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Lost Music – Mario und Marlene Buchinger / Buch-Review

Lost Music

Über Sinn und Unsinn des Musikkonsumierens und -produzierens

»Lost Music soll zum Nachdenken anregen, was wir tagtäglich unseren Ohren zumuten.«, so lese ich im Klappentext über das Buch von Marlene und Mario Buchinger. Die Autoren bringen persönliche Erfahrungen im Bereich Musikproduktion sowohl als Betreiber eines Studios und Plattenlabels wie auch als Musiker (The Pyramids Projekt) ein.

"Lost Music" ist unterteilt in sieben Kapitel der 'A-Seite', die sich mit der Thematik "Musik konsumieren" befasst und die 'B-Seite', die in sechs Kapiteln "Musik produzieren" beleuchtet. Das Buch richtet sich in erster Linie an Musikhörer und auch wenn es stellenweise ein wenig technikverliebt wirkt, bleibt es doch immer recht gut verständlich, auch etwas weniger allgemeinbekannte Fachbegriffe werden gut erklärt. Hartgesottene Audiophile werden eher wenig Neues erfahren, dafür wahrscheinlich an mehr als einer Stelle altbekannte Diskussionen, bzw. Fachsimpeleien wiederaufwärmen. Röhrenverstärker, Zwei- und Drei-Wege-Lautsprecher, Vor- und Endstufe seien nur exemplarisch genannt.

Und weil sich das hier so schön anbietet, werde auch ich eine A-Seite mit den Pro-Argumenten und eine B-Seite mit meinen Kritikpunkten verwenden.

A-Seite – warum es sich lohnt, dieses Buch zu lesen

  • Vieles von dem, was man unbewusst schon lange wusste, wird klar und prägnant auf den Punkt gebracht. Zusammenhänge und die Rolle, die einzelne technische Entwicklungen spielen, werden aufgezeigt. Gerade auch wenn die Abspielgeräte (inklusive der darinsteckenden Technik und deren physikalische Grundlagen) beleuchtet werden, wird verdeutlicht, welche Entwicklung diese nach sich zogen, bzw. erst ermöglichten. Über den Nostalgiefaktor der ausführlichen Beschreibung von Grammophon, Tonbandgerät, Plattenspieler und Kassetten brauchen wir wohl gar nicht viele Worte verlieren. Und über die Liebe zu Vinyl erst Recht nicht.
  • Vermarktungsstrategien werden tiefgehender betrachtet als allgemein üblich. Klar geht es hier auch um Castingshows und ESC, aber auch grottige und geniale Coverversionen und der (kommerziell) richtige Kontext werden beleuchtet und zeitlich eingeordnet. Die Verknüpfung von Musik und Werbung in den 80ern, durch die Robin Beck mit "First Time" nicht nur ein Zuckerwasser, sondern auch Platten verkauft. [Dass die Dame übrigens mehr als nur ein bisschen Brause auf der Pfanne hat, davon könnt Ihr euch gern in unserem Archiv überzeugen.] Musik und andere Medien werden exemplarisch mit Henry Maske und Vangelis in den 90ern verortet, was schließlich zur Tendenz führt, dass Mitwirkung in einer Soap und Image immer wichtigere Vermarktungsfaktoren werden. Zumindest für die Musik, die als Wegwerfprodukt für ’nen schnellen Euro gedacht ist.
  • Was gute Musik auszeichnet und mit welchen Tricksereien gearbeitet wird, um solche vorzutäuschen, bzw, fehlendes Können zu vertuschen, sind ebenfalls enthaltene Themen, die ich persönlich gerne noch ausführlicher gelesen hätte. Interessant auch die Anekdoten, wie in welcher Zeit im Studio gearbeitet wurde, mit welchen kreativen Ideen früher Effekte erzeugt wurden, die heute jeder am heimischen PC zusammenklicken kann. Ob Studioproduktionen, die jahrelang gedauert haben nun zwingend die besten sind, darüber ließe sich vermutlich genauso diskutieren wie über das ultimative Lautsprecherkabel.

B-Seite – ganz ohne Gemecker geht’s nicht

  • Auch wenn als Autoren Mario und Marlene Buchinger angegeben werden, ist das Buch durchgehend in der 'Ich'-Form (hinter der ich mal ganz konventionell ausgerichtet den Mario vermute) geschrieben – irgendwie wirkt das ein wenig unstimmig. Und manchmal werde ich angesichts er beschriebenen Themen und Technologien den Eindruck  nicht ganz los, dass da ein Manuskript halbfertig seit etlichen Jahren geschlummert hat und mit ein paar wenigen aktuellen Ergänzungen jetzt rausgebracht wurde.
  • Stellenweise ist mir persönlich der HiFi-Technik zu viel Raum eingeräumt, auch wenn man natürlich über die Pro’s und Contra’s der einzelnen Medien und Techniken endlos diskutieren kann – aber nicht unbedingt muss. Einen größeren Schwerpunkt beim Bereich 'Komposition' und Entwicklung von Musikern hätte ich interessant gefunden.
  • Teilweise wird mir zu sehr polemisiert, vor allem, wenn Jugendliche pauschal mit Chart- und Mainstreamhörern gleichgesetzt werden. Eine differenziertere Betrachtungsweise hätte nicht geschadet, denn auch früher war nicht alles Gold, was glänzt und auch heute gibt es noch erfreulich viele junge Leute, die sich abseits des Mainstream orientieren, sowohl bei den Konsumenten als auch den Musikschaffenden.

Und trotzdem – ein lesenswertes Buch, zumindest für diejenigen, die sich bisher noch nicht so viele Gedanken um die Qualität von Musik gemacht haben. Aber auch für diejenigen, die das schon länger tun, sind sicher noch ein paar interessante Aspekte dabei.


Kapitelverzeichnis "Lost Music"

Einleitung

Die A-Seite – Musik konsumieren

A1. Die Genres und ihre Zielgruppen
A2. Die Musik auf ihrem Weg zum Hörer
A3. Besondere Phänomene der Musikszene
A4. Der Umgang mit Musik
A5. Formen der Musikwiedergabe
A6. Hörgewohnheiten
A7. Die Vervielfältigung von Musik

Die B-Seite – Musik produzieren

B1. Komposition
B2. Das Tonstudio
B3. Die Arbeit im Studio
B4. Manipulationsmöglichkeiten
B5. Der Umgang mit den Interpreten
B6. Musik als Moneymaker

Das Plattencover – Das Resumé
Index


Taschenbuch: 200 Seiten
Verlag: Pyramidis Audio (2015)
ISBN: 978-3950395600
Preis: 18,90€
auch als eBook und Hörbuch erhältlich

Über den Autor

Sabine Feickert

Hauptgenres: Rock, Deutschrock, Mittelalter, 'leise Töne'
Über mich
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Konzertberichte als Team mit Markus
Mail: sabine(at)rocktimes.de

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