal your money
watch him or he’ll rob you blind«
(»Vanz kann nicht mal tanzen, aber wird dir deine Kohle klauen, pass gut auf, denn sonst wird er dir sogar das letzte Hemd nehmen.«) entlud.
Musikalisch eher ein verspieltes Experiment, aber das Statement lag dem guten John wohl sehr am Herzen. "Searchlight" richtet seine Flinte wieder deutlich auf den CCR-Swamp Rock der späten Sechziger und macht einmal mehr klar, wer diesen so spezifischen Sound damals eigentlich kreiert hat. "I Saw It On T.V." beschäftigt sich mit epochalen Ereignissen wie der Ermordung J.F. Kennedys oder dem ersten Menschen auf dem Mond und hätte wie so viele andere Stücke dieses Albums genau so gut auf einem Creedence-Album stehen können. Mit "Big Train (From Memphis)" greift er dann ganz tief in die Country-Kiste und wenn ich ganz tief sage, dann meine ich damit die vierziger und fünfziger Jahre. Fogerty tut dies übrigens, ohne komisch oder aufgesetzt zu wirken. Vielmehr klingt er dabei nach wie vor rau, kratzig und auch authentisch. Absolut klasse! Naja, und schließlich wäre da noch das rockige "I Can’t Help Myself", das die verdammt gute Laune auf einem hohen Level hält.
Mit "My Toot Toot" sowie "I Confess" (beides Single-B-Seiten und nicht aus der Feder Fogertys) sind hier auch Bonus-Tracks vertreten, die schon auf der 2010er-Neuauflage der Scheibe zu finden waren. Das erste Stück ist eine coole Cajun-/Zydeco-Nummer mit Akkordeon, unheimlich schmissiger Melodie, einem Saxofon-Solo und einer in die Beine gehenden Rhythmik. Der zweite Titel ist deutlich im Gospel verwurzelt, selbst wenn es nach etwa 45 Sekunden deutlich rock’n’rolliger wird. Feine Ergänzungen.
Wenn man an dieser Scheibe einen Schwachpunkt finden will und kann, dann vielleicht den, dass die Einspielung der Musik manchmal etwas 'klinisch' klingt. Vielleicht weil der Kalifornier sämtliche neun Titel ohne Hilfe eines weiteren Mitmusikers eingespielt hatte? Nein, denn diese Vorgehensweise sollte eigentlich kein Problem dargestellt haben, da Fogerty bereits zu CCR-Tagen die Gewohnheit pflegte, seine Mitmusiker aus dem Studio auszusperren und alles im Alleingang zu regeln. Schuld ist vielmehr dieser typische digitale achtziger Jahre-Sound, der selbst John Fogerty wie einen peniblen Sauberkeits-Fanatiker klingen lässt. Zumindest im Vergleich zu seinen früheren Alben. Wie es trotz Verwendung dieser (damals noch neuen) Technik besser geht, hat beispielsweise Steve Earle mit seinem ein Jahr später veröffentlichten Debüt Guitar Town gezeigt. Ich gebe aber auch gerne zu, dass es sich bei meinen letzten Sätzen um Jammern auf hohem Niveau handelt, denn die Musik spricht eindeutig für sich.
Klar ist, dass wer Creedence Clearwater Revival liebt, auch dieses Solo-Album "Centerfield" von John Fogerty lieben wird. Anspieltipps sind hier vollkommen überflüssig, da es keinen Ausfall, sondern nur Perlen (mit dem ein oder anderen leichten Ausrutscher nach unten) gibt. In der RockTimes-Wertung schrammt "Centerfield" jedenfalls nur ganz knapp am 'Klassiker' vorbei!
Line-up John Fogerty:
John Fogerty (all instruments – #1-9, guitars – #10,11, piano – #11, lead vocals)
With:
Kip Bacque (guitar – #10)
Rockin' Sidney (accordion – #10)
Willy T (saxophone – #10)
Steve Douglas (saxophone – #11)
Mark Miller (bass – #10)
Neil Stubenhaus (bass – #11)
Warren Storm (drums – #10)
JR Robinson (drums – #11)
Bobby King (background vocals – #11))
Terry Evans (background vocals – #11)
Willie Green (background vocals – #11)
Tracklist "Centerfield":
- The Old Man Down The Road
- Rock And Roll Girls
- Big Train (From Memphis)
- I Saw It On T.V.
- Mr. Greed
- Searchlight
- Centerfield
- I Can’t Help Myself
- Vanz Kant Danz
- My Toot Toot (Bonus Track, Single-B-Side)
- I Confess (Bonus Track, Single-B-Side)
Gesamtspielzeit: 42:45 , Erscheinungsjahr: 2018 (1985)



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