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Teramaze / And The Beauty They Perceive – CD-Review

Teramaze - And The Beauty They Perceive

»What’s Next«
fragen Teramaze – ohne Fragezeichen – Anfang Dezember 2021 auf ihrer Facebook-Seite mal so ins Blaue. Und die Fans spekulieren, ob das der Titel des nächsten Studioalbums sein könnte … oder vielleicht ein Doppel-Live-Album. Oder ein Weihnachtsalbum (»haha no thanks – haha come on! All the cool kids are doing it!«). Oder was könnte sonst noch so als nächstes anstehen … »being able to leave the house!«
Und die Wahrheit ist (mal abgesehen vom Lockdown-Gag) ein Mix aus allem, so ein bisschen. Teramaze machen sich selbst einen Spaß daraus, dass sie in unfassbarem Tempo neue Musik rausbringen – und die ganze gottverdammte Corona-Lage dürfte da auch mit reinspielen. Denn ohne Touren hat man eben Zeit.

Des Rätsels Lösung war übrigens der Release eines neuen Songs samt Video – "Battle", beeinflusst von Lockdowns und Protesten in ihrer Heimat Australien.
Und da war das Album "And The Beauty They Perceive" mal gerade ein paar Wochen alt. Frontmann Dean Wells und seine drei Mitstreiter lassen also nun wirklich nichts kalt werden. Erst 2020 gab es mit "I Wonder" die erste Platte, auf der Gründungsmitglied und Gitarrist Wells auch den Lead Gesang übernommen hat, 2021 dann das großartige Sorella Minore. Und nun ist dieses Album so schnell schon wieder nicht mehr das aktuelle? Gut, damit auf Tour zu gehen, war ja nun eh nicht angesagt. Und wenn die Ideen sprießen, wohl an.

Dieses Mal gibt es keinen 25-Minüter wie auf dem Vorgänger; dafür ist dieser Silberling, bestehend aus neun Einzel-Tracks, aber mit einer Spielzeit von gut 62 Minuten eher auf Genry-typischer 'Normallänge'. Und beim Genre reden wir von einem Mix aus Prog- und melodischem Power Metal. Das Riffing ist düster, heavy und gleichzeitig sehr dynamisch und detailreich und in sich schon außergewöhnlich melodisch. Bestes Beispiel ist gleich der Opener "And The Beauty They Perceive". Diese Nummer über den ziemlich aktuellen (oder doch zeitlosen?) Konflikt darüber, Lügen als Wahrheiten zu verkaufen, ist ein derart dichtes Power-Paket, dass sie fast als Intrumentalstück durchgehen könnte.

Das wäre aber erstens jammerschade um den emotionalen, mit-prägenden Gesang Von Dean Wells. Und zweitens sind die Songs sehr deutlich auf prägende Gesangs-Hooklines ausgerichtet. Das ist ein elementares Qualitätsmerkmal dieser Band. Schon bei besagtem Longtrack auf dem Vorgänger-Album war es so, dass man beim Hören eine ganz bestimmte Songzeile partout nicht aus dem Kopf bekommen hat. Das machen Teramaze auch bei kompakten Kompositionen wie "Son Rise" extrem gut. Und, siehe da: Da wird es beim Zehnminüter "Modern Living Space" doch nochmal etwas episch – und eine kompakte Hook bleibt genial im Ohr. Ohne zu nerven.

Das soll nun mitnichten heißen, Teramaze wären melodisch auf der schmalen Spur unterwegs – im Gegenteil. Jenseits der kompakt konfektionierten Ohrwurm-Partikel wird großes Musiktheater gespielt. "Untide" ist hier ein Highlight (inklusive cool verbautem "Eleanor Rigby"-Zitat), bei dem sich die Gesangslinien elegant weiter und weiter schlingen und schlängeln. Auch "Head Of The King" – mit mehr als elf Minuten Länge der zweite Track im zweistelligen Minutenbereich – ist eine melodische Wundertüte. Hier legt man auch in Sachen Songwriting noch einen Song mit Doktorhütchen vor. In dieser epischen Ausprägung ist die Nummer am Ende des Albums optimal platziert, wobei auch die übersichtlicheren Stücke allesamt kleine Kunstwerke mit epischem Mikro-Kosmos sind.

Die Keyboards haben kein sonderlich prägendes Eigenleben, sind aber für den sehr theatralischen Gesamtsound unbedingt wichtig. Es werden warme Teppiche ausgebreitet, aber auch – ganz im Gegenteil dazu – unterkühlte, nervöse Spannungen hinzugefügt, wie bei der hypnotisch-guten Mid-Tempo-Nummer "Jackie Seth" (was für ein Groove!) oder auch beim mysteriös-spannend angestrichenen "Search For The Unimaginable". Mit "Waves" bietet das Album auch noch eine atmosphärische Ballade, die skurrilerweise als solche beim Durchhören von "And The Beauty They Perceive" gar nicht aus dem klanglichen Rahmen fällt, weil auch sie bei aller Zurückhaltung mit viel Kraft instrumentiert und viel Inbrunst gesungen wird.

Unterm Strich ist "And The Beauty They Perceive" ein qualitatives Ausrufezeichen einer Band, die eindrucksvoll untermauert, wie gut intensiver, eingängiger und gleichzeitig technisch intelligenter Power Prog klingen kann. Fans beispielsweise von Seventh Wonder, Vanden Plas, Serenity oder Andromeda sollten diese Band dringend auf dem Schirm haben, wenn das nicht schon längst der Fall ist. Das Album ist nicht 'besser' als "I Wonder" von 2020; und "Sorella Minore" kann wegen dieses einen überwältigend guten Longtracks auch nicht 'übertroffen' werden. Das Album unterstreicht einfach nur dick und fett, wie gut Teramaze das können, was sie tun: Qualitäts-Metal mit Emotion, IQ und vor allem Instinkt. Bravo!


Line-up Teramaze:

Dean Wells (vocals, guitars, keyboards)
Andrew Cameron (bass)
Chris Zoupa (guitars, keyboards)
Nick Ross (drums)

Guest musicians:
Silvio Massaro (vocals)
Jennifer Borg (vocals)
Nathan Peachey (vocals)

Tracklist "Sorella Minore":

  1. And The Beauty They Perceive (6:01)
  2. Jackie Seth (4:51)
  3. Untide (6:05)
  4. Modern Living Space (10:11)
  5. Blood Of Fools (6:23)
  6. Waves (4:37)
  7. Son Rise (5:46)
  8. Search For THe Unimaginable (7:09)
  9. Head Of The King (11:13)

Gesamtspielzeit: 62:17, Erscheinungsjahr: 2021

Über den Autor

Boris Theobald

Prog Metal, Melodic Rock, Klingonische Oper
Meine Beiträge im RockTimes-Archiv

Mail: boris(at)rocktimes.de

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