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Steve Harley & Cockney Rebel / The Best Years Of Our Lives – Digital-Review

Steve Harley & Cockney Rebel - "The Best Years Of Our Lives" - Digital-Review

Gibt es einen tief schwärzeren, sarkastischeren Song über eine zerbrochene Beziehung als "Make Me Smile (Come Up And See Me)"? Garantiert nicht! Naja, zumindest ist dem Rezensenten keiner bekannt. Und während man die Lyrics ganz hervorragend in Richtung einer Liebesbeziehung verstehen kann, so geht es im Text tatatsächlich um drei Musiker der Band Cockney Rebel, die ihrem Bandleader, Frontmann und alleinigen Songschreiber Steve Harley nach einer UK-Tour Mitte 1974 die Pistole auf die Brust gesetzt hatten und forderten, die Tracks für die nächste Studioscheibe schreiben zu dürfen. Harley, der die Band zusammengestellt und die Regeln von vornherein klar gemacht hatte, war tief enttäuscht. Speziell, weil sich seine Vision bestätigt hatte. Nach dem Debüt "The Human Menagerie" (1973) erreichte der zweite Longplayer "The Psychomondo" (1974) Platz 8 der britischen Charts, darüber hinaus konnte die in Verbindung mit dem Debüt veröffentlichte Single "Sebastian" in mehreren europäischen Ländern Top-Positionen einfahren. In Deutschland gelangte sie seinerzeit auf Platz 30, in England passierte dagegen gar nichts.

 

»You’ve done it all, you’ve broken every code
and pulled the rebel to the floor
You spoiled the game, no matter what you say
for only metal, what a bore«

»Blue Eyes, blue eyes
how can you tell so many lies?
So, come up and see me, make me smile
or do what you want, running wild«

Es kam, wie es kommen musste: Die drei rebellischen Musiker wurden gefeuert und neben Harley blieb lediglich noch der Drummer Stuart Elliott in der Band, die fortan als Steve Harley & Cockney Rebel fungierte. Der Bandleader ging direkt frisch ans Werk und stellte für das neue Line-up den Top-Gitarristen Jim Cregan (Ex-Family, später Rod Stewart), dazu den Keyboarder Duncan Mackay sowie den Bassisten Georgie Ford ein und nach ein paar Konzerten ging es wieder ins Studio. Dieses Mal übrigens nicht mit vorher durchkomponiertem Material, sondern eher ein paar lockeren Ideen, die noch nicht mal über Texte verfügten. Umso erstaunlicher, was für ein Meisterwerk mit "The Best Years Of Our Lives" kreiert wurde. Dabei ist die Grundauslegung mit einem kräftigen Portion Pop ausgestattet, zu der sich auch immer eine gesunder Anteil Rock gesellt. Die oft zynischen und mit britischem Humor versehenen sowie verbitterten ("Come Up And See Me" oder der Titelsong) Lyrics werden dabei durch sehr melodiöse Songs in Szene gesetzt, sodass man die schräge Gefühlslage des Hauptprotagonisten ohne Englischkenntnisse oder ein Textblatt kaum bis gar nicht erahnen kann.

»There’s nothing left, all gone and run away
maybe you’ll tarry for a while
It’s just a test, a game for us to play
Win or lose, it’s hard to smile«

»Resist, resist!
It’s from yourself you have to hide, oh
Come up and see me to make me smile
Oh, or do what you want, running wild«

Gar nicht so unähnlich der Stilistik von The Kinks also, dazu mit sehr guten Songs versehen. Wie beispielsweise dem einem kurzen Intro folgenden "The Mad Mad Moonlight", das fein nach vorne rockt und sowohl durch gutes Songwriting, als auch klasse Background Vocals und herrliche Lyrics glänzt. "Mr. Raffles" schaltet dann einen Gang runter, überzeugt jedoch ebenso wie das textlich erneut aberwitzige (im Stil von 'Hey, das war nicht ICH, der sie umgebracht hat, ich hab lediglich die Bremsleitungen ihres Autos manipuliert') "It Wasn’t Me". Das bereits mehrfach erwähnte "Make Me Smile…" ist ein echter Ohrwurm und so gekonnter Pop-Song, das die halbe Welt die Bedeutung dahinter wahrscheinlich nicht mal erahnt. Ebenfalls bärenstark kommt "Back To The Farm" ("Zurück im Irrenhaus" mit einem tatsächlich 'durchgeknallten' Schrei, Anm. d. Red.), das sich mit dem Erfolgsdruck und allgemeinen Wahnsinn des Musik-Business auseinander setzt. Was diese Scheibe zu einem Klassiker macht, ist dass auch die minimal abfallenden Tracks wie "Panorama" oder "49th Parallel" über eine Qualität verfügen, für die so manche andere Band wahrscheinlich killen würde.

»There ain’t no more, you’ve taken everything
from my belief in Mother Earth
How can you ignore my faith in everything?
'Cause I know what faith is and what it’s worth«

»Away, away
And don’t say that maybe you’ll try
Oh, to come up and see me, to make me smile
Or do what you want, just running wild«

»Hau bloß ab und fang ja nicht damit an, dass du es vielleicht wieder mit mir versuchen möchtest!« Dieser Gefühls- bzw. Gemütszustand des Ausgestoßenseins spiegelt sich auch im grandiosen Titeltrack wider. Ein dramatisch glanzvoller Abschluss eines großartigen Albums. Bei dieser Neuauflage gibt es dazu zwölf Bonus Tracks, die sich aus der Single-B-Seite "Another Journey" (ein Song, der qualitativ locker auch auf dem Album hätte bestehen können) und alternative takes bzw. frühen Versionen der Album-Songs zusammen setzen. Ebenfalls sehr unterhaltsam und sehr interessant, wenn man den Entwicklungsprozess einzelner Songs nachvollziehen möchte. Gute Musik ist gute Musik, ist gute Musik, ist gute Musik. Und das trifft neben allen anderen Genres auch auf Pop/Rock zu. Speziell, wenn wie bei Steve Harley & Cockney Rebel dann auch noch eine textliche bzw. emotionale Tiefe dazu kommt, die den Hörer noch tiefer in das Material eintauchen lässt. Klassiker!


Line-up Steve Harley & Cockney Rebel:

Steve Harley (lead vocals)
Jim Cregan (electric & acoustic guitars, background vocals)
George Ford (bass, string bass, background vocals)
Duncan Mackay (electric & grand piano, synthesizer, clavinet, Hammond organ)
Stuart Elliott (drums & percussion, marimba)

With:
Tina Charles (background vocals)
Martin Jay (background vocals)
Yvonne Keeley (background vocals)
Linda Lewis (background vocals)
Liza Strike (background vocals)

Tracklist "The Best Years Of Our Lives":

  1. Introduction "The Best Years"
  2. The Mad, Mad Moonlight
  3. Mr. Raffles
  4. It Wasn’t Me
  5. Panorama
  6. Make Me Smile (Come Up And See Me)
  7. Back To The Farm
  8. 49th Parallel
  9. The Best Years Of Our Lives
  10. Another Journey (single b-side)
  11. Another Journey (early version)
  12. It Wasn’t Me (alternative version)
  13. The Mad, Mad Moonlight (rehearsal)
  14. Back To The Farm (rehearsal)
  15. 49th Parallel (rehearsal)
  16. Panorama (vocal run through)
  17. Make Me Smile (false start)
  18. Make Me Smile (rough mix)
  19. Another Journey (acoustic demo)
  20. The Best Years Of Our Lives (rehearsal version)
  21. The Best Years Of Our Lives (acoustic demo)

Gesamtspielzeit: 85:28, Erscheinungsjahr: 2025 (1975)

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
Über mich
Meine Beiträge im RockTimes-Archiv
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Meine Konzerberichte im Team mit Sabine
Mail: markus(at)rocktimes.de

6 Kommentare

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  1. Markus Kerren

    Ah, klasse, Ulli. Dann waren Manni und ich mit unseren Interpretationen ja gar nicht so weit weg 🙂

  2. Manni

    Make Me Smile (Come Up And See Me)

    Für mich einer der geilsten Songs ever. Ein unsterbliches Stück Musikgeschichte! Danke für die ausführliche Beschäftigung mit den Lyrics.

    1. Markus Kerren

      Absolute Zustimmung, Manni! Und was den Text betrifft: Da hab ich lediglich die Textzeile "…for only metal, what a bore…" noch nicht so richtig deuten können. Vielleicht meint er mit 'metal' ja Kleingeld?

      1. Manni

        "for only metal" in diesem Zusammenhang meint wohl metaphorisch "etwas von geringem Wert". Ich würde ich es so übersetzen: "Für nichts und wieder nichts"

        1. Ulli Heiser

          Steve Harley hat das in einem Interview im Guardian so erklärt:

          >>The line, “For only metal – what a bore” is a biblical reference. Metal is money: it’s Judas and 30 pieces of silver. “Brought the rebel to the floor” is me: they shattered me<<.

          Quelle: https://www.theguardian.com/culture/2017/feb/27/how-we-made-cockney-rebel-make-me-smile-come-up-and-see-me

          1. Manni

            Thumbs up! 🙂

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