«

»

Tillison Reingold Tiranti / Allium: Una Storia – CD-Review

Tillison Reingold Tiranti / Allium: Una Storia

Die Virus-Krise zwingt Menschen weltweit kreativ zu sein, damit man sprichwörtlich mit dem Kopf über Wasser bleibt. Für Künstler gilt das ganz besonders, da man ihnen weitgehend den Boden unter den Füßen weggezogen hat, während die Industrie lässig weiter werkelt und die Kurse börsennotierter Unternehmen durch die Decke schießen.

Was also tun, wenn man im Lockdown nicht einmal miteinander proben kann? – fragten sich wohl auch Andy Tillison und Flower Kings-Bassmann Jonas Reingold, die sich seit vielen Jahren durch ihre Arbeit in der Prog-Supergroup The Tangent kennen – eine Band, die auch im Hause Pasternak sehr geschätzt wird. So verabredete man gemeinsam mit dem italienischen Sänger Roberto Tiranti ein neues Projekt. Es entstand die Idee eines Konzeptalbums, dass die längst in Vergessenheit geratene italienische Band Allium in den Mittelpunkt stellt; die Band, die den jugendlichen Roberto für sein Leben prägte, als er in einem Ferienlager mit den Musikern in Kontakt kam und sogar gemeinsam mit ihnen jammen durfte.

Der Plan war und ist, Musik zu schreiben, wie sie Allium damals in den Siebzigern hätte spielen können, im Stil der Band und der Zeit, in bestem klassischen italienischen Progressive Rock. Diese Szene war damals in Italien breit aufgestellt und für ihre Leichtigkeit und Spielfreude geschätzt, jedoch über die Grenzen hinaus weniger bekannt. Auch ich habe so ein klassisches Vinyl von einer Band namens Maxophone aus dem Jahr 1975 daheim. Klasse, aber kaum einer kennt die.
Die drei Protagonisten zogen mit Antonio De Sarno (schreibt unter anderem auch für The Watch, eine sehr Genesis-affine Prog-Band) einen weiteren Italiener hinzu, um möglichst authentische Texte zu schaffen. Und um die Fiktion eines historischen Albums zu vollenden, erscheint die Musik im ersten Teil der CD in einer Version von Andy Tillison, die dem Sound der Siebziger Jahre nahe kommen soll – genauso wie ein "Respectful Remix" als moderne Überarbeitung durch Jonas Reingold.

Allein diese Vorgeschichte macht jede Menge Lust auf das Ergebnis.
So liebevoll wie die Grundidee einer Hommage an die gute alte Zeit, gestaltet sich auch die Umsetzung der wirklich zauberhaften Musik. Über die instrumentalen Mitstreiter muss man nicht weiter ausführen, die sind in der Szene über alle Zweifel erhaben. Doch mit der grandiosen Stimme Roberto Tirantis verfügt die Band fast über ein weiteres Instrument. Nicht nur der herrlich stimmungsvolle italienische Gesang setzt Akzente, Roberto versteht es auch, seine Stimme immer wieder hoch sensibel und mit Verve wie ein Instrument einzusetzen. So habe ich es einst eindrucksvoll bei Aufnahmen von Astor Piazolla gehört, dem Großmeister des Tango Neovo.

Epische Klangmalereien bilden das Grundgerüst. Vermeintliche Flötentöne, die gerne im italienischen Prog wie auch im hiesigen Krautrock verwendet wurden, stammen aus dem Synthesizer, jenem Instrument, welches Roberto damals bei Allium zum ersten mal kennenlernen konnte. Die rhythmischen Breaks sind voll von Inbrunst, die Stimmungen wechseln zwischen reflektierenden Extemporationen und kraftvollen Ausflügen. Manchmal erwischen mich die Kompositionen im Geiste ein wenig beim Canterbury-Sound der frühen Siebziger. Das hervorstechende Merkmal im italienischen Prog ist eben die Leichtigkeit, der mediterrane Spirit, die Fröhlichkeit des Seins – Eigenschaften, die man so teilweise eben auch bei britischen Bands wie Caravan vorfinden konnte. Es ist übrigens auffällig, dass es in den Siebzigern kaum Blues Rock oder andere härtere Gangarten in Italien zu entdecken gab, der Anteil progressiver Bands war dort viel höher als sonst irgendwo. Ein Land, das da Vinci oder Michelangelo hervorgebracht hat, darf auch in der populären Musik gerne für künstlerische Akzente sorgen, so gesehen steht diese Musik in einem historisch gewachsenen Zusammenhang.
In der heutigen Zeit haben sich die Anteile übrigens ein wenig verschoben. Es gibt nach wie vor viele ambitionierte Prog-Bands in Italien, doch auch im Segment Stoner und Psychedelic hat der Stiefel inzwischen die Nase sehr weit vorn. Da gibt es unzählige tolle Projekte.

Diese fantastischen Stimmungsschwankungen, die Sänger Roberto bereits in der ersten Nummer wahrlich und tief durchlebt, setzen der wundervoll dahingleitenden Komposition ein Highlight nach dem anderen. Diese Stimme ist so präsent und prägend wie einst die von Ian Gillan in seinen wildesten Nummern, auch wenn diese Musik mit Deep Purple rein gar nichts zu tun hat.
Und wenn Jonas am Ende der wunderschönen, fast zwanzig Minuten langen Nummer "Mai Tornare" phrasiert, hört man durchaus, mit wem er gewöhnlich die Saiten kreuzt. Diese herrlich hymnische Gitarre erinnert uns an den Meister, Mister Roine Stolt, mit dem er bei den Flower Kings viele Jahre verbracht hat.

Und doch, bei allen moderneren Bezügen, wir kaufen es der Band absolut ab, dass diese Sounds womöglich schon vor 45 Jahren entstanden sein könnten. Der coole Groove, der sich in "Ordine Nuovo" nach einem langen, fast klassisch wirkenden Piano-Opening entwickelt, nimmt uns jazzig auf und lebt fortan von der fantastischen Stimme Robertos. Furios entwickeln die Sounds eine geile Mischung aus jazzigen Attitüden und psychedelischen Momenten. Hier und da fühle ich mich fast an Sweet Smoke erinnert. Das beschwingte Solo lebt von Andys großartigem Piano und dem dynamisch antreibenden Bass. Ein echt fetter Spaßfaktor.

"Nel Nome Di Dio" ist eine geile Gesangsnummer. Die Hooks geben dem Werk eine kompakte Struktur, sind tragend und mitreißend, doch die stimmlichen Variationen schon in der Eröffnung sind voller Empathie und setzen wundervolle sensible Akzente. Die weitere Entwicklung des Epos baut dann ganz auf die faszinierende Komposition. Wir durchreisen sanft schräge, psychedelische Anspielungen, doch dann gewinnt ein geradezu mitreißender, groovender Drive die Vorherrschaft. Es treibt, es pumpt – hypnotisch und voller Dynamik. Enthusiastische Tasten-Experimente begleiten die wilde Fahrt.
Eine akustische Gitarre grenzt abrupt ein und fordert klassisches Schweinegeorgeln heraus. Das vermeintliche Bandoneon dazu kommt wieder einmal aus den Tasten. Ein letztes Mal darf Roberto recht songtypisch eine grandiose Strophe zum Besten geben, die Mainline setzt noch einmal ein letztes Ausrufezeichen. Geile Gitarre zum Schluss – das war’s.

Wow, ein echtes Brett. Musik wie damals, geschrieben und entstanden in diesen Tagen. Und gleich noch einmal, da wie schon erwähnt nun eine vermeintlich moderne Überarbeitung des Werks auf uns wartet. Wunderschöner Progressive Rock wie aus einem Guss und eine Liebesbekundung an eine Band aus alten Tagen, mir hat das alles sehr viel Spaß bereitet. Musik wie eine beschwingte Landfahrt durch die frühlingshafte Toskana.
Die Aufnahmen entstanden coronagerecht isoliert in Italien, Österreich und Großbritannien während des Lockdowns.


Line-up TRT:

Andy Tillison (keyboards, drums)
Jonas Reingold (guitar, bass)
Roberto Tiranti (vocals)

guest:
Ray Aichinger (soprano & tenor sax)

Tracklist "Allium: Una Storia":

  1. Mai Tornare
  2. Ordine Nuovo
  3. Nel Nome Di Dio
  4. Mai Tornare Reingold Mix
  5. Ordine Nuovo Reingold Mix
  6. Nel Nome Di Dio Reingold Mix

Gesamtspielzeit: 78:51, Erscheinungsjahr: 2021

Über den Autor

Paul Pasternak

Hauptgenres: Psychedelic Rock, Stoner Rock, Blues Rock, Jam Rock, Progressive Rock, Classic Rock, Fusion

Über mich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>