Neuauflagen zu runden Geburtstagen von extrem, sehr, weniger oder gar nicht erfolgreichen Alben gibt es ja zuhauf. Selbst wenn die meisten Labels dies nicht aus Liebe zur Musik, sondern vielmehr deshalb praktizieren, um die Rechte an den Scheiben nicht zu verlieren. Diese Praxis ist in aller Regel bei den Fans bestimmter Musiker oder Bands gern gesehen, da als Kaufanreiz meist massenhaft Bonus-Material beigefügt wird. Wie ergiebig oder befriedigend dieses ausfällt, liegt anschließend natürlich immer im Auge bzw. Ohr des jeweiligen Fans. Aber wie dem auch sei, bei einem aktuellen Reissue zum fünfzigsten Geburtstag, das den Rezensenten sehr freut und das so was von verdient ist, handelt es sich um das erste Soloalbum des Gitarristen und Sängers Ax Genrich mit dem Namen "Highdelberg". Der gute Ax war in den sechziger Jahren kurzfristig Mitglied bei Agitation Free und wechselte anschließend zu Guru Guru, wo er für dreieinhalb Jahre und die ersten fünf Alben die Axt schwang.
Für "Highdelberg" hatte er sich die Crème de la Crème der Krautrock-Szene ins Studio geladen. Zum einen seinen ehemaligen Guru-Kollegen Mani Neumeier an den Drums und dazu die komplette Band Kraan in Form der Musiker Peter Wolbrandt, Hellmut Hattler und Jan Fride. Um das Line-up abzurunden, kamen dann noch die beiden Cluster-Musiker und Electronic-Freaks Dieter Moebius sowie Hans-Joachim Roedelius hinzu. Produziert wurde in Conny Planks neuem Studio, ausführende Produzenten waren Genrich und Plank. Um eines mal gleich vorneweg zu nehmen: "Highdelberg" hört sich nicht nach Guru Guru, aber dennoch ganz deutlich nach Ax Genrich an, der hier einerseits sehr melodische Songs mit seiner bärenstarken Gitarrenarbeit abliefert und andererseits durch hohen Variantenreichtum überzeugt. Und dass die Beiträge der bereits genannten Kollegen alles andere als von schlechten Eltern sind, versteht sich bei diesen Namen wohl eh von selbst.
Wow, wo fange ich an? Vielleicht bei dem bis heute bekanntesten Stück "Kosmische Phyrze", eine supercoole Gitarren-Nummer mit einer extem starken Melodie, die dazu wie gemacht ist für einen Film-Soundtrack. Das ist eines dieser Stücke, bei denen man einfach nur die Augen zumachen und genießen kann, während sich das eigene Kopfkino ganz automatisch einschaltet. Nicht das Entscheidende, dafür aber das Sahnehäubchen bei diesem Track sind die zwar dezenten, aber dennoch sehr effektiven 'Zutaten' von Moebius/Roedelius. Zwei Schritte bzw. Songs zurück, dürfen wir zur "Odenwaldpolka" abrocken, ebenfalls instrumental und mit sehr feiner Gitarrenarbeit performt, dazu deutlich schneller als die "… Phyrze". Und bei solcher Songwriting-Qualität vermisst man den Gesang noch nicht einmal. Apropos Gesang, wenn dieser vorhanden ist, dann sollte man sich nicht von den Songtiteln irritieren lassen, da er, abgesehen von dem Wort 'Platzhirsch' dann doch durchgehend auf Englisch praktiziert wurde.
Es ist fast schon ein Sakrileg, lediglich darüber zu schreiben, da man diese Songs einfach hören (!!!) muss. Zwar haben wir es mit einer Platte zu tun, die weder die Welt verändert und sich davon abgesehen damals auch nicht besonders gut verkauft hat, die aber zu Recht bereits seit Jahrzehnten einen Kult-Status besitzt. Um sie mit allzu vielen Worten nicht ihrer Magie zu berauben – was eigentlich auch gar nicht möglich ist – seien an dieser Stelle lediglich noch das untypische und abgedriftet country-psychedelische "Super Normal Rider" und das Bluegrass-Stück mit Bezug auf die deutsche Geschichte durchs Ziel fegende "A National Affair" erwähnt. Coolen Blues gibt es bei "No Matter No. 769" und das abschließende "Saure Drops & süßer Wein" ist dann nochmal eine coole Session mit jeder Menge Adrenalin in den Adern.
Sehr spannend ist auch festzustellen, dass hier ganz eindeutig schon die spielerischen wie gesanglichen Charakteristiken auszumachen sind, die der Rezensent aus den späteren Alben Genrichs, etwa ab der Platte In A World of Dinosaurs (2014) und fortlaufend, genießen durfte. "Highdelberg" ist eine echte Kult-Platte und ein Muss für alle Krautrock-, ach was, tatsächlich für alle Musik-Fans, die Wert auf Qualität, gute Songs und gute Einspielungen legen! Selbst die Schreibweise des Albumtitels entlockt ein Schmunzeln.
Line-up Ax Genrich:
Ax Genrich (acoustic, lead & rhythm guitars, banjo, mouth organ, bass, percussion, lead vocals)
Peter Wolbrandt (lead & rhythm guitars, congas, background vocals)
Hellmut Hattler (bass, background vocals)
Dieter Moebius (arp synthesizer)
Hans-Joachim Roedelius (Yamaha organ, echoes)
Mani Neumeier (drums, congas)
Jan Fride (drums)
Tracklist "Highdelberg":
- Der Platzhirsch
- Odenwaldpolka
- Wapitis Rückkehr
- Kosmische Phyrze
- Super Normal Rider
- A National Affair
- No Matter No. 769
- Saure Drops & süßer Wein
Gesamtspielzeit: 40:56, Erscheinungsjahr: 2025 (1975)



1 Kommentar
Manni
27. Juli 2025 um 18:50 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Selbst die Schreibweise des Albumtitels entlockt ein Schmunzeln.
Kein Wunder 🙂
Ich hatte damals ein T-Shirt mit diesem Text, wobei der vergrößerte i-Punkt als stilisiertes Blatt einer Marijuana-Planze dargestellt wurde. Was wohl auch mit dem Ganzen gemeint ist…