Mit Schnee (nicht nur zum Schifoan) und Bergen wie dem Watzmann hatte es Wolfgang Ambros ja immer wieder. Das weisse Häuflein, das das Plattencover von "Weiss wie Schnee" ziert, hat nicht ganz die Ausmaße wie der Watzmann, genauso wie diese Platte vielleicht nicht ganz den Status wie "Schifoan", Zentralfriedhof oder Wie im Schlaf hat.
Cargo Records und Bellaphon legen schon seit einiger Zeit den Backkatalog von Wolfgang Ambros in hochwertigem Vinyl neu auf. Das 1980 im Original erschienen "Weiss wie Schnee" liegt seit ein paar Wochen in den Regalen der Händler. Ist es "Ein Großes Werk"? Gleich vorweg – nicht nur der letzte Titel dieser Langrille ist ein großes Werk, mir gefällt das komplette Album ausgesprochen gut. Es ist erdig, hat relativ viel Rock und Blues in sich und ned gar soviel Schmäh. Hier werden sich vielleicht die Geister scheiden. Im Heimatland schaffte es "Weiss wie Schnee" auf den ersten Platz der Albumcharts, in Deutschland immerhin auf Rang 31. Es war übrigens das erste Mal, dass ein Ambros-Album es in die deutschen Charts gepackt hat. Und nochmal vorweg – die liebevolle Überarbeitung und das hochwertige Vinyl haben der Scheibe ganz sicher gut getan, denn immer wieder war ich beim Zuhören hin und weg von diesem Klang.
Bei "Gezeichnet für’s Leben" geht’s schon los. Percussion, hämmerndes Piano, E-Gitarre, volles Programm und voller, satter Sound. Drüber der Sprechgesang, der in sanfte Melodie übergeht. Geil!!! "Original Clarks" haben was von einem Kinderlied, dazu passt die ungewohnt sanfte Ambros-Stimme. »Niemand, niemand…« der Song atmet so viel Atmosphäre einer lang zurückliegenden Jugendliebe. Reggae-Rhythmen unterlegen "I wü frei sein" und bringen einen total coolen Groove rein. »I scheiß auf wos do war und wos no kummt«, Revoluzzerfeeling mit in-den-Tag-reinleben noch und nöcher. "Guten Morgen" klimpert das Piano und erfährt Unterstützung vom blubbernden Bass. Ambros setzt mit Husten und gesprochenen Worten ein, bevor der Song seine volle Wucht entfaltet, wenn nach und nach die restlichen Instrumente einsetzen und sich die Dynamik steigert. Windrauschen unterbricht den gerade begonnenen Song, Ambros steigert sich in eine Schimpftirade, die von der Elektrischen kräftig untermalt wird. »Wo ma hinschaut nix wia Scheiße«. Viel zu schnell klingt die erste Plattenseite mit "Weiss wie Schnee" aus. Ein getragener Anfang verbreitet eine geradezu bedächtige Stimmung, das leichte Knistern der Nadel passt hier perfekt dazu. Die tiefen Töne gehen immer tiefer und Ambros' Stimme passt sich dieser Tiefe an und trägt bedeutungsschwanger den Text vor. Ganz langsam geht er vom Gesprochenen zum Gesang über. Quälend langsam ist sein Vortrag, voller Nachdenklichkeit und Melancholie und wenn’s im Refrain dann mal ein bisschen bombastisch wird, dann passt das schon. Auslaufrille, kurze Umdrehpause und weiter geht’s mit der zweiten Seite.
"Kaputt und munter" geht auch wieder langsam und instrumental los. Viel Piano, einsetzende Band und ganz viel Gänsehaut. "Geteiltes Leid" ist noch so eine Nummer, bei der ich fasziniert bin, was da alles zu hören ist. Schwer stampft der Bass am Anfang, Ambros' schimpfender Gesang steigert sich immer wieder weiter rein und die Elektrische wimmert und jammert vor sich hin. Ein überraschender Übergang führt in ein scheinbar federleichtes Liedel, das sehr abrupt endet. "Sodbrennen" ist für mich so ein bisschen der Außenseiter auf dieser Platte, diese Ausführung über ein unangenehmes körperliches Phänomen bräuchte ich nicht unbedingt, vielleicht auch, weil es von der Machart her so ein wenig an "Schifoan" erinnert, auf das ich den Wolfgang Ambros nicht so gern reduziert sehen möcht – Hit hin oder her. Umso lieber mag ich sein "A grosses Werk", für das ich, wie oben schon geschrieben, diese Platte halte. Vielleicht nicht sein größtes, aber sei’s drum, ’ne richtig gute Platte ist das allemal.
Line-up Wolfgang Ambros:
Wolfgang Ambros (Gesang, akustische Gitarre)
Peter Koller (E-Gitarre)
Günter Dzikowski (Keys)
Helmut Nowak (Schlagzeug, Percussion)
Helmut Pichler (Bass)
Tracklist "Weiss wie Schnee":
- Gezeichnet fürs Leben
- Original Clarks
- I wü frei sein
- Guten Morgen
- Weiss wie Schnee
- Kaputt und munter
- Geteiltes Leid
- Sodbrennen
- A großes Werk
Gesamtspielzeit: 40:01, Erscheinungsjahr: 2016 (1980)



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