Die aus Rüsselsheim stammende Band My Solid Ground wurde 1968 gegründet. In den ersten Monaten und Jahren kam es zu ständigen Besetzungswechseln, dennoch waren klare Fortschritte erkennbar. Denn nicht nur füllte die Combo ihre Konzerte neben den üblichen Coversongs mit mehr und mehr ihrer Eigenkompositionen, sondern die Anfragen der Booker nahmen auch immer mehr zu. So konnte schon bald die eigene Anlage deutlich verbessert werden und es langte auch schon früh für einen eigenen Tourbus. Im Sommer 1970 ging es das erste Mal ins Aufnahmestudio, wo der fast 25-minütige Track "Flash" eingespielt wurde. Diese Nummer reichten die vier Musiker beim Südwestfunk für einen Band-Wettbewerb ein, wo sie dann tatsächlich auch den zweiten Platz belegten. Dies brachte den erhofften Plattenvertrag mit der Bellaphon bzw. deren Sublabel Bacillus ein. Also war es im Frühling 1971 wieder an der Zeit fürs Aufnahmestudio und dieses Mal entstand das Debütwerk gleichen Namens.
Und schon sind wir mitten drin bzw. bei dem über 13-minütigen Opener "Dirty Yellow Mist" angelangt, der von getragenen Piano-Klängen sowie bald auch ergänzender Orgel, Bass und Schlagzeug eröffnet wird. Zäh wie Lava walzt sich der von zwei sich ständig wiederholenden Akkorden geprägte Song vorwärts, über die ein gesprochener, von mit Effekten veränderter Stimme vorgetragener Text gelegt wird. Sehr bald ist dann auch die Sologitarre mit am Start und der Hörer befindet sich mitten drin im Kraut- bzw. Psychedelic-Land. Dieselben, den kompletten Track nach vorne treibenden zwei Akkorde mögen dem einen oder anderen Musik-Fan als etwas zu monoton erscheinen, aber mit dieser repetitiven Vorgehensweise hatten neben Can auch bereits weitere Bands große Erfolge gefeiert. Gefolgt wird dieser Monstersong von zwei eher kurzen Rockern, die beide nicht mal die Zweieinhalb-Minuten-Marke erreichen. "Flash Part IV" rockt kräftig nach vorne und "That’s You" steht dem in nichts hinterher. Boah, roh und ungeschliffen, fast schon punkig.
Eine zweite längere Nummer gibt es nicht zu vermelden, aber dafür weitere gute wie beispielsweise "The Executioner", die wieder ganz tief in den Psychedelic Rock abtaucht. Für "Melancholie" ist das Piano als dominantes Instrument zurück und dieses schöne Stück ist nicht nur eine Bereicherung für die gesamte Platte, sondern auch eine willkommene Abwechslung. Bei "Handful Of Grass" wird wieder kräftig nach vorne gerockt, was die bereits zuvor angedeutete grundsolide Basis der Band bestätigt. Die Produktion ist sehr direkt und dieser wieder deutlich ruhigere Song springt dem Hörer fast ins Gesicht. Ungewöhnlich, aber auch nicht uninteressant. Und schließlich ist da mit "X" noch der letzte Track des Originalalbums, der von einem starken Gitarren-Riff angetrieben wird. Ein Instrumental, bei dem sowohl die Orgel, als auch die Gitarre die Hauptrolle spielen und sich die Bälle gegenseitig zuwerfen.
Nach der Einspielung der Platte ging die Band auf Tour, spielte auf Festivals und hatte Fernseh-Auftritte, bevor sie im Sommer – wieder vom Südwestfunk – für weitere Studioaufnahmen eingeladen wurde. So erblickten in Baden-Baden vier weitere Tracks das Licht der Welt. Auf Gesang wurde hier komplett verzichtet und neben zwei kurzen sind hier auch zwei lange/längere Stücke vertreten. Wahrscheinlich auch wegen dem kurzen Abstand zum ersten Album, bewegen sich die vier Tracks musikalisch bzw. stilistisch auf dem selben Terrain. Der kleine, aber feine Unterschied liegt darin, dass die Tasten von Ingo Werner hier fast gleichwertig mit der Gitarre kommen, während die Sechssaitige auf dem Debüt dann doch deutlich dominanter war. Ein toller Bonus dieser CD-Ausgabe, die nun – abgesehen von dem anfangs erwähnten Song "Flash" – alle im Studio aufgenommenen Songs von My Solid Ground abdeckt.
Denn schon 1972 krachte es heftig im Band-Gebälk und außer Bernhard Rendel wurde fast das komplette Line-up ausgetauscht. Aufnahmen für ein zweites Album wurden immer wieder geplant, aber nie umgesetzt. 1974 löste sich My Solid Ground schließlich auf. Insgesamt gesehen wieder eine coole Ausgrabung von MiG Music, die vor allem für Kraut- und Progressive/Psychedelic Rock-Fans lohnenswert ist. Ein Stück Zeitgeschichte und eine tolle Ergänzung für die eigene Krautrock-Sammlung!
Line-up My Solid Ground:
Bernhard Rendel (guitars, vocals)
Karl-Heinrich Dörfler (bass, vocals)
Ingo Werner (organ, piano)
Andreas Würsching (drums)
Tracklist "My Solid Ground":
- Dirty Yellow Mist
- Flash Part IV
- That’s You
- The Executioner
- Melancholie
- Handful Of Grass
- Devonshire Street W 1
- X
- Hysterical (bonus track)
- BBB (bonus track)
- Superconstellation (bonus track)
- Short Waves (bonus track)
Gesamtspielzeit: 53:58, Erscheinungsjahr: 2025 (1971)



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