«

»

/A\ / /A\ – CD-Review

/A\ / Same – CD-Review

Kennt Ihr den Film "Angel Heart"? Dort gibt es die wiederkehrende Sequenz eines Lastenaufzugs, dessen Gittertür sich unter einem bedrohlich wirkenden Ventilator langsam schließt und der in eine scheinbar nicht enden wollende Tiefe hinab fährt. Im Film ist es eine Metapher auf den Protagonisten, Harry Angel, der ohne sein Wissen einst seine Seele dem Teufel verkaufte und nun seinem Schicksal nicht mehr entrinnen kann. Der Aufzug kennt nur einen Weg. »Von nun an ging’s bergab«, sang schon die Knef.

Löst man diesen Filmschnipsel jedoch aus dem Kontext, könnte er genauso gut zu der Atmosphäre und den Hintergründen des Projektes /A\ führen, wenn man es so sehen will. Nur hier führt uns der Aufzug hinab in die Tiefen unseres Unterbewussten, wo wir uns von den herrschenden Bildern und Meinungen an der Oberfläche frei machen können. Und vielleicht ist es genau der Ort, wo auch die drei Musiker sich auf Augenhöhe begegnet sind. Intuitiv, ohne Navi, ohne einen vorgefassten Plan. So ähnlich beschreiben die Projekt-Teilnehmer bzw. deren Promoter tatsächlich das Aufeinandertreffen. Emilie Zoé ist eine Art Queen of Underground in der Schweiz und bringt ihren Schlagzeuger Nicolas Pittet mit ins Rennen. Dort – oder am Ende des Fahrstuhls – begegnen sie dem Mastermind von The Young Gods, Franz Treichler. Ein Schweizer Powertrio des Underground? Na klar!

Eigentlich war das Projekt der beteiligten Musiker für ein Festival in Auftrag gegeben worden, doch dann kam die Pandemie. Was also tun mit all den fruchtbaren Erfahrungen aus diversen Jams, mit denen man sich 2020 auf den Auftritt vorbereitete? Hier ist das Resultat.

Und gleich ist Industrial Blues Time. Schwer zu glauben? "Hotel Stellar" ist ein Phänomen, eine Chimäre und eine kolossale Erfahrung, ein avantgardistischer Blues mit Gänsehaut erzeugender Dehnung und Streckung. Doomig schwerfällig und doch irgendwie samtig einnehmend mit verstohlen glitzernden Gitarren-Partikeln und elektrisierend durch die beiden Vokalisten, die sich in faszinierender Weise ergänzen. Eine Filmmusik zu einem Film, den ich gerne sehen würde. Die Gitarre über den spärlichen elektronischen Schichten lässt mich erschauern. Hier sind wir fern von allen gängigen Genre-Vergleichen, denn hier entwickelt sich gerade etwas – etwas Spannendes, vielleicht Ungreifbares.
"Grain Sand And Mud" kommt erst mal lockerer daher. Gefällig gängiger Rhythmus, ein lockerer Groove, die Knie beginnen mit leichtem Wippen. Repetitiv monotone Phrasen leiten die Steigerung des Songs ein, der von erstaunlich lässigen Gitarren fortgetragen wird. Hey, die Hooklines sind hier erstaunlich cool. Aber erwarte das Unerwartete.

"We Travel The Light" setzt voll auf die konträren Gesänge von Emilie und Franz, bevor ein elektronisch gestütztes Break dazwischen haut. Doch der getragene Rhythmus arbeitet sich krachend durch den Song und eine verzerrt schrammelnde Gitarre zieht sich wie ein haariger Schwanz hinterher. Und plötzlich steckt man mitten im nächsten Song.

Alternative Rock ist eine harmlose Bezeichnung für all die wundervollen Spielarten, die sich dahinter verbergen können. Vielleicht ist es ein besonderes Anliegen gerade an meine Generation der Altrocker, hier endlich einmal die Ohren zu öffnen. Wer kreative Ansätze sucht und nicht auf ewig festgefahrenen Trassen fahren möchte, könnte hier ein Stück weit den Weg nach Damaskus finden.

Wie geil, dass "Count To Ten" wie eine romantische Ballade beginnt. Quatsch, es ist eine Ballade, man erwartet sie vielleicht nicht in Musik wie dieser. Vorurteile auf der Oberfläche, nutzen wir den Fahrstuhl nach unten – sag ich doch.
Genre-typisch monotoner Rhythmus, simple Saiten-Applikationen, spärlicher Gesang. Jetzt tauchen wir ab in das Reich industrieller Sounds. Ein eigentümlicher Sog entsteht, unwiderstehlich, unausweichlich. Beide Stimmen konkurrieren, kommen sich näher. Die Gitarren verschärfen den Ton und fahren plötzlich zurück. Die Atmosphäre wird ruhiger, bedrückender, beängstigender. Avantgardistisch puristische Soundscapes schweben bedrohlich in einem urbanen Raum, aus dem plötzlich die Luft raus gelassen wird. So geraten wir in die Schluss-Sequenz, dem instrumentalen "Our Love Is Growing". Hypnotischer Groove, reduziert industrielle Gitarrenklänge, doomige Entschleunigung. Die Spannung und Elektrizität hingegen ist von der ersten Sekunde an auf hohen Amplituden. Unsere Liebe wächst, so heißt ja der Titel. Sie entwickelt sich in den gegenläufigen Gitarren, die ihre Energie mehr und mehr in die Sphären jagen, wo sie sich begegnen und umschlingen. Erst vorsichtig und zurückhaltend, doch der Druck wächst, bis sanfte Verwirbelungen zum Ende hin von einer erfolgreichen Vereinigung künden. Klingt geil, ist es auch.

Kristallen sagt man bisweilen geheimnisvolle Kräfte nach. Bislang ist das eher ein Privileg der Esoteriker, doch auch die Wissenschaft hofft auf noch unbekannte Phänomene. Das Zusammenwirken der Musiker von /A\ scheint mir ein wenig davon vorweg zu nehmen. Drei Kristalle, verborgen in den Tiefen der Erde, die in einem Hohlraum plötzlich interagieren, sobald ein wenig Licht einfällt. Es ist das Wesen der Musik schon seit mehreren Generationen. Improvisation. Der Jazz funktioniert eigentlich nur über dieses Prinzip, doch wir alten Rocker beschränken diese Eigenschaft meist eher auf Leute wie Santana, Clapton oder vielleicht auch Warren Haynes. Interaktion im Underground haben wenige auf dem Schirm – und genau das ist das Signal von /A\. Hol die richtigen Leute zusammen und schau, was geht.

Hier entsteht ein wundervoll authentisches Werk zwischen Menschen, die eine Intention haben. Da ist es wurscht, welcher Musikrichtung man nacheifert.
Cooler kann Underground kaum sein.


/A\ Line-up:

Nicolas Pittet (drums, electronics)
Franz Treichler (vocals, guitar, electronics)
Emilie Zoé (vocals, guitar, bass)

Tracklist "/A\":

  1. Hotel Stellar
  2. Grain Sand And Mud
  3. We Travel The Light
  4. Fire In My Fingers
  5. Count To Ten
  6. The Leaves
  7. Our Love Is Growing

Gesamtspielzeit: 39:43, Erscheinungsjahr: 2021

Über den Autor

Paul Pasternak

Hauptgenres: Psychedelic Rock, Stoner Rock, Blues Rock, Jam Rock, Progressive Rock, Classic Rock, Fusion

Über mich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>