Als Neo Noire bezeichnet man gemeinhin eine spezielle Art von Kinofilmen mit stark hell-dunkel-kontrastierenden Bildern, düsterer Ausstattung und Handlung, einige meiner liebsten Werke gehören dazu, angefangen mit Orson Welles "Im Zeichen des Bösen" über "Chinatown" mit Jack Nicholson bis hin zu David Finchers genialem Werk "Sieben" und dem verstörend schönen "Mulholland Drive" von David Lynch. Diese Filme leben alle von ihrer Atmosphäre, obgleich sie gänzlich unterschiedlichen Themenkreisen entwachsen. Warum ich das so ausführlich voranstelle wird schnell klar, wenn man die Parallelen zu der vorliegenden Scheibe der noch jungen Band Neo Noire beleuchtet. Junge Band bedeutet hier allerdings nicht automatisch junge Musiker, vielmehr haben wir es eher mit einer Art Schweizer Supergroup zu tun, denn die Protagonisten haben allesamt ihre Erfahrungen schon in diversen anderen Bands sammeln dürfen. Kenner der Schweizer Rockszene mögen mir verzeihen, dass ich die hier nicht im Detail benenne, mir waren sie bislang nicht geläufig.
"Element" hingegen wird einen nachhaltigen Weckruf in die Welt setzen und die Blicke der Freunde harter Rockmusik mit einem Hang zu Neunzigerjahre-Heroen wie Jane’s Addiction oder den Smashing Pumpkins nach Basel ziehen. Dort finden wir die Heimat dieses neuen Rock-Monsters, hören wir rein in das Album:
Der Opener "Walkers" beginnt mit sphärisch aufbrausenden Gitarren, fast wie eine Partitur in der Klassik. Doch dann übernimmt ein lässiger Groove mit schönen Gitarren, die sich gekonnt zwischen Metal und Postrock einschießen. Ein angenehmer zweistimmiger Gesang sorgt für eine leicht progressive Psychedelik – aber Hallo, das sind gleich zu Beginn ein paar handfeste Beweise dafür, dass wir hier mit simplen Klassifizierungen nicht allzu weit kommen werden. Das wirklich geile Gitarrensolo krönt die Nummer und macht Appetit auf mehr. So meditiert in "Save Me" zunächst eine fast Floydsche Phrasierung und führt uns in einen sich nun deutlich steigernden Psych, wieder mit diesem genial schrägen Doppel-Gesang, den wir in der Stoner-Szene so oft und gerne vorfinden. Herrlich ausufernde Gitarrenausflüge lassen die Stimmung über diesem eingebremsten Groove perfekt kulminieren. Ein Drift wie ein Tiefflug über wüstenartiges Gelände.
Ob man bei "Shotgun Wedding" an Tarantinos "Kill Bill" gedacht hat weiß ich nicht, ein krachender Knaller wird es allemal. Hochgradig fetzige Riffs aus der Metal-Schule heizen mächtig ein, der Schlag peitscht unentwegt nach vorn. Dennoch verspüren wir auch in dieser aggressiv treibenden Nummer eine nicht zu verkennende Melodik, die mich in ihrem leicht progressivem Aufbau schon wieder an dieses so kurzlebige, aber sehr nachhaltige Bandprojekt namens Kino erinnert.
Respekt, schon diese ersten Erfahrungen zeigen ein in sich stimmiges Songwriting mit den unterschiedlichsten Ausprägungen. Allein die Vokalparts von Thomas Baumgartner und Frederyk Rotter werden Song für Song sehr passend variiert und adaptiert, mal einzeln und gefühlvoll zurückgenommen, mal aggressiv und dann wieder doppelstimmig bewusstseinserweiternd. Die Kompositionen kommen insgesamt mit großer Souveränität stets auf den Punkt, unaufgeregt, aber spektakulär, vermutlich die Konsequenz der umfangreichen Erfahrungen, die unsere Bandmitglieder hier allesamt mitbringen. Die einzelnen Songs bergen jeder für sich schon eine erstaunlich vielseitige und spannende Rhythmik, hohe Dynamik und eine glasklare Transparenz ohne jeden Schnickschnack und Effekthascherei. In der Gesamtheit führt das zu einem höchst abwechslungsreichen Erlebnis auf spielerisch hohem Niveau. Und wenn die Gitarren kreisen, dann geht wirklich die Post ab.
Das Titelstück ist wohl mehr als alle anderen Songs vom Postrock geprägt und brilliert mit einer tollen Melodik im zentralen Solo, ein Song, der dich wie in einen Sog hineinzieht. "Spark" bietet einen entschleunigten Mittelpart mit wunderbar entspannt meditierenden Gitarren, bis sich die verträumt psychedelische Stimmung in einem ekstatischen Solo auf den Punkt genau entlädt. Das eher mittlere Tempo der Komposition verleiht den aufbrausenden Licks eine besondere Intensität. Letzte knackige Riffs und schon springt "Element" in das wohl düsterste Stück auf dem Album, dem Band bezeichnenden "Neo Noire". Schnell jedoch entwickelt sich aus den wirklich heftigen, metallischen Eingangsriffs ein erstaunlich eingängig einprägsames Hörerlebnis, doch auch im etwas entschleunigten Mittelteil bleibt die Grundausrichtung dunkel und bedrohlich, wie eine böse schwarze Spinne, die über den Boden schleicht.
Zum Ende hin überrascht uns die Band noch ein weiteres Mal, wenn fast artrockig meditativ in das epische "Infinite Secrets" übergeleitet wird. Hier wird noch einmal die wirklich erstaunliche Anpassungsfähigkeit der Band zu unterschiedlichen Stimmungen und Ausdrucksformen offenkundig – mit einem Gesang, der scheinbar wie die Strahlen eines Prismas in die unterschiedlichsten Farben brechen kann. Sehr beeindruckend. Doch während der Rhythmus dann plötzlich in ein fast Santana ähnliches Latino verfällt, entwickelt sich darüber ein faszinierendes Gitarrenspiel aus zunächst postrockigen Hooks hinein in ein wildes Freak-Out tobender Licks. So als ob man final nochmal so richtig die Sau rauslassen möchte. Und wieder fangen sie uns ein mit einem Tempo-Break und einer mitreißend sanften, reflektierenden Gitarre. Letzte Riffs befeuern noch einmal den Ofen, ein ausgeflippt ekstatisches Riffgedonner endet in sphärisch auslaufenden Klängen.
Zweiundfünfzig Minuten faszinierender Rockmusik, die bei all den verschiedenen Einflüssen und Inspirationsquellen zu einem erstaunlich kompakten und höchst authentischen Werk verschmilzt. Ist das nun die Wiedergeburt des Grunge? Nun, wenn ich an den Hype der Neunziger denke und all die Begleitumstände, die um diese Epoche und ihre Protagonisten bekannt sind, dann wähle ich lieber das Etikett Alternative Rock.
Neo Noire selbst bezeichnen ihre Musik als Hybrid Rock. Damit mag man wohl richtig liegen, speist sich die Musik der vier Schweizer doch tatsächlich aus verschiedenen Stilrichtungen und vermischt sich zu einem höchst aufregenden und sehr stimmigen Gesamtkunstwerk voller Inspiration und Klarheit. Ein echte Entdeckung und Basel scheint sich immer mehr zu einem Zentrum für coole, moderne Rockmusik zu entwickeln. Ich muss mir dringend mal eine Fahrkarte dorthin besorgen.
Line-up Neo Noire:
Thomas Baumgartner (vocals, guitar)
Frederyk Rotter (vocals, guitar)
Franky Kalwies (bass)
David Burger (drums)
Tracklist Element:
- Walkers
- Save Me
- Shotgun Wedding
- Home
- Elements
- Spark
- Neo Noire
- Infinite Secrets
Gesamtspielzeit: 52:14, Erscheinungsjahr: 2017



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