Zahlen und Zombies… eine erstaunliche Mystik, die das Reich der untoten Briten seit mittlerweile sechs Dekaden durchzieht.
Zwei Jahre gab es die Band bereits nicht mehr, als "Time Of The Season" 1969 die wahrhafte Bedeutung wundersamer zeitgeschichtlicher Verfehlungen erklärte und zum Welthit der Londoner machte.
Im United Kingdom der Sixties tastete man sich eher zaghaft an die selbstbewussten Blues- und Jazz-orientierten Schatten der Beatles heran. In den United States hingegen vernahm man die Zombies als definitiv eigene Größenordnung, katapultierte sie schon 1964 mit "She’s Not There" auf den zweiten Platz und fünf Jahre später mit ihrem Meilenstein "Odessey And Oracle" samt »what’s your name, who’s your daddy…« an die Spitze der Charts.
Sie waren die Zweiten nach den Beatles überhaupt, die mit einem selbst geschriebenen Song Nummer Eins in den Staaten wurden. Zehn Jahre nach dem späten Überraschungserfolg des tiefen-psychedelischen Zeitgeist-Orakels sorgt ein junger Brit-Charts-Stürmer namens Paul Weller für eine weitere Reinkarnation der Zombies, indem er "O & O" als für ihn einflussreichstes Album und Alltime Favorite bezeichnet und damals bis heute nicht müde wird, seinen Fans allen Ernstes Platten des 67er Glanzwerks zu verkaufen, um sie von dessen Strahlkraft zu überzeugen und in den Bann seiner Z-Faszination zu ziehen.
Heute feiert das in den ehrwürdigen Abbey Road Studios aufgenommene "Odessey And Oracle" sein Fünfzigjähriges, erfreut sich nicht nur trotz oder gerade wegen des hübschen Schreibfehlers im Titel ungemein steter Beliebtheit, ja sogar wachsender Verkaufszahlen, wie die Zombies-Urgesteine Rod Argent und Colin Blunstone selbst verwundert, jedoch nicht ohne Stolz zu Protokoll geben. Ebenso leuchtend funkelt das Juwel als No. 100 unter den 500 besten Alben aller Zeiten, fachspezifisch seziert vom Rolling Stone. Man bemerke … aller … Zeiten …
Grund genug für die charmanten Gespenster, aus ihrem allzu lebendigen Halbreich erneuerbarer Energien immer noch beachtlich frisches, stilvolles wie spannendes Songmaterial heraufzubefördern, und ihren sagenhaften Hype auch live kontinuierlich weiter zu zelebrieren – speziell jenseits der Themse und des großen Ozeans, wo man den Zombies die Tore von jeher viel weiter öffnete.
Die Ostküsten-Metropolen New York City und Washington D.C. scheinen geradezu Heimstätten der Briten zu sein, die man am zweitgenannten Schauplatz des bezaubernden, legendären Birchmere in Alexandria, Virginia, ein paar Meilen südlich des Capitol, am Abend des 13. März 2018 erneut frenetisch zu begrüßen weiß.
Nachdem im Vorfeld Ed Rogers, ein aus dem Dunstkreis der British Invasion um Kevin Ayers und The Soft Machine hervorgegangener Exil-New Yorker einige vorzüglich handgemachte, glaubwürdige Beispiele seiner Singer/Songwriter- und Storyteller-Qualitäten zum Besten gibt, bejubeln gegen 20.10 Uhr ca. 500 finster-fröhliche Gestalten ein putzmunter erscheinendes Quintett zombischer Halbgeister. Die fackeln nicht lange und liefern mit "Road Runner" gleich zu Beginn einen exzellent rockenden Straßenzustandsbericht ihres 54 Jahre alten Klassikers ab. Der zeigt nach kleinen nostalgischen Umwegen geradewegs in Richtung 21. Jahrhundert! Denn The Zombies pflegen ihr klar verleugnendes Verhältnis zu Zeit und Raum und definieren es per "Moving On", einer eindrucksvollen Beweglichkeitsstudie aus ihrem aktuellen Rhythm’n’Soul food-Programm "Still Got That Hunger". Und sie essen… trinken… genießen jeden Augenblick ihrer vollkommenen Herrlichkeit im Angesicht Hunderter verzückter Fans, die elektrisiert sind von den unvergleichlichen Z-Trademarks "Tell Her No", "I Love You", "She’s Not There", "I Want You Back Again" oder dem fulminanten West Coast-Intermezzo "Care Of Cell 44", das Brian Wilson und Phil Spector an keine farbenprächtigere Soundwand hätten malen können.
1,90 m-Front-Zombie Colin Blunstone verblüfft in nachtschwarzer, leder-gewandeter, armausbreitender, weit ausholender stimmgewaltiger Präsenz, die er wie eh und je auch in das unverkennbar schwülwarm gehauchte Timbre Band-typischer Verführungskünste zurück verbannen kann. Das einst vielversprechende Rugby-Talent aus St. Albans verschaffte den Zombies 1961 dank seiner sportlichen Popularität die ersten Gigs und positioniert sich seither als markantes 'Face' und charismatischer Vokalist seines unheimlichen Gesangsvereins.
Und dann ist da Rod Argent, der seine Position links außen an einem scheinbar simplen Tasteninstrument permanent ins Zentrum des Universums verrückt. Der treibende Keil am Hammond-Organ macht aus seinen extraordinären, klassisch-fundierten Fähigkeiten wahrhaftig keinen Hehl und schneidet das Filet der meist höchst selbst verfassten Zombies-Stücke in fünfsternwürdiger Manier über das blitzende Silbertablett. Ekstatisch, bombastisch, ausufernd… lässt dieses verkannte Genie die Jon Lords von gestern, heute und morgen kreideweiß erblassen. Unnachvollziehbar feuert 'Flying Fingers' Argent durch den irrwitzigen Geschwindigkeitsrausch seiner markerschütternden Amokläufe. Der durchtrainierte 72er haut das Brett kurz und klein, brennt die Songbridges nieder, potenziert genüsslich die Kadenzen auf seiner rasenden Achterbahn, mit einer Hand, oder der anderen, beiden über Kreuz, hinter dem Rücken, dreht sich komplett weg, als könne er die Magie selbst kaum ertragen. Das Publikum bebt, und er versucht die Tobenden zu besänftigen, vollführt die Gesten eines Hohepriesters, der seine Gemeinde unter den einladenden, aufrichtenden, mal gefalteten Händen wohlwollend himmelwärts in den vergnüglichen Abgrund führt. Auf die Spitze treibt der Fanatiker diesen Skandal – with pleasured hands natürlich – bei der ultimativen Zombies-Diplomarbeit, die das Birchmere endgültig aus den Angeln hebt… "Time Of The Season". Was für ein Phänomen. Jazzy, smart, groovy, clever turnt dieser Jahrhundert-Song durchs Gehör der Generationen. Jeder kennt ihn, selbst wer nie die Zombies kannte.
Doch da gab es schon so einige eingefleischte, fürwahr illustre Kern-Zombianer, denen man im Laufe sich denkbar unterschiedlich entwickelnder Stilepochen begegnete, wie uns Miles Davis-Verehrer Reverend Argent hochinteressant und amüsant unterrichtet: Ob The Jam-Star Weller, Alt/Roots-Ikone Dave Matthews, Punk-Grunge-Master Dave Grohl, Rock-Fundamentalist Tom Petty, Saiten-Wissenschaftler Pat Metheny, oder ein gewisser Frank Beard, der in früher Jugend einer texanischen Fake-Zombies-Formation angehörte, bevor er später eine andere "Z"-Band formierte – ZZ Top. Sie alle traf irgendwann der Schlag eines der hervorstechendsten und anziehendsten Intros der Popmusikgeschichte.
Wieder geboren und wieder… wirken die Briten heute abend ohne den erst kürzlich und unerwartet verstorbenen Jim Rodford, seines Zeichens Bassist und Cousin von Rod Argent, der lange für die Zombies spielte, aber auch Jahrzehnte in den geschätzten Diensten der Kinks stand. Ein schmerzlicher Verlust, den die Band mit dem souverän grundierenden Dänen Soren Køch auszugleichen versucht, der neben einem bemerkenswert virtuos operierenden Tom Toomey an der Lead Guitar und Steve Rodford – Sohn von Jim an den Drums, die jungen Zombies buchstäblich nachwachsen lässt. Das beeindruckende Ensemble formt sein mühelos großartiges Zusammenspiel zu einem Gesamtkunstwerk zeitloser rockmusikalischer Brillanz.
"God Gave Rock And Roll To You" (1973 erstmals von Argents Prog-Pionieren aufgenommen) ist es schließlich, das man Jim zum Abschied widmet. Der rockhymnische Leitgrundsatz vollendet einen grandiosen Abend, der sie angehalten und in die Luft gesprengt hat, die Uhren hektischer Effizienz in einer rasanten virtuell und digital entfremdeten Welt sensationeller Lächerlichkeiten. Einer Welt, die langsam den Wecker stellen sollte, um aufzuwachen – It’s the time of the season der Zombies 2.0! und ihrer unmissverständlichen Kampfansage:
»No case for chasing the past…
Yesterday… it’s gone… it’s just as well…
Now we’ll take tomorrow and give it hell«
Thank you Waylen, for your photos and this great surprise!















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