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Und immer wieder grüßt das Maultier…

Gov’t Mule live in London – 12. Mai 2016, Kentish Town

Wie um alles in der Welt soll man seine tiefsten Emotionen anderen Menschen darlegen, ohne die Hintergründe seiner eigenen Geschichte zu schildern, seien sie auch noch so persönlich und weit weg von der Musik gelagert. Ich schreibe diese Zeilen heute, am 16.05. mit der Erinnerung an vergangene Jahre, die sich immer mehr in einem unüberwindbarem Kneuel aus Rock’n’Roll und Fußball und allem anderem vermengt haben – die Frage nach dem Sein, dem Universum und allem anderen war ja schon die ultimative Frage in Douglas Adams' legendärem Roman "Per Anhalter durch die Galaxis". Bin ich am Ende nur ein Hitch Hiker durch das Universum, der das Glück hat, zur rechten Zeit Gov't Mule live in London mit dem richtigen Daumen zu drücken?

Genau heute vor einem Jahr opferte ich das Konzert von Gov’t Mule in Aschaffenburg meinem Fußballverein, der damals in die zweite Liga aufstieg. Heute blicke ich zurück – und damit endlich ein Wort über Rock’n’Roll – auf das Mule-Konzert in London am 12. Mai in Kentish Town.

Es war eine Reise in die Vergangenheit, in meine Schulzeit, als wir 1979 mit unserer damaligen Abschlussklasse und den wohl besten Klassenkameraden, die ich jemals hatte, eine Woche lang durch London kreuzten und uns wie verrückt freuten, als wir in Harrow, unserem Domizil, einen Metzger fanden, der doch tatsächlich Ernest Knickerbocker hieß. Mann, dafür hatten wir sechs Jahre Englisch gelernt, um einen Kerl zu treffen, der Knickerbocker hieß! Diese Tage begründeten auch meine bis heute vorhandene Liebe zum FC Liverpool. Damals als übermächtiger, fremdartiger und von einer unglaublichen Menge uns sehr ähnlicher Menschen bewunderter Club, später mit tiefer Emotion in diversen Veranstaltungen verfolgter Verein, stehe ich nun kurz vor einem weiteren, höchst bedeutsamen Ereignis.

Am 16. Mai 2001, heute 15 Jahre zurück, war ich übrigens live dabei, als die 'Roten' in Dortmund in einem unfassbaren Fußballspiel den Pokal holten – 5:4 mit Golden Goal, nahe an der Herzinfarkt-Grenze. Und mein Heimatverein, der ebenfalls am 16. Mai (1998) fast den DFB-Pokal gewonnen hätte, wenn nicht ein ganz furchtbarer Mensch namens Hartmut Strampe uns damals brutal verpfiffen hätte, kann in diesen Tagen tatsächlich doch noch die Klasse halten, obwohl uns die gesamte Fußballwelt schon lange als verstorben abgeschrieben hatte.

Damals übrigens, als wir Herrn Knickerbocker so cool fanden und Londons Geheimnisse zu enträtseln suchten, da hätten die 'Zebras' beinahe auch einen Europäischen Triumph errungen – kaum einer, der das heute noch weiß. Aber die Dinge um all die Emotion aus Fußball, Nostalgie, aktuellem Geschehen und Rock’n’Roll scheinen sich mit jedem Jahr mehr und mehr um meine geliebten 'Maultiere' zu konzentrieren und sie rotieren mich immer mehr in diesen Sog aus tiefster Passion, Empathie, Geschichte und aktuellem Erleben, gerade so, als ob Warren Haynes in meinem Leben die wahren und wirklichen Highlights vereinen wollte – ganz gleich, ob mit seiner Musik oder mit der Mystik des Augenblicks in faszinierenden Städten und unter abenteuerlichen Begleitumständen. Volltrunken mit Flashbacks aus meinem Leben.

Und am 20. Mai werde ich Gov’t Mule in Hamburg sehen, genau zu der Zeit, wenn meine 'Zebras' ums Überleben kämpfen. Nennt mir einen emotionaleren Hintergrund.

Doch wie war nun London? Na, geil wars, in jeder Beziehung. Mein letztes 'Maultier'-Erlebnis live hatte ich im Juni letzten Jahres im Internet, Gov't Mule live in London als die Jungs in Hunter, NY, ihr legendäres "Dark Side Of The Mule" zwei Stunden lang zelebrierten. Doch Pink Floyd waren an diesem Abend in Kentish Town kein Thema. Statt dessen zimmerten sie in ihrem ersten Set weitgehend eine Power-Nummer nach der anderen in das historisch geprägte Theater, in dem ich mich als Rückenpatient sehr über einen Sitzplatz in Balkon-Qualität freuen durfte – auch wenn das Hick-Hack um die Tickets von Eventim-UK hier besser nicht wiedergegeben werden sollte. War eigentlich eine peinliche Nummer.

Im Prinzip ging es von der ersten Sekunde an voran. Mit "Blind Man In The Dark", Rocking Horse",  "Larger Than Life" oder "Thorazine Shuffle" kannst Du Energie erzeugen, die sogar den Eurostar-Zug durch den Tunnel jagt – in unserem Fall hat er das übrigens vorzüglich und ohne jede Probleme vollzogen. Faszinierend, wie sehr unsere 'Esel' auf die Tube drückten. War es aktuelle Inspiration, vorab überlegte Strategie, bei Gov’t Mule weiß man das nie, die spielen einen Set niemals wie einen anderen – manchmal reicht da ein Zuruf aus dem Publikum. Der wurde an diesem Abend übrigens nicht erfüllt. Schon nach der ersten Nummer grölte ein offensichtlich in bester und trinkfreudiger Stimmung befindlicher Enthusiast einen Wunsch in Richtung Bühne, der von Warren unverzüglich und süffisant mit »may be« beantwortet wurde. Es war der Wunsch nach "Wish You Were Here". Ich hätte ihn gern unterschrieben – doch sie hatten andere Pläne für uns.

Gov’t Mule zelebrieren ihre Konzerte nach einem klaren Plan. Etwa 70 Minuten läuft das erste Set, dann gibt es eine knappe halbe Stunde Pause. In der zweiten Runde geht es über die gleiche Dauer wie in der ersten Halbzeit, bevor in der Verlängerung so manches Überraschungsei ausgepackt wird. Heute geschah dies schon in Set Zwei. Normalerweise bringt Matt Abts hier ein zehn minütiges Schlagzeugsolo zum Besten, heute beschränkte er sich auf vereinzelte Solo-Einlagen während der Songs. Ungewöhnlich – aber der Mann wird auch nicht jünger.

Dafür zeigte sich einmal mehr, dass ich die grundsätzliche Schematik meiner Lieblingsesel immer mehr verinnerliche. Nach all den harten und treibenden Nummern des ersten Sets war mir absolut klar, dass in der zweiten Runde die gefühlsbetonten Songs an die Reihe kommen würden. Die Nummern, die Warren wie kein anderer auf der Welt beherrscht. "Banks Of The Deep End" zum Start zeigte, dass ich richtig lag, gleich gefolgt vom herrlichen "Time To Confess", eine meiner meist gehörten 'Esel'-Nummern in langen Nächten unter dem Kopfhörer.

Vor allem aber war der zweite Set geprägt von entspannt, psychedelischen und bluesigen Jams, so wie ich Gov’t Mule ganz besonders mag. Mal klang es nach den Grateful Dead, dann nach den Allman Brothers und "Dreams" von eben genau dieser Band habe ich auf Mule'ige Weise auch noch nicht gehört. Das ist Warrens Metier, wenn er aus einem relaxten Grundthema ganz langsam seine Kreise zieht, das Tempo und die Intensität nach Bedarf steigert oder zurück nimmt, dann ist er nicht mehr von dieser Welt und in diesen Minuten löst Du Dich aus Deinen irdischen Hüllen hinein in ein Universum aus großen Gefühlen, bunten Phantasien und ekstatischen Ausbrüchen. Warren Haynes ist Dein Reiseleiter in die tiefsten Winkel Deines Selbst und gleichzeitig in eine einzigartige, weil perfekte Welt, in der es nur noch Einklang und alles umfassende Liebe gibt. Musik, die den Planeten erlöst und Dich befreit.

Ob das geil war? Na sicher war es das!

Gov't Mule live in London In der Zugabe haben sie noch einmal alle Register gezogen. Das wunderbare, mäandernd treibende "Fallen Down", die "Another One Jam" und vor allem den treibend, Soul atmenden Blues "Feel Like Breaking Up Somebody´s Home" mit Joe McGlohon am Saxophon und vor allem Bernie Marsden an der fast Gilmour’schen Gitarre. Eine herrliche Nummer, die irgendwie noch nach einem Floyd’schen Song aus "The Dark Side Of The Moon" zu rufen schien. Vielleicht war das eher reserviert begeisterte Publikum in Kentish Town nicht euphorisch genug, ich bin überzeugt, in Köln oder Hamburg hätten die Enthusiasten vielleicht doch noch "Money" oder "Time" heraus gebrüllt.

Andererseits, und das muss ich als Mit-Fünfziger inzwischen zugeben, war ein pünktliches Ende kurz nach Elf nun auch nicht zu verachten, da mich die Underground-Bahn noch aus dem hohen Norden ins beschauliche Kensington bringen musste. Das aber hat sie vorzüglich und mit äußerster Pünktlichkeit getan.

So darf ich zum Ende feststellen: Die Buddhisten glauben an die dreizehn Stufen bis hinein ins Nirwana. In London erlebte ich mein dreizehntes Mule-Konzert und fühle mich dem Kosmos schon recht nah. Ich freue mich auch auf die Dinge, die mein Leben nebenbei ein wenig bereichern – und die haben halt hier und da mit Fußball zu tun. In diesen Tagen, da Warren bei uns ist, spielen die 'Roten' um den Europa-Pokal, kämpfen meine geliebten’Zebras' um den nicht mehr für möglich geglaubten Klassenverbleib in der Liga. Hier schließt sich eben der Kreis zum letzten Jahr und es könnte noch einmal so sein, wie es damals war. Wenn der 'Esel' kommt, wird alles gut, dann gewinnen sogar Deine Fußball-Vereine. Wer mag sich da noch wundern, dass Gov’t Mule in meinem Empfinden längst einen Religion gleichen Charakter genießen.

Ich sag es immer wieder und es entstammt aus tiefstem Herzen: Nichts und Niemand ist wie Gov’t Mule!

 

Über den Autor

Michael Breuer

Hauptgenres: Gov´t Mule bzw. Jam Rock, Stoner und Psychedelic, manchmal Prog, gerne Blues oder Fusion

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