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Polis / Pilger – CD-Review

Polis / Pilger – CD-Review

Sechzehn Jahre lang sind die Jungs der Plauener Band nun bereits unterwegs und konzentrieren sich auf Musik der Marke bluesig psychedelischer Prog Rock mit deutschen Texten, was durchaus Veranlassung gibt, auch an der Schublade Krautrock zu rütteln. Viel über die Vita der Musiker gibt es auf der Bandseite nicht zu erfahren. In Anbetracht der musikalischen Qualität der Band sowie der Dauer ihres Bestehens ist das etwas unverständlich, denn neugierig machen haben sie auch drauf.

Das Label Sireena hat die Sachsen mittlerweile auf dem Schirm und das passt. Und wenn im Infoblatt steht, dass es musikalisch wäre, wie wenn Novalis auf Sterncombo Meißen trifft und der Begriff Neue Deutsche Romantik fällt, so passt das ebenfalls.

Deutsche Texte, da muss das Niveau der Lyrics schon hoch sein, zumindest wenn der Hörer ein Landsmann ist. Und das Konzept der Platte geht auf – Sehnsucht, Hoffnung, menschliche Sorgen, Optimismus aber auch Angst, Liebe und wenn man es auf einen Punkt bringen will und den Albumtitel mit ins Spiel bringt, dann kann man die Schöpfung nennen, die alles für den Menschen bereithält und der es allein in den Händen hat, was er daraus macht.

Musikalisch ist die Scheibe zwar mit den Texten verbandelt, ist aber ohne Problem auch vollwertiger Genuss für Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Gewaltige Orgelwellen paaren sich mit treibenden Bassläufen und wenn die Gitarre vom Stapel gelassen wird und zu packender Schlagzeugarbeit aufspielt, dann ist das ein Gedicht. Minutenlange Instrumentalpassagen lassen die vorab gehörten Texte in der Fantasie des Hörers ihre Wirkung entfalten.

Nach verspielt krautigem Intro, wird Sekunden später das dicke Brett gefahren. Voller Power legen die Rhythmiker los und sobald Christian Roscher das Singen beginnt, weiß man, dass seine Stimme für den Gesang prädestiniert ist. Mit 'für den Gesang prädestiniert ' meine ich nicht nur, dass er eine saustarke Stimme hat, sondern auch, dass er klar prononciert und somit seine Texte äußerst gut zu verstehen sind. Und da er in deutscher Sprache singt, ist das für unsere Ohren äußerst wichtig. Zum treibenden Vorwärstrocken, zu Gesang und Text fällt alsbald das dampfende Orgelspiel auf. Es wechselt zwar schnell zu leichteren Keyboard- und Moog-Tunes, aber "Der Kreis" lässt bereits erahnen, dass dieses Album eines der besonders guten ist. Lese ich im Nachhinein die älteren Polis-Reviews zu Sein und Weltklang, so war das auch nicht anders zu erwarten.

Eine Mischung aus Liedermacherfeeling zu psychedelischen Ausbrüchen – eine starke Mischung verschiedener Genres, wie man es kaum erwarten könnte. Melodische Passagen in hartem Prog-Kosmos, sphärische Gitarrensoli treiben durch Minuten und die Backings jagen Wohlfühlschauer den Rücken rauf und runter. Die drei Damen, die mit ihrem Gesang den "Berg" erklimmen, tun das mit einer choreografischen Perfektion – vom Feinsten

Fast haucht Christian die ersten Worte zart in "Die Einsamkeit" und dann bricht die instrumentale Dampfwalze wieder in die Ruhe, bis es psychedelisch krautig durch den Äther weht. Die Gitarre spielt einen fast um den Verstand und dieser vogtländische Melting Pot besteht in der Tat aus den edelsten Zutaten.

So geht das weiter und immer wieder ertappt man sich bei Gedanken wie geiler 'Retro-Stoff', oder man will an den Schrank, um die alten Batik-Shirts zu suchen. Auch ein Gang in den Keller, um eine Lavalampe zu holen liegt auf einer plötzlich vor dem Auge erscheinenden To-Do-Liste. Batik Shirts sind längst von Motten ´gefressen und auch die Lavalampe liegt irgendwo und wartet darauf, von Archäologen ausgegraben zu werden. Bleibt der Retro-Stoff und musikalisch liegt da durchaus der Duft alter krautiger Meister in der Luft. Aber – dickes Aber – dieses Retro ist für die Neuzeit quasi neu geschrieben; gepimpt mit traumhaftem Art Rock, edler Psychedelic und hochprozentigem Prog.

Schön Miterleben kann man das auch in "Das Erste Leuchtfeuer". Eine gewisse Härte, vor allem durch Bass und Schlagzeug, wohnt den Kompositionen immer wieder inne und diese Härte, die der Promoter treffend als Rock Bombast beschreibt, in Verbindung mit manchmal – zum Beispiel "Weltenwinter" – mittelalterlich folkig klingenden und manchmal krautig duftenden Essenzen, wie wir sie weiland bei Lavalalampenschein und leuchtetnden Schwarzlichtpostern musikalisch genossen haben, ist enorm.

Der Titeltrack startet gleich brachial und verdeutlicht, dass das Konzept bis zum Schuss Bestand hat. Die Orgel weiß wieder zu überzeugen und auch die Rhythmusfraktion darf wieder glänzen. Mal forsch nach vorne, aber auch wenn es subtiler wird, spürt man den Drive der dicken Saiten und der Felle. Logisch, dass nicht nur Marius an den Tasten, Andreas am Bass und Sascha am Drumkit den "Pilger" begleiten, denn auch der Mann am Sechssaiter, Christoph, zeigt wieder, wie man Gitarre so spielt, dass den Leuten vor den Lautsprechern die Kinnlade runterfällt. Christians Gesang thront immer wieder über allem und der lässt den "Pilger" »weiter, immer weiter« ziehen. Bis nach etwa zehneinhalb Minuten mit "Reprise" das kurze Ende eingeläutet wird.

Beindruckend, wie es die fünf Musiker schaffen, aus proggigen, psychedelischen, krautigen und fast liedermacherartigen Zutaten  eine sogenannte Neue Deutsche Romantik zu schaffen. Ein bemerkenswertes Album.


Line-up Polis:

Christian Roscher (Gesang)
Christoph Kästner (Gitarren, Gesang)
Marius Leicht (Tasteninstrumente, Gesang)
Andreas Sittig (Bassgitarren, Gesang)
Sascha Bormann (Schlagzeug, Gesang)

Sophia Rasche (1. Violine – #2)
Floortje Beljon (1. Violine – #2)
Marie Schutrak (Viola – #2)
Franziska Ludwig (Cello – #2)
Carl Christian Wittig (Kontrabass- #2)
Lydia Groth (Gesang – #2)
Vanessa Röger (Gesang – #2)
Lucia Wilczek (Gesang – #2)

Tracklist "Pilger":

  1. Der Kreis
  2. Der Berg
  3. Die Einsamkeit
  4. Das Erste Leuchtfeuer
  5. Weltenwinter
  6. Pilger
  7. Reprise

Gesamtspielzeit: 44:56, Erscheinungsjahr: 2027

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
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