Rattenscharfer Höllenritt im samtig weich duftenden Blumenbeet
Rosenduft oder Höllenfegefeuer?
Während im niederländischen Assen gerne die Reifen sportlicher Motorräder qualmen, glühten Anfang März dieses Jahres in der nicht weit entfernten Festungsstadt Steenwijk bei der zweiten Auflage der Sean Websters Blues All-Nighter – einem eintägigen internationalen Bluesfest – auf der (großen) Bühne des städtischen Veranstaltungszentrums die Saiten. Die Finnin Erja Lyytinen fegte wie das Höllenfeuer mit und ohne Röhrchen technisch anspruchsvoll über ihre beeindruckenden Saiteninstrumente, verrenkte alle Körperteile mit gymnastischer Euphorie und donnerte ins Mikro, als ginge es um ihr Leben.
War das Blues?
Immerhin gilt die seit nunmehr gut zwanzig Jahren im Geschäft befindliche Dame aus Kuopio als Blues-Queen ihres Landes und Königin der Slide-Gitarre. Zwei ihrer größten musikalischen Einflüsse und Idole sind mit Koko Taylor und Bonnie Raitt zu nennen. Nun, es galt an diesem Abend im Vorfeld des Headliners DeWolff, eine große Nummer beim Nachbarn und nicht unbedingt als Bluestraditionalisten bekannt, nicht nur dem zahlreichen Publikum einzuheizen, sondern auch das brandneue und damals noch nicht auf dem Markt befindliche Studioalbum "Smell The Roses" vorzustellen.
Und genau dieses setzt die Entwicklung fort, welche die Künstlerin mit akademischen Musikabschluss seit ihrem 2017er Album "Stolen Hearts" konsequent vorantreibt, nämlich das Genre Blues und Blues Rock weiter zu öffnen, um zusätzliche Möglichkeiten des Ausdrucks zu erlangen, sowohl an den Saiten, als auch am Gesangsmikrofon. Und so flossen nach und nach die Duftnoten von Classic Rock, Hard Rock, Prog Rock, Roots Rock oder gar Pop Rock in ihre in der Grundtonalität im Blues verwurzelten Musik ein und sorgten zumindest bei der heimischen Musikkritik aus Sicht des Rezensenten für ungewohnt negative Töne. Dabei wurden ihre Alben sukzessive musikalisch immer spannender, das Saitenspiel vielse(a)itiger und der Gesang variabler und druckvoller.
Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung darf mit "Smell The Roses" gefeiert werden und konsequenterweise lässt sich im Netz nicht eine einzige deutschsprachige Rezension zu diesem Album finden.
Für das neueste Werk sind die Backing-Tracks innerhalb von nur drei Tagen mit ihrer Tour-Band eingespielt worden, Gesangs- und Gitarrenspuren entstanden anschließend im Home-Studio der Protagonistin. Der Titelsong darf als Opener gleich mal demonstrieren, dass hier Bluestraditionalisten tatsächlich fehl am Platze sind. In einer besseren Welt hören wir einen hervorragenden Radio-Hit mit Anleihen beim 1990er-Jahre College-Rock, ein gesalzenes Saitensolo, welches das Ding umgehend wieder aus der Rotation katapultiert und einen fesselnden, sehr melodischen Refrain. Nachgelegt wird mit "Going To Hell", die Orgel röhrt, die Saiten jubilieren im besten Guitar-Hero-Duktus zwischen Classic- und Heavy-Rock, während Lyytinen mit ihrem Blues die Hölle öffnet ("Going To Hell With My Blues") … was für eine Steilvorlage für die Bühne!
"Abyss" dagegen könnte Erja auch in Wacken spielen und saitenartistisch vermutlich den dortigen gesamten Rest locker an die Wand. Kompositorisch ein leicht vertrackter Heavy-Prog mit 1970er-Jahre Volldampf-Riffing, irren Griffbrettfahrten und einer kontrastierenden melodischen Hookline.
Es gelingt der Künstlerin über die gesamte Albumlänge, dass kein Stück dem anderen ähnelt, während der Kontrast aus eher einfacher Melodieführung und anspruchsvoller Instrumentalartistik mit Kraft und Dynamik den roten Faden kennzeichnen. Da darf auch gerne in "Wings To Fly" kurz Ringo Starr augenzwinkernd mit "It Don’t Come Easy" um die Ecke kommen, während das gleiche Stück Wishbone Ash glücklich machen würde, inklusive wiederholt melodisch zwingendem Refrain. Die Slide-Boogie-Rocker kommen bei "The Ring" auf ihre Kosten, "Ball And Chain" rotzt die Alternative-Rock-Karte mit triumphierendem Slide-Spiel und dem Kontrast der luftigen Hooks.
Staubig, schwül und rootsig wird es in "Stoney Creek" – bei dem Sonny Landreth vor dem geistigen Auge auftaucht – bis uns "Empty Hours" mit zarten, verwehten, klagenden Klängen und emotional intensiver Gesangsleistung aus dem Album entlässt, welches augenblicklich auf Wiedervorlage kommen sollte, denn …
![* Olli, hier aus den Tiefen des Archivs, unsere 'Uhrensammlung' aus dem vergangenen Jahrtausend: [Der Redaktionsarchivar]](https://www.rocktimes.info/wp-content/uploads/2025/04/rt-bewertungen-150x150.jpg)
* Olli, hier aus den Tiefen des Archivs, unsere 'Uhrensammlung' aus dem vergangenen Jahrtausend: [Der Redaktionsarchivar]
"Smell The Roses" dürfte nicht nur das bisherige Highlight in der Studio-Karriere von Erja Lyytinen sein, sondern auch ein heißer Anwärter auf die Top 5 des Jahres, Abteilung handgemachte Rockmusik.
Überflüssig zu erwähnen, dass der Auftritt in Steenwijk zehn von zehn zu vergebenen RockTimes-Uhren (wer erinnert sich noch?*) wert war, was nicht zuletzt am hervorragenden Songmaterial des neuen Albums lag, aber natürlich auch ihren kongenialen Mitstreitern Heikki Saarenkunnas am Tieftöner und Jesse Lehto an Becken und Fellen zu verdanken war. Die Produktion ist angemessen druckvoll, ohne Ballast und findet eine gute Balance zwischen erdig rau und technisch geschliffen. Die Dynamikkompression fällt leider – wie fast immer bei den Produktionen der letzten 25 Jahre – zu hoch aus.
Insgesamt ist "Smell The Roses" ein rattenscharfer Höllenritt im samtig weich duftenden Blumenbeet.
Line-up Erja Lyytinen:
Erja Lyytinen (vocals, guitars)
Harri Taittonen (Hammond organ)
Heikki Saarenkunnas (bass)
Jesse Lehto (drums)
Tracklist "Smell The Roses":
- Smell The Roses (4:40)
- Going To Hell (5:01)
- Abyss (7:21)
- Dragonfly (5:46)
- Wings To Fly (6:12)
- The Ring (5:35)
- Ball And Chain (4:16)
- Stoney Creek (5:08)
- Empty Hours (5:24)
Gesamtspielzeit: 49:26, Erscheinungsjahr 2025



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