Corona hat viele Dinge verändert, Menschen aus dem Leben gerissen. Epitaph wurde von der Pandemie ausgebremst, als sie gerade ihre 50-Jahre-Tour (mit der Album-Kompilation Five Decades Of Classic Rock begonnen hatten. Fünfzig Jahre erfolgreiche deutsche Rockmusik, die aber mit den typischen Krautrock-Erscheinungen wenig bis gar nichts zu tun hat. Ihr gradliniger Gitarrenrock könnte gut und gerne auch in anglikanischer Herkunft verortet werden und tatsächlich hat die Band ja in den siebziger Jahren mal eine Weile in den Staaten gelebt. Ihr Song "Lost In America" erinnert an die Zeit und fehlt natürlich nicht in der Setlist dieses neuen Live-Albums, welches aus einem Stream vom vergangenen April herrührt und als reine Fan-Edition erscheint.
Wer kaufen möchte, wende sich vertrauensvoll an die Band bzw. konsultiere ihren Bandshop. Es lohnt sich allemal und das in mehrerlei Hinsicht – auch, weil man das Konzert sowohl als CD als auch als DVD (mit einer ausgezeichneten Bildqualität, aber ohne jeden Schnickschnack und nervigen Kamerafahrten) ins Haus holen kann. Dass wir im Laufe des Abends durch die fünfzig Jahre Bandgeschichte geführt werden, dürfte auf der Hand liegen, das Set bietet die bekanntesten Nummern einer legendären Vergangenheit, Songs, die auch ich schon das ein oder andere mal live erleben durfte.
Auch Epitaph hat seit der Gründung vor mittlerweile fast zweiundfünfzig Jahren diverse Umbesetzungen und Unterbrechungen erfahren, aber zwei der drei Gründerväter sind heute noch dabei: Cliff Jackson und Bernd Kolbe. Auch Heinz Glass mischt schon mehr als vierzig Jahre mit, nur Carsten Steinkämper am Schlag ist noch nicht so lange dabei, dafür aber ein echter Dortmunder Jung. Und Epitaph wurde einst in Dortmund zum Leben erweckt! So verwundert es nicht, dass das pandemiebedingt ohne Publikum stattfindende Konzert in der Lindenbrauerei Unna aufgezeichnet wurde, Carsten hätte glatt mit dem Fahrrad anrollen können.
Die Stimmung auf der Bühne ist prächtig, man spürt den Enthusiasmus der Musiker in jeder Sekunde, nach der langen Zwangspause zumindest wieder vor einem virtuellen Publikum spielen zu dürfen und auch bei mir steigen sentimentale Gefühle auf, da ich daran denken muss, dass mein letztes Live-Konzert schon fast zwei Jahre zurückliegt. Und was in der Pandemie alles geschehen ist. Die Nostalgie lange bekannter Songs einer Band, die immer schon zu meinen Favoriten zählte, verschmilzt mit persönlichen Rückblicken und Gefühlen.
Live-Streams gab es einige während der Lockdowns. Die, die ich gesehen habe, brachen meist nach wenigen Minuten servertechnisch zusammen und erhöhten eher den Frust. Hier aber haben wir es mit einem Dokument in ausgezeichneter Qualität zu tun, eine Band wie Epitaph weiß, was man seinen Fans bieten möchte. Und genau darum geht es: Die Band möchte Danke sagen an alle, die ihre Musik seit so langer Zeit begleiten, die sehnsüchtig auf die Jubiläumstour warten (die inzwischen wieder anläuft). Es war ein wunderbares Zeichen inmitten einer dunklen Zeit und allein deshalb wird dieses Konzert für immer einen besonderen Stellenwert in der Bandgeschichte einnehmen.
Muss man die Musik einer solchen Kombo tatsächlich noch näher beschreiben? Geiler Gitarrenrock, der durch Cliff und den ursprünglichen Drummer Jim McGillivray durchaus britisch geprägt war, vor allem aber von den zwei Sechssaitern lebt, die sich gerne auch mal als Twin-Guitar begegnen und daher gelegentlich ein wenig an Wishbone Ash erinnern. Die Spannung lebt dabei von der unterschiedlichen Herangehensweise der Protagonisten. Cliffs klare, scharf akzentuierte und riffige Gitarre trifft auf Heinz, der einen wunderbar bluesigen Stil prägt, markant harmonische Soli setzt und gern auch mal den Bottleneck zum Einsatz bringt. "Woman" ist ein geiler Beleg hierfür. Dazu der perfekt angepasste, rollend vorantreibende Bass von Bernd (der auch für die Lead Vocals sorgt) und seit neuerer Zeit auch die ungestüme Power von Carsten hinter der Schießbude, das alles sind Merkmale, die uns olle Rocker glücklich machen.
Auch zwei sehr schöne Cover-Versionen haben es in das Konzert geschafft, wenn man das kurze Intro "Rondo Alla Turca" mal außen vorlässt, Herr Mozart wird es uns verzeihen. So spielen sie das legendäre "Villanova Junction", mit dem einst Jimi Hendrix das Woodstock-Festival beendete. Auch Uli Roth brachte diese Nummer einst live, aber sehr werkimmanent und härter akzentuiert. Heinz Glass findet einen sehr emotionalen Umgang mit dem Song und das hinterlässt wohlige Schauer auf dem Rücken – mehr noch, was er da spielt ist eine Offenbarung. Solche Seelenöffner bringt sonst nur Warren Haynes. Diese Version eines alten Klassikers berührt mich tief. Aber auch die zweite Cover-Nummer reißt mit, "Sympathy" von den lange schon (fast) in Vergessenheit geratenen Rare Bird ist so oder so ein geiler Song.
Epitaph spielen einfach geile Rocknummern, mal knackig frech, mal jammig groovend, immer zeitlos und mitreißend. Gerade jungen Retro-Fans, die es in der Rockszene glücklicherweise auch noch gibt, sei es wärmstens empfohlen, sich einmal mit diesen Originalen auseinanderzusetzen. Ich bin froh und glücklich, dass es viele junge Bands gibt, die sich auf die guten alten Zeiten besinnen – aber wenn man den Vätern dieser Musik auch heute noch begegnen kann, sollte das Ansporn und Motivation sein, hier tiefer einzutauchen. Diese Musik erzählt viel von unserer Kultur und Epitaph haben viel erlebt. "Ride The Storm" ist eine Aufforderung – aber eben auch eine geniale Nummer, die sich aus ihrem hymnischen Beginn in ein wild treibend, grooviges Abenteuer entwickelt. Und der Rausschmeißer "Stop Look And Listen" ist der Fels in der Brandung, der sich einem wogenden Meer entgegen stellt, hier darf Heinz noch einmal alle Register seines Könnens präsentieren, jetzt haut es mich endgültig aus dem Sessel.
Macht einfach ganz viel Spaß!
An dieser Stelle muss ich mich endlich auch einmal bedanken, zumal ich ja noch nicht so lange dabei bin. Danke an MIG Music, die uns die Scheiben zur Verfügung stellten. Und nicht nur die, denn zu CD und DVD gesellte sich ein wunderschönes Magazin, welches als Katalog zum fünfzigjährigen Jubiläum passt. Liebevoll gestaltet und für den Fan ein wahres Kleinod. Danke vor allem an Epitaph, die diese spezielle Edition selbst produziert haben und uns an den limitierten Exemplaren haben Anteil nehmen lassen. Mehr noch aber möchte ich mein Glück zum Ausdruck bringen, schon so lange mit dieser wunderbaren Musik leben zu dürfen; und wer mal das Vergnügen hatte, die Jungs persönlich kennenzulernen, der weiß, was für angenehm nette Zeitgenossen das sind.
Zuletzt gilt mein Dank meiner Chefin, die einem zottelig alten Neuling in der Redaktion ein solches Prachtwerk überlassen hat, es hat mich tief und innig mit Freude erfüllt. Daher kann die Botschaft nur lauten: Kaufen und beim nächsten Konzert hingehen, über die aktuellen Termine informiert unser Tourkalender sowie die Band-Website.
Line-up Epitaph:
Cliff Jackson (guitar, vocals)
Bernd Kolbe (bass, lead vocals)
Heinz Glass (guitar, vocals)
Carsten Steinkämper (drums)
Tracklist "The Corona Concert":
- Fresh Air
- Outside The Law
- Woman
- Windy City (nur DVD)
- Villanova Junction
- Remember The Daze
- Hole In My Head (nur DVD)
- Cold Rain
- Lost In America
- Nightmare
- Ride The Storm
- Looking For A Friend (nur DVD)
- Sympathy
- Rondo Alla Turca (nur DVD)/One Of These Days
- Stop Look And Listen
Gesamtspielzeit: 73:59 (CD), 105:24 (DVD), Erscheinungsjahr: 2021



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