Musik im Wiener Dialekt kommt wohl jedem von uns bekannt vor. Zumeist stammen diese Lieder aber aus dem Radio, konkret aus dem Bereich des Schlagers.
Die Buben im Pelz sind mit ihrer neuen CD "Geisterbahn" angetreten, Wiener Schmäh in der Rockmusik salonfähig zu machen. Gewöhnungsbedürftig klingt das nicht, denn die Kombination Musik und Mundart beziehungsweise Dialekt hat immer ihren Reiz. Deshalb ist das Prädikat selten zutreffender, nimmt man die Rockmusik zum Maßstab.
Die sechs Protagonisten legen mit "Fieber" verheißungsvoll los. Schnörkellos und dynamisch mit knackigem Gitarrenspiel kommt der Opener daher. Dem folgt der Titelsong der CD, "Geisterbahn". Mit etwas mehr Keyboardunterstützung klingt das zweite Stück schon etwas experimenteller. Das Lied beschreibt die Gegenwart als Rummelplatz politisch verirrter Seelen. "Geisterbahn" geht gut ins Ohr. Die Komposition zeigt an einem Beispiel, dass es der Band in den Texten sehr wohl um Protest und Kritik geht. Doch setzen die Musiker hier nicht den Hammer an, denn ihre Melodien sind nur selten melancholisch oder gar traurig. Die Musik klingt eher schon versöhnlich, vor allem "Frühlingsgespenster" und "Einsame Gammler" sind eingängige Popmelodien.
Stilistisch lassen sich Die Buben im Pelz ohnehin nicht festlegen. Man kann die österreichische Band zwar in die Nähe von Indie und Alternative mit deutschsprachigen Texten rücken, aber ihre Vorliebe für die Einstürzenden Neubauten leben sie komplex aus. Die Berliner gehen einem betont experimentellen Musikstil nach. Beim Album "Geisterbahn" hatte die 1980 in Berlin (West) gegründete Formation fast so etwas wie eine Patenfunktion inne. Die CD wurde im Herbst 2019 zu Teilen von Alexander Hacke in Berlin aufgenommen. Hacke ist nicht nur Bassist der Einstürzenden Neubauten. Er arbeitet außerdem als Musikproduzent, als Komponist von Filmmusik und ist Schauspieler. Das dritte Album der Buben im Pelz wurde zu Beginn in Berlin aufgenommen. Hier wurde es produziert und gemischt. Involviert war ebenfalls der Wiener Produzent Alexander Lausch. Die Corona-Pandemie sorgte nach Information der Band dafür, dass der geplante Termin der Veröffentlichung im Frühjahr 2020 um genau ein Jahr verschoben wurde. Allerdings gab es 2020 bereits zwei Singleauskopplungen zu hören.
Der Ausflug nach Berlin haucht dem Album "Geisterbahn" ein wenig den Geist der frühen 80er Jahre in der einst geteilten Stadt ein. Zumindest kommen die beiden Sänger und FM4-Moderatoren David Pfister und Christian Fuchs übereinstimmend zu dieser Erkenntnis. Diese Vielfalt ist der vorliegenden Produktion keinesfalls abzusprechen, die dadurch sehr abwechslungsreich klingt. Die 2014 als Gesangsduo gegründete Band ist inzwischen auf sechs Mitglieder angewachsen. Damit ist das Ensemble natürlich musikalisch breiter aufgestellt. Somit gibt es fast nur noch Eigenkompositionen zu hören. Das hindert die Wiener aber nicht daran, ausgewählte Stücke anderer Musiker aufzunehmen. Auf "Geisterbahn" sind das einmal der Protestklassiker "Macht kaputt, was euch kaputt macht" von Ton Steine Scherben. Das Partisanenlied "Bella Ciao" wird von den Buben ebenso an die Wiener Donau verpflanzt.
Zur Komposition "Macht kaputt, was euch kaputt macht" schreiben die Österreicher auf der bandeigenen Facebook-Seite: »Wir verneigen uns vor 50 Jahre Ton Steine Scherben und 70 Jahre Rio Reiser auf unserer neuen Platte.« Rio Reiser wäre im vergangenen Jahr 70 geworden. Das Gründungsjahr der Band Ton Steine Scherben, dessen Sänger und Haupttexter Rio Reiser alias Ralph Möbius war, ist 1970.
Die Buben im Pelz bewegen sich musikalisch und textlich ebenfalls in dieser Richtung. Wie eingangs erwähnt, lassen sie sich stilistisch nicht festlegen. Ihre Außenseiter-Hymnen verschmelzen Post Punk und Wienerlied, Rock’n’Roll und Chanson, Traurigkeit und Humor. An ihrer Ausdrucksweise im Wiener Schmäh halten sie konsequent über alle Titel fest.
Die inoffizielle österreichische Indie-Allstarband überzeugt mit einem stimmungsvollen, nicht alltäglichen Album, das man mit gutem Gewissen als besondere Entdeckung einstufen darf.
Line-up Die Buben im Pelz:
David Pfister (Gesang)
Christian Fuchs (Gesang)
Markus Reiter (Gitarren)
Christof Baumgartner (Bass)
Bernd Supper ( Keyboards)
Gernot Scheithauer (Schlagzeug)
Tracklist "Geisterbahn":
- Fieber
- Geisterbahn
- Frühlingsgepenster
- Kodachrom
- Bella Ciao
- Saurer Regen
- Einsame Gammler
- Gott straft das Internet
- Macht kaputt, was euch kaputt macht
- Sterben am Strand
Gesamtspielzeit: 39:42, Erscheinungsjahr: 2021



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