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Mars Mushrooms / Funerals And Carnivals – Digital-Review

Mars Mushrooms / Funerals And Carnivals – Digital-Review

Irgendetwas ist anders. Eine Jamband und dann Blas- und Streichinstrumente? Noch dazu ist nun ein Promoterprofi am Werk, der verkündet, dass die Band sich aus der medienfreien Zone bewegen und ihr neues Album einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen möchte. Man kann also durchaus auf den Gedanken kommen, dass die Franken nun aus der 'Insider-Ecke' wollen und dieses durch eine musikalische Aufweichung in Richtung Mainstream versuchen.

Bevor jetzt jemand Schweißausbrüche bekommt, will ich Entwarnung geben. Wir befinden uns noch immer in der Welt mit den Kontinenten Jamkraut, Adelmannsdorf, Herzberg, Finkenbach usw. .
Das ist beruhigend, zumal der Rezensent erst kürzlich im Bekanntenkreis mitbekommen hat, dass es Mallorcapartys gibt, auf denen es diese Ich-sage-jetzt-nicht-was-ich-denke-Musik gibt. Die Party, von der ich hörte, war nicht etwa auf der eigentlich herrlichen Baleareninsel im weniger schönen, berühmt berüchtigten Areal, sondern ganz in der Nähe. Und da die erwähnten Bekannten ansonsten auch gute Musik hören, ist es nur zu begrüßen, dass Bands wie die Mars Mushrooms nach vorne preschen und (hoffentlich) in neue Ohren vordringen und die klebrigen Sangriareste aus den armen Lauschern spülen.

Das dürfte problemlos gelingen, denn gleich mit "Cabin" starten die »European Ambassadors of Jamrock« nach stimulierendem Intro ihren gewohnt genialen Bounce-Rhythmus und wenn die Mittelmeerinsel mit Sicherheit die schöneren Landschaften zu bieten hat, so gibt es in den marsianischen Pilzgebieten eindeutig die bessere Musik. Die Gitarrenparts im Opener sind klasse und wie aus dem batikgemusterten Hemdsärmel geschüttelt.

Eine Spur ruhiger tropft "Clap Your Hands" aus den Lautsprechern. Herrlich die Tupfer, die das Salon-Klavier in den Raum hämmert und dieses hochmelodiöse Stück veredelt. Absoluter Hinhörer ist die Kombination aus der getragenen, warmen Solostimme und den chorhaften Backings. Nomen est omen: Es wird natürlich auch in die Hände geklatscht und dass kommt dermaßen rhythmisch ins musikalische Geschehen, dass man regelrecht darauf wartet. Eine Sternstunde der Band und Hut ab für dieses Songwriting.

"Soil" eröffnet einen zehnminütigen Jam mit allen Zutaten, die ein Pilzgericht braucht. Plus dem Beweis, dass Streich- und Blasgerät mitnichten den Jamcharakter stören; ja ich würde behaupten, dass Cello, Geige, Trompete und Posaune mehr als Akzente setzen. Sie pimpen "Soil" dermaßen auf, sodass man sich relaxt im Sessel lümmelt, bis sich die zarten Wellen aus Saiten, Klappen, Ventilen und dem Didgeridoo in einen rhythmischen Jam ergießen. Alter Schwede, die Mars Mushrooms haben mit dieser neuen Platte eine extrem hohe Messlatte für die Zukunft gelegt …

Apropos Zukunft, die gibt es nur, wenn es auch eine Vergangenheit gib und in dieser – vor zehn Jahren, um genau zu sein – hat mein Kollegenteam Sabine und Markus in ihrem Bericht zum 33. Finkenbachfestival das folgende Statement zu den Mars Mushrooms abgegeben: »Eine sehr geile Band, die den Jam Rock-Freunden unbedingt ans Herz gelegt werden muss. Mit klasse Jams (mit immer wieder mal Referenzen zu den Grateful Dead und The Allman Brothers Band), die dazu von richtig guten Songs umrandet wurden, verbreitete das Quartett umgehend eine tolle Atmosphäre und viele staunende sowie zustimmende Blicke«.

"Soil" hat dieses gewisse Etwas, das die beiden erwähnten. Ohne aber zu sehr auf GD zu machen, um ungeübte Ohren mit diesem herrlichen Mars Mushroom-typischen Jam bei Laune zu halten. Und auch ohne zu sehr in Richtung der Allmans zu gehen. Es gibt sie, die gitarrenmäßgen Reminiszenzen an Betts, Jerry und so weiter. So gekonnt dosiert, dass sie hoffentlich viele, viele Ohren erreichen, die mit Mushrooms bis dato anderes assoziierten. Gegen Ende des Zehnminüters gipfelt alles in ein fast symphonisches Ausmaß, bis das Didgeridoo den Schuss einleitet.

Countrymäßig folgt "Whiskey And Tears". Ein starker Schleicher, der wohl in die Richtung 'There’s a tear in my beer, oh my dear' geht, aber so wie Whiskey stärker ist als Bier, so ist die Nummer vielleicht erst einmal ungewohnt, aber dann wieder in eine gewohnte Richtung weisend, denn auch der gute Jerry hat mit seiner Jerry Garcia Band gen' Country geschielt. Neben dem wieder toll eingesetzten Salon-Piano kommt in dieser Nummer eine berührend gespielte Pedal Steel zum Einsatz.

Den Titeltrack eröffnet forciertes Didgeridoo- und Rhythmusspiel, die Keys flirren, ein leicht orientalisches Flair macht sich breit. Starke Kombi, dieser Touch Orient und das native Instrument aus Down Under. Eigentlich passt das zu meinem Wunsch, dass Musik wie die der Mars Mushrooms verseuchte Ohren ausspülen. Der Weg ist nicht weit von der einen Seite des Mittelmeers zu der anderen … .

Die ersten Töne von "Arkansas" lassen fast einen Hauch Dylan oder The Band durchs Zimmer schweben. Und wenn das Stück von The Band wäre, würde es kaum verwundern. Die Gitarre und das komplette Songwriting geht anfangs in diese Ecke. Zusammen mit "Clap Your Hands" und "Whiskey And Tears" ist "Arkansas" eine gut geteerte Straße, um die eingangs erwähnte breitere Öffentichkeit zu erobern.
Nach zweieinhalb Minuten schleicht sich ein featmäßiger Rhythmus ein und da ist es wieder, dieses geile Piano. Und auch der mehrstimmige Gesang in diesem jammigen Flow lässt einem wohlige Schauer den Rücken runterlaufen. Etwas später leiten leicht hammermäßige Tasten hinüber in den typischen Mars-Jam, der leider in Richtung Ende des Albums marschiert.

Wow, ein Tipp für alle Freunde guter Musik und solche, die es noch werden wollen. Erhältlich ist "Funerals And Carnivals" neben dem üblichen Download nun auch als CD sowie Vinyl. Selbstverständlich sind die Mars Mushrooms eine Band, die live jedwede Konserve toppen kann. Zum neuen Album gibt es zwei Release Shows und zwar am 15. Mai in München und am 17. Mai in Immeldorf:

Release Shows zu "Funerals And Carnivals":

  • 15.05.2025: München, Import Export
    Einlass: 19.30 Uhr | Beginn: 20 Uhr
    VVK: 10 EUR (ermäßigt), 16 EUR (Normalpreis), 20+ (Supporter-Preis, freiwillig) (Tickets über vvk@marsmushrooms.de bestellen)
    Abendkasse: 12 EUR (ermäßigt), 18 EUR (Normalpreis), 20+ (Supporter-Preis, freiwillig)
  • 17.05.2025: Immeldorf, Weißes Roß
    Einlass: 19 Uhr | Beginn: 21 Uhr
    VVK: kein VVK

Wer noch einen letzten Anstoß braucht, soll bitte in unsere News vom 3. Februar sowie 10, April schauen. Dort gibt es die Musikvideos zu  "Cabin" und "Soil" und außerdem weiter Tourtermine der Band.


Line-up Mars Mushrooms:

Michael Schmidt (Gitarre, Gesang)
Christoph von der Heide (Bass, Gesang)
Lars Weißbach (Keyboards)
Thomas Kupser (Didgeridoo)
Christof Stellwag (Schlagzeug)

Gäste:

Bastian Schubeck (Pedal Steel- #4)
Birgit Saemann (Cello – #3)
Nataliya Kulchytska (Violine – #3)
Stefan Schalanda (Trompete – #3)
Ilya Khenkin (Posaune – #3)
Jan Kerscher [+ Mars Mushrooms] (Gospelchor – #2)

Tracklist "Funerals And Carnivals":

  1. Cabin (9:31)
  2. Clap Your Hands (3:58)
  3. Soil (9:47)
  4. Whiskey And Tears (3:19)
  5. Funerals And Carnivals (8.26)
  6. Arkansas (6:39)

Gesamtspielzeit: 41:20, Erscheinungsjahr: 2025

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
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Mail: ulli(at)rocktimes.de

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